Nicole Hoffmeister-Kraut setzt auf die Entwicklung der Automobilwirtschaft. Foto: Roberto Bulgrin

Bei einem Besuch der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut zeigt die Esslinger Zukunftswerkstatt 4.0: Die Entwicklung der Automobilwirtschaft ist bereits weiter als viele ahnen.

Fast unheimlich unscheinbar ist die Zukunft der Automobilwirtschaft und geht technologisch weiter über eine Autoreparatur hinaus. Fährt man in den Hof der Zukunftswerkstatt 4.0 im Esslinger Industriegebiet Sirnau, passiert man zwei Stelen. Dann flattern die Mega-Bytes durch die Systeme. „Die Karosserie wird von mehreren Kameras in den Stelen gescannt und Schäden werden erkannt. Bei Bedarf könnte eine KI direkt die passenden Ersatzteile bestellen“, erklärt Edith Pisching, Direktorin der Schau- und Experimentierwerkstätte.

 

Das Interieur mutet an wie ein Mosaik aus Autohaus, Seminarraum und Werkstatt. Am Eingang steht ein Begrüßungsroboter, hinter einem polierten elektrischen Sportwagen das Herzstück: zwei Hebebühnen. Alles in der Halle ist auffallend sauber: „Dadurch dass wir nur mit E-Autos arbeiten, haben wir nicht mehr viel mit Öl zu tun“, erklärt Edith Pisching.

Investieren ja, aber in was?

Am Dienstag besuchte die Wirtschaftsministerin des Landes Baden-Württemberg, Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), die rund 450 Quadratmeter großen Räumlichkeiten. Deren Bau kostete insgesamt 2,8 Millionen Euro und wurde vom Land mit 700 000 Euro unterstützt. Es war der letzte Halt der Ministerin auf ihrer Themenreise zur Transformation der Automobilwirtschaft. „Baden-Württemberg ist ein Automobilland. Der Innovationsprozess findet statt – mit oder ohne uns“, sagt Hoffmeister-Kraut in Esslingen. Deswegen sei es wichtig, jetzt in die Zukunft zu investieren, um nicht den Anschluss zu verlieren an finanzstarke Länder wie die USA.

Nur, was sollen Autohäuser und Werkstätten investieren? Welche technischen Neuheiten sind im tatsächlichen Schrauber-Alltag praktikabel und notwendig, welche nur technische Spielerei? Die theoretischen Möglichkeiten sind scheinbar grenzenlos. Genau dafür sei die Werkstatt da, um nicht den Überblick zu verlieren: „Es ist ein Innovationsschaufenster“, sagt Stefan Reindl, Geschäftsführer der Zukunftswerkstatt 4.0. In diesem Schaufenster könne man auf alle Bereiche wie Lieferkettenoptimierung, Digitalisierung, automatisierte Fahrsysteme sowie alternative Antriebstechnologien einen genauen Blick werfen. „Ein Reallabor, wo man experimentieren und ausprobieren kann“, sagt Ministerin Hoffmeister-Kraut.

Einer neuer Gebrauchtwagenmarkt

Das Angebot der Zukunftswerkstatt richte sich an Autohäuser, die sich dort über Software-Neuheiten beispielsweise zu Logistik, Kundenakquise und Laufwegoptimierung informieren können, an Werkstätten, die verschiedene Lösungen für neue technische Herausforderungen testen wollen, um die für sich passende auszuwählen, sowie an technische Hoch- und Berufsschulen, die dort direkt am Fahrzeug praktische Lehrinhalte vermitteln.

Ein ganz großes Thema der Zukunft ist laut Geschäftsführer Reindl der Gebrauchtwagenmarkt für elektrische Autos. „Dieser ist derzeit noch kaum existent“, sagt Helmut Eifert, Geschäftsführer der Firma Deutsche Automobil Treuhand, die gemeinsam mit der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen und dem Institut für Automobilwirtschaft die Zukunftswerkstatt 4.0 ins Leben gerufen hat. Die Autos seien noch recht jung, teuer im Weiterverkauf, und bei der Wertbestimmung gebe es noch offene Fragen. Vor allem beim teuersten Bauteil eines E-Wagens, dem Akku. Die Leistung lasse über die Jahre nach und es gelte, Testmöglichkeiten weiterzuentwickeln, die anhand von mehreren Kriterien eine Bewertung ermöglichen und die Frage beantworten können: Was heißt das in Euro?

Brauchen Sie vielleicht neues Öl?

Ein weiteres Thema sei der Personalmangel in Werkstätten. Die Kundenabwicklung könnte bereits völlig automatisiert werden. Direktorin Pisching zeigt der Ministerin ein Terminal, bei dem man nur sein Autokennzeichen eingeben muss, und dann wird am Bildschirm ausgefüllt, wo das Problem liegt, wo man sein Auto auf dem Hof geparkt hat und ob man noch neue Scheibenwischblätter braucht oder vielleicht neues Öl. Ein Schlüsselfach öffnet sich, fertig.

Die Automaten seien bei zusätzlichen Verkäufen deutlich effizienter als Menschen, das würden Untersuchungen belegen. Es gebe auch halb automatische Alternativen: „Bei der Einfahrt wird das Kennzeichen per Kamera gescannt und am Empfang öffnet sich direkt die Kundenakte und, falls ein Termin gemacht wurde, folgen die Details.“

Digitales Werkzeug

Die Digitalisierung macht selbst vor den Werkzeugen nicht halt. Pisching holt einen digitalen Schraubenschlüssel und deutet auf ein kleines Display am Griff. „Hier wird angezeigt, mit welcher Kraft welche Schraube angezogen werden muss, und in einem Protokoll wird direkt gespeichert, dass der Arbeitsschritt korrekt ausgeführt wurde.“ Das würde nicht nur den Griff zum Handbuch überflüssig machen, sondern durch das Protokoll die Werkstätten auch in Sachen Haftung absichern. „Was früher ein Meister machen oder kontrollieren musste, kann jetzt auch ein Azubi oder eine ungelernte Kraft erledigen.“

Die Nutzung der Hightech hat ihren Preis

Konzept
 Eröffnet wurde die Zukunftswerkstatt 4.0 am 15. November 2021. Laut eigenen Angaben wurde sie als offene Plattform konzipiert und ist mit rund 130 Partnern ein bedeutendes Netzwerk der Branche. Die zwei Werkstattarbeitsplätze sind für die Arbeit mit Fahrerassistenzsystemen und Hochvolttechnik ausgerüstet. Daneben gibt es einen Showroom-Bereich sowie zwei Schulungsräume

Kosten
 Wer die Hightech-Ausstattung der Zukunftswerkstatt nutzen möchte, muss tief in die Tasche greifen: Die Tagesmiete für die Werkstattarbeitsplätze beläuft sich auf knapp 1700 Euro, für Partner der Zukunftswerkstatt gibt es etwas über 300 Euro Rabatt. Für Events in allen Räumlichkeiten werden gar 3250 Euro pro Tag fällig, für Partner 2600 Euro.

Weitere Infos unter: www.zkw-inno.de