Sindelfingen möchte aus einer ehemaligen Müllkippe ein Zukunftsprojekt machen – und dort einen Teil seines Strom- und Wärmebedarfs selbst produzieren. Wer klimaneutrale Energie vor Ort erzeugt, dem gehört die Zukunft , meint unser Redakteur Michael Stürm.
Einfach Gras drüber wachsen lassen? Das wäre wohl nur die zweitbeste Idee gewesen, die Sindelfingen auf seiner ehemaligen Mülldeponie Dachsklinge hätte umsetzen können. Was nun auf dem 14-Hektar-Areal im Wald geplant ist, taugt viel mehr dazu, die Stadt für die Zukunft zu rüsten. Mit der „Energiedrehscheibe“, einem Zentrum zur Erzeugung grüner Energie, ist Sindelfingen ganz weit vorne dabei, eine der wichtigsten Zukunftsfragen anzugehen. Denn Strom und Wärme dezentral vor Ort produzieren, ist längst keine Vision von Ökofundamentalisten mehr, sondern ein Gebot der Stunde und ein Akt, der von politischer Weitsicht zeugt.
Muss das wirklich sein?
Riesige Windräder im Wald, quadratmeterweise Photovoltaik-Module in der Landschaft und kleine Heizkraftwerke, die aus Biomasse Energie machen – alles auf engem Raum beieinander: Zugegeben, bei so viel Umwelttechnik an einem Ort kann einen schon mal die Frage umtreiben, ob das denn wirklich sein muss. Die Antwort ist ein klares Ja. Anders geht es nicht – es sei denn, wir überlassen die Klimaentwicklung ihrem vom Menschen gemachten Gang. Oder wir reihen uns ein bei denen, für die das alles nur von dunklen Mächten erzeugte Panikmache ist, und geben uns den einfachen Lösungen auf komplexe Fragen hin. Die Folgen wären klar: In absehbarer Zeit würde es auf diesem Planeten ziemlich ungemütlich – nicht nur klimatisch. Doch es geht auch anders.
Das Beispiel Sindelfingen zeigt, wie: Einen Teil der Energie, den diese Stadt benötigt, möchte sie bald selbst produzieren – klimaneutral und vor Ort. Damit wird die Kommune ein Stück weit unabhängig von den Energieströmen auf dieser Welt, die (noch) allzu häufig von Autokraten und Schurkenstaaten gelenkt werden, oder aufwendig aus dem Norden des Landes transportiert werden müssen.
Die Industrie geht dorthin, wo unabhängige Energie bereit steht
Abhängig zu sein von politischen Lagen und einem mehr oder weniger funktionierenden Leitungsnetz wird zunehmend auch zum Problem für diejenigen, die hier vor Ort Güter erzeugen und Arbeitsplätze schaffen. Längst zählt die Verfügbarkeit von Wärme und Strom zu einem wichtigen Faktor, wenn sich Industrie und Handwerk überlegen, wo sie sich ansiedeln.
Selbst produzierte Energie wird somit mehr und mehr zu einem schlagkräftigen Argument, wenn es um die Sicherung des Standorts geht – nicht nur wegen der gleich um die Ecke klimagerecht gewonnenen Strom- und Wärmemengen: Wer Energie selbst produziert, kann auch bei der Preisgestaltung ein Wort mitreden und damit dem einen oder anderen Unternehmen die Ansiedlung schmackhaft machen und zum sozialen Frieden beitragen, in dem er bedürftigen Bürgern Rabatte gewährt. Klar, das alles kostet viel Geld. Aber mit jedem Euro,um den der CO2-Preis demnächst steigen wird, lohnen sich diese Investitionen. All dies macht das Sindelfinger Modell zu einer Blaupause für die Energiezukunft.
Ehningen im Abseits, Fragezeichen von der SPD
Indes scheint es noch ein langer und steiniger Weg, bis diese Erkenntnis überall reift. Bestes Beispiel ist Ehningen. Dort hat der Gemeinderat mit hauchdünner Mehrheit einen gemeinsamen Windpark mit Holzgerlingen und Böblingen verhindert. Damit hat sich die Kommune zunächst einmal ins energiepolitische Abseits geschossen. Ob das zu einer Gemeinde passt, die sich gerne modern gibt, und die IBM mit ihrem Hauptquartier, dem Labor und einem der größten Quantencomputer der Welt beherbergt, sei dahin gestellt. Fragezeichen sendet auch die SPD im Kreis. Ihr Fraktionschef in Sindelfingen zählt zu den größten Windkraft-Fans, sein Ehninger Kollege hat diese abgelehnt. Bis zu den Kommunalwahlen 2024 sollten die Wähler wissen, wofür diese Partei steht, wenn es um die Energiezukunft vor Ort geht.