Futuristisch wirkt der Campus-Neubau an der Ecke Poststraße/Römerstraße in Leonberg. Ein zweites Bauvorhaben wird aber vorerst nicht umgesetzt. Foto: Jürgen Bach

Der Technologiekonzern Bosch hat in der Region zu viele Büroflächen und will daher in Leonberg keine Megamensa mit Kongresshalle bauen.

Hüben hui, drüben pfui. Auf diesen Spruch könnte man kommen, ist man im nördlichen Bereich der Leonberger Poststraße kommen. Hier baut Bosch einen futuristisch anmutenden Campus, in dem die Entwicklung von Fahrassistenzsystem und das autonome Fahren vorangetrieben werden soll. Das terrassenförmig angelegte Gebäude in zentraler Lage wächst, Anfang des kommenden Jahres soll es bezogen werden.

 

Schräg gegenüber hingegen klafft ein riesiges Loch im Boden, eine Baugrube. Die wurde bereits im vergangenen Jahr im Eiltempo ausgehoben und mit einer straßenähnlichen Rampe versehen, die Baufahrzeugen ermöglichen soll, zum Einsatz in die Tiefe zu fahren. Doch seither ist kein einziger Laster oder Bagger nach unten gefahren. Und das wird auch so bleiben. Bosch hat seine Pläne, dort ein weiteres stufenförmiges Gebäude mit einer Kantine für 800 Gäste und einem Kongresssaal zu bauen, ad acta gelegt. Vorerst, wie es heißt.

Überangebot an Arbeitsplätzen?

Das Unternehmen begründet dies unter anderem mit Homeoffice und „anderen Formen des mobilen Arbeitens“. Dadurch stünden an den vorhandenen großen Bosch-Standorten in der Region freie Flächen zur Verfügung. Also gibt es in den Standorten der Region offenbar schon jetzt ein räumliches Überangebot an Arbeitsplätzen.

Aufhorchen lässt die weitere Begründung, die der Unternehmenssprecher Holger Scharf auf Anfrage unserer Zeitung anführt: „Der Geschäftsbereich XC (das autonome Fahren, die Red.) ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, sodass der in Leonberg geplante zweite Neubau nicht mehr ausreichend wäre, allen Mitarbeitern die benötigten Arbeitsplätze zu bieten.“ Gemeint sind damit keine klassischen Büros, sondern Arbeitsplätze, die, wie es heißt, „eine spezielle technische Ausstattung benötigen, wie etwa Labore, Prüfstände oder Teststrecken“. Von solch einer Art der Arbeitsplätze war bisher noch keine Rede.

„Das Unternehmen ist im Austausch mit Arbeitnehmervertretern, um die alternativen Pläne zu besprechen. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen“, erklärt der Sprecher. Im Ziel gehe es darum, „Mitarbeiter an bestehenden Bosch-Standorten zusammenzubringen, um diese besser auszulasten“. Ein Stellenabbau sei nicht geplant, versichert Holger Scharf angesichts eines Transparents, das am Bosch-Altbau in der Poststraße hängt. Demnach will der Betriebsrat „für die Arbeitsplätze in Leonberg kämpfen“.

Rund 2000 Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern sind bei Bosch in Leonberg beschäftigt. Als die Pläne für die Erweiterung der Leonberger Bosch-Niederlassung vor gut vier Jahren verkündet wurden, war noch von 1000 zusätzlichen Jobs die Rede, die allerdings teilweise aus anderen Standorten nach Leonberg verlegt werden sollten. Das scheint nun vorerst vom Tisch zu sein.

Kita und Betriebskrankenkasse bleiben

Keine Auswirkungen, so versichert der Unternehmenssprecher Scharf, habe das gestoppte Bauvorhaben auf das eigentliche Campus-Projekt, das planmäßig weiterlaufe und Anfang des kommenden Jahres bezogen werden soll. Her entstehen 1500 Arbeitsplätze für rund 1900 Beschäftigte, die sich die Schreibtische im sogenannten Desksharing-Prinzip teilen. Damit will das Unternehmen auch lange Anfahrtswege reduzieren.

In der Kommunalpolitik sind unterdessen Befürchtungen aufgekommen, der Bosch-Standort Leonberg könne womöglich seinen Status als Sitz der Entwicklung für das autonome Fahren verlieren. „An seiner Präsenz in Leonberg wird Bosch festhalten“, erklärt der Unternehmenssprecher Scharf auf Nachfrage unserer Zeitung hierzu. „So wird der Geschäftsbereich XC Anfang 2024 mit rund 2000 Mitarbeitenden wie geplant das neue 50 000 Quadratmeter große Bürogebäude an der Poststraße beziehen. Auch der Bereichsvorstand des Geschäftsbereichs wird ab dem nächsten Jahr seinen Sitz dort haben.“

Ebenfalls nicht zur Disposition stehen demnach eine Kindertagesstätte, die gemeinsam mit der Stadt betrieben werden soll, und die firmeneigene Krankenkasse Bosch BKK, die im Neubau einziehen soll. Auch über deren Präsenz hatte es in der jüngsten Zeit Gerüchte gegeben.

Einer der größten Verfechter des Bosch-Projektes ist mit der aktuellen Entwicklung naturgemäß nicht zufrieden. „Ich werde mit der Geschäftsführung sprechen, ob es nicht noch Chancen für den zweiten Neubau gibt“, erklärt der Leonberger Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) auf Anfrage. Er gibt sich optimistisch, dass es doch die Möglichkeit für ein Bosch-Engagement gibt. Schließlich gehöre die Fläche der Firma.

OB hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben

Ein Dauerzustand, so betont der OB, könne das seit mehr als einem Jahr brachliegende Gelände nicht sein: „Wir brauchen eine städtebaulich befriedigende Lösung.“

Der Ort des architektonisch hochwertigen Neubaus ist an der Ecke zur Römerstraße, vielen noch als Standort von Möbel-Mutschler bekannt. Zuletzt hatte das Bietigheimer Möbelhaus Hofmeister hier eine Filiale, die Ende 2021 abgerissen wurde.