André und Michelle Köllner trainieren täglich, obgleich unklar ist, wann sie wieder vor Publikum auftreten. Ihrem Circus Montreal fehlt die Perspektive. Foto: Gottfried Stoppel

Der Circus Montreal aus dem bayerischen Olching hat Unterschlupf auf dem alten Bolzplatz beim Freizeitzentrum in Großerlach gefunden. Die Zirkusfamilie will wieder auftreten, hat aber zurzeit keine Perspektive.

Großerlach - Sie lassen sich die gute Laune nicht nehmen, speziell an Tagen wie diesem nicht. Die Sonne lacht vom Himmel – und der Herr Bürgermeister schaut vorbei. Christoph Jäger will sich mal wieder erkundigen, wie es der Zirkusfamilie Köllner geht, die vor ein paar Wochen wegen der Corona-Krise in Großerlach gestrandet ist.

Der kleine Circus Montreal hat Unterschlupf gefunden auf dem alten Bolzplatz beim Freizeitzentrum am Ortsrand von Jägers Gemeinde, die mitten im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald liegt. Die Familie hatte Glück im Unglück, aber eine Perspektive hat sie zurzeit jedenfalls noch nicht. Großveranstaltungen sind bis Ende August verboten – und mit deutlich weniger Zuschauern im Zirkuszelt als sonst wäre die Arbeit nicht auskömmlich.

Kein Harz IV für die Zirkustiere  

Den bis dato letzten Auftritt hatten die Köllners am 1. Januar beim Weihnachtszirkus in Bartenbach, einem Örtchen, das zur Großerlacher Nachbarkommune Sulzbach gehört. Eine so lange Pause hat der Zirkus noch nie einlegen müssen. Gabriele Köllner (55), ihr Mann Andreas (53) und die Kinder Michelle (18), Samantha (29) und André (23) hatten eigentlich geplant, nach einem längeren Stopp in Bartenbach Anfang März wieder auf Tour zu gehen. Doch dann kam wegen der Pandemie alles ganz anders. Irgendwann musste der Zirkus die Wiese in Bartenbach räumen. Der Großerlacher Schultes hat in der Lokalzeitung von dieser Misere gelesen – und sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt. Christoph Jäger hat beim Betreiber des Freizeitzentrums, Marco Wieland, angefragt – und dieser habe spontan zugesagt, erzählt der Bürgermeister. Die Zirkusfamilie war vorerst gerettet. Die Rücklagen indes seien mittlerweile leider größtenteils aufgebraucht, so Gabriele Köllner.

In den Genuss staatlicher Zuschüsse sei der Zirkus leider nicht gekommen. Das Gewerbe in Bayern gemeldet, der aktuelle Standort aber in Baden-Württemberg – das sei das Problem gewesen. Die Eltern und ihre drei erwachsenen Kinder bekommen nun Harz IV-Zahlungen, und sie kämen mit dem Geld einigermaßen über die Runden. Aber die Tiere, unter anderem Lamas, Ponys, Ziegen und Enten, erhalten kein Harz IV. Man sei auf Futterspenden angewiesen. Größere Probleme erwartet Gabriele Köllner Ende Juni, spätestens Anfang Juli, denn dann würden Versicherungszahlungen fällig und die Zugmaschine müsse zum Tüv.

Zirkus plant Dankes-Vorstellung in Großerlach

Auch alle kleineren Auftritte in Seniorenheimen, in Schulen und Kindergärten wurden längst abgesagt. Das Frühjahr, sagt Gabriele Köllner, sei eigentlich „unsere Hauptsaison“ – und die ist heuer gelaufen. Alle Familienmitglieder lassen sich ihren Optimismus aber nicht nehmen. Täglich wird trainiert, zum Beispiel Jonglage mit den Keulen und die Nummer mit den Hula-Hoop-Reifen. Samantha Köllner sagt: „Es gibt nur wenige Zirkusse, die zurzeit einen so traumhaften Platz haben wie wir.“ Und ihr Bruder André will sich nicht entmutigen lassen, eines Tages, sagt der junge Mann, werde er den Zirkus mal übernehmen. „Das ist der Plan.“

Es gibt auch einen Plan für den Tag X. Sobald es wieder gestattet ist, dass Zirkusse vor großem Publikum spielen dürfen, werde es in Großerlach eine Dankes-Vorstellung geben, erklärt Gabriele Köllner. Und falls die Zwangspause noch länger dauern sollte, so Jäger, „kann der Zirkus bei uns auch überwintern“.

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