Nicht mit Tieren, dafür mit hunderttausend Liter Wasser garniert der Zirkus Charles Knie seine aktuelle Schau. Am Mittwoch feierte er Premiere. Das Programm ist nicht neu, und lässt einem doch den Atem stocken.
Exotische Kreischlaute ertönen unter der Zirkuskuppel. Die mischen sich mit den Rufen aus dem Publikum, das erstaunt bis begeistert auf die großen Papageien schaut, die über ihren Köpfen ihre Runden drehen. Wie von Geisterhand gesteuert landen sie nacheinander auf der Hand von Laura Urunova, die zur Charles-Knie-Premiere vorne im Programm platziert ist. Und das, obwohl der Zirkus den Tieren ja mittlerweile abgeschworen hat. Seit 2022 garniert er seine Akrobaten nicht mehr mit Elefanten oder Tigern. Stattdessen tanzen bunte Wasserfontänen durch die Manege, die mehr einem überdimensionalen Springbrunnen gleicht.
Ausnahme der Regel
Laura Urunova bestätigt als Ausnahme die neue Regel. Einer von Urunovas Papageien bringt das Kunststück fertig, mit den Krallen erst ein Schnapsglas aufzunehmen, um sich den Inhalt dann mit dem Glas im Schnabel vollends hinter die Binde zu kippen. Szenenapplaus. Diese Form der Tierdressur scheint verträglich, sind doch bisher keine Proteste dagegen bekannt. Im Jahr 2012 begann die Tierschutzorganisation Peta, dem Zirkus Tierquälerei vorzuwerfen. Die Großtiere hätten zu lange Standzeiten in den Transportern zu ertragen, die Haltung sei wenig artgerecht.
Proteste von Tierschützern
Nachdem die Proteste anschwollen und sich die Zirkustruppe in jeder zweiten Stadt damit konfrontier sah, schwenkte Charles-Knie-Impresario Sascha Melnjak nach anfänglichem Zögern um. Seit 2022 sind die Tiere im Programm nur noch eine Randerscheinung. Dompteurin Laura Urunova hat noch eine Hundeschau im Repertoire, die im Publikum ebenfalls für Heiterkeit sorgt: Ein Pudel kann mit ihr Seilhüpfen, ein Border Collie macht einen Satz durch einen Reifen und nicht weniger als fünf Hunde führen im Männchen sogar eine Polonaise auf. Sehenswert.
Ungeheuer biegsam
Dieses Prädikat verdienen die meisten der Artisten. Schon vom Zuschauen einen Bandscheibenvorfall bekommt man bei Lorenzo, dem „Man in the box“. Der Schlangenmensch beherrscht die Biegung seiner Wirbelsäule nach hinten derart meisterhaft, das man meinen könnte, er hätte gar keine. In anmutigen Posen lächelt er durch seine Beine rückwärts ins Publikum. Und entzückt es vollends, als er in einer Art durchgebogenen Handstand mit den Füßen mit Pfeil und Bogen einen Luftballon zerschießt.
Schwindelerregend schnell
So drehen sich Veronika und Paolo Ernesto auf ihren Rollschuhen. Mit ihnen rotieren sie über eine gerade einmal 1,50 Meter breite Bodenplatte. Und das so schnell, dass die Dame sich am Tau hängend in die Luft erhebt, während Paolo für rasende Rotation sorgt. War im Physikunterricht die Zentripetalkraft eher eine trockene Angelegenheit, wird sie hier auf beeindruckende Weise anschaulich.
Rekordverdächtiger Drahtseilakt
Weniger die Fliehkraft, als vielmehr die Schwerkraft ist es, die die Truppe Robles meisterhaft beherrscht. Zwei der Akrobaten bringen es doch tatsächlich fertig, mit Fahrrädern über das Seil zu fahren – und sogar noch eine Stange zwischen sich einzuklemmen, die noch einmal eine Dame auf einem Stuhl trägt. Wirklich still unter der Zirkuskuppel wird es jedoch erst, als Robles zum Weltrekordversuch ansetzen: vier Männer auf dem Hochseil klemmen zwei Stangen zwischen sich ein, auf denen zwei Damen balancieren, die wiederum eine Dame auf einer Stange zwischen sich tragen. Das Publikum hält den Atem an, als sich die menschliche Pyramide im Takt von „Una, Dos“ – spanisch für eins, zwei – über das Seil schiebt. Der erleichterte Applaus brandet erst auf, als die Truppe das sichere Podest erreicht.
Spritzige Lichteffekte
Die Lasershow des Duo Lugo ist Zirkus der neuen Art: Zu stampfenden Rhythmen schweben illuminierte Zauberwesen unter der Zirkuskuppel. Lichtgestalten tanzen und versprühen Laserstrahlen, als zu Licht und Nebel das Wasser empor spritzt. Das ist kurzweilig und imposant, wenngleich die Artistik eher zur Nebensache wird.
Knie-Bild zu versteigern
Es mag Zufall sein: Das Auktionshaus Sigalas in Hildrizhausen versteigert just am 7. November das Bild eines Mitglieds der bekannten Zirkusfamilie, Rolf Knie. Der Schweizer Kunstmaler, Artist und Schauspieler verbrachte seine Kindheit ebenfalls im Zirkus, widmet sich aber schon seit über 30 Jahren auch der Bildenden Kunst. Sein Bildnis eines Clowns kommt am 7. November ab 15 Uhr in Hildrizhausen unter den Hammer. Rolf Knie steht mit dem Zirkus aber in keinerlei Verbindung mehr. Die Großfamilie Charles Knie verkaufte den Betrieb bereits im Jahr 2006 an den Kaufmann Sascha Melnjak.