Zeltspektakel im Remstal In Winterbach rocken die Weltstars

Von Dirk Herrmann 

Es ist ein Ereignis der Superlative. Natürlich für den Flecken Winterbach mit seinen 7600 Einwohnern, aber auch fürs gesamte Remstal überhaupt. Monatelang haben die Aktivisten der Winterbacher Kulturinitiative Rock aufs achte Zeltspektakel hingefiebert, am Mittwoch geht’s endlich los.

Winterbach - Immerhin, der neue Achtmaster steht. Daran hatte Steffen Clauss, Chef der „Kulti“, wie sich die Rock-Initiative nennt, am Wochenende noch Zweifel. Ja, es war geradezu ein Schockmoment, als er per Handy die Mitteilung bekam, dass die Zugmaschine nach einem Unfall auf der Autobahn mit Totalschaden festsaß. Sollte etwa das ganze Festival auf der Kippe stehen? Irgendwann ging’s aber doch weiter, und mit einem Tag Verspätung fuhr der Laster aufs Winterbacher Festgelände, die Außenhaut konnte hochgezogen werden. 40 Meter breit und 70 Meter lang ist das Zelt, erstmals hat eine Fremdfirma „mit wahren Muskelpaketen“ den Aufbau übernommen – 5000 Euro kostet das. „Doch das ist es uns wert, dadurch gewinnen wir für unsere Helfer Kapazitäten und Zeit für andere, teilweise nicht minder harte Jobs“, sagt Clauss.

Anfang der 1990er Jahre gründete eine Handvoll Winterbacher die „Rockini“, so eine weitere Abkürzung für die Rockinitiative– aus dem Impuls, im eigenen Ort mal live jenen Bluesrock hören zu können, auf den man so stand. Den Auftakt machte Steve Gibbons am 28. April 1991 in der Schulturnhalle. Im Mai 1995 folgte dann das erste Zeltspektakel, unter anderem mit Der Kleinen Tierschau und Mothers Finest.

Langsam, aber stetig wuchs das in der Regel im Zweijahresrhythmus stattfindende Festival, stiegen die Zuschauerzahlen, kamen immer hochkarätigere Gäste: Peter Frampton, Gary Moore, Gianna Nannini oder Jethro Tull – Sänger Ian Anderson bereitete sich im Grünen vor und unterhielt mit seinen Querflöte-Übungen die Grillen und die Fische in der Rems. Die Kölner Band Bap war schon zweimal da, und der Kabarettist Gerhard Polt kommt heuer gar zum vierten Mal. Die erste Anfrage an Dieter Thomas Kuhn gab’s vor zehn Jahren, „irgendwann kann der halt auch nicht mehr Nein sagen“. Absagen nehme man gelassen, „da darf man nicht ehrenkäsig sein, sondern muss halt immer wieder penetrant nachhaken“, sagt Pressesprecher Bernd Waldheim.

Joe Cocker bringt seinen eigenen Koch mit

Für den längst ausverkauften Auftritt von Joe Cocker am nächsten Mittwoch hat die Rockinitiative das Festival um einen Tag verlängert, und zudem musste sie ihr Budget nochmals auf nun insgesamt knapp 800.000 Euro hieven – finanziert durch Kartenverkauf, Biergarten und Gastronomie und Sponsoren, die zehn bis 15 Prozent des Gesamtvolumens beisteuern. „Aber an was erinnerst du dich später mal lieber: daran, dass du die Chance Cocker ausgelassen hast, oder daran, dass du ihn tatsächlich gebucht hast?“, stellt Clauss die rhetorische Frage.

Cocker wird zudem mit einer großen Limousine von seinem Stuttgarter Fünf-Sterne-Hotel abgeholt und auch wieder hingebracht. Zudem bringt er seinen eigenen Koch mit – der dann im Backstagebereich die speziellen Mahlzeiten für den Woodstock-Veteranen mit der sensationellen Röhre zubereitet. Für alle anderen Künstler hat die Initiative in den kleinen Pavillonzelten hinter der Bühne zwei Köche bereitgestellt – und die Stars können es sich auf Sofas gemütlich machen, die Winterbacher Bürger eigens hierfür spendeten – „mittlerweile haben wir fast mehr, als wir brauchen“.

Zu den knapp 400 Vereinsmitgliedern gehört auch Bürgermeister (und Rockbassist) Albrecht Ulrich – er betätigt sich beim Festival als Kartenabreißer. 120 Helfer sind fürs tägliche Schichtprogramm eingeteilt. „Viele opfern ihren Jahresurlaub, um das Zeltfestival stemmen zu können“, sagt Clauss.

Hoffen auf 25.000 Gäste

Die bisherigen Festivals litten zumeist unter dem durchwachsenen Wetter – 2011 mit den Simple Minds als Hauptact gab’s Dauerregen und keinen Tag über 17 Grad –, das trübt insbesondere die Biergartenbilanz.

Doch in diesem Jahr sieht es gut aus – mit dem Wetter und den Besucherzahlen: Fast 20.000 Karten sind verkauft, insgesamt hofft man an den acht Tagen auf 25.000 Gäste. Den druckvollen Bluesrock draußen auf der Festwiese werden natürlich auch die Bürger im Ortskern ziemlich um die Ohren geblasen bekommen. In den vergangenen Jahren tolerierten sie den Lärmpegel, zudem hält das Peter-Hahn-Firmengebäude die Lautstärke etwas zurück.

Gerade das Bekleidungshaus, das seine Wiese fürs Festival zur Verfügung stellt, ist für die künftige Existenz des Festivals von Bedeutung – soll doch genau dort eines Tages das neue Hochregallager stehen. Doch bis dahin werde es wohl noch ein paar Jahre dauern, hofft Clauss – „einen ähnlich idealen Platz fürs Zeltspektakel findet man nämlich weit und breit nicht mehr“.

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