Zeitzeugen erinnern sich an die turbulente Zeit der Kreisreform (v. l. n. r.): Rainer Haas (ehemaliger Landrat Kreis Ludwigsburg), Dirk Oestringer (Bürgermeister Gerlingen), Klaus Herrmann (Stadtarchivleiter Gerlingen), Albrecht Sellner (ehemaliger Bürgermeister Gerlingen), Erwin Staudt (ehemaliger SPD-Kreisrat aus Leonberg und späterer VfB-Präsident) Foto: Jürgen Bach

Vor 50 Jahren hat die Kreisreform völlig neue Verwaltungsstrukturen im Land geschaffen. In Gerlingen erinnern sich Zeitzeugen an die turbulenten Tage.

Es sind schicksalhafte Tage für manche Städte und Gemeinden gewesen, als am 1. Januar 1973 die Kreisreform in Baden-Württemberg in Kraft trat. Aus 63 Landkreisen wurden 35, über Jahrhunderte gewachsenen Strukturen wurden teils auseinandergerissen. Die damalige große Koalition aus CDU und SPD wollte leistungsfähigere Verwaltungseinheiten schaffen.

 

Der Kreis Leonberg, zu dem Gerlingen gehörte, wurde auf die Kreise Böblingen, Ludwigsburg und den neuen Enzkreis verteilt. Gerlingen kam zu Ludwigsburg. Doch damit nicht genug: Der Stuttgarter Gemeinderat wollte auch etwas vom Kuchen abhaben und beschloss im Mai 1973, die Eingemeindung von Gerlingen, Korntal und Kemnat zu beantragen.

Zeitzeugen erinnern sich

Bei einem Gespräch, das die Stadt Gerlingen und der Verein für Heimatpflege unter dem Vorsitz von Jürgen Wöhler organisiert hatten, erinnerten sich jetzt Zeitzeugen an die turbulenten Tage.

Albrecht Sellner saß für die CDU von 1971 bis 1973 im Übergangskreistag in Leonberg und von 1979 bis 2009 im Ludwigsburger Kreistag. Bürgermeister in Gerlingen war er von 1983 bis 1999, heute ist er Ehrenbürger der Stadt. Leonberger Aspekte steuerte Erwin Staudt bei, Übergangskreisrat der SPD in Leonberg von 1971 bis 1973 und anschließend im Böblinger Gremium aktiv, später Präsident des VfB Stuttgart und Chef von IBM Deutschland. Erfahrungen als Ludwigsburger Landrat brachte Rainer Haas ein, der in Gerlingen aufgewachsen ist. Die aktuelle Sicht kam von Dirk Oestringer, Gerlinger Bürgermeister seit 2020.

„Die Stimmung im Gemeinderat war schrecklich“

„Die Stimmung im Gemeinderat war schrecklich. ,Wo kommen wir hin, wenn die Schulbuben mitbestimmen‘, hieß es“, erinnert sich Sellner, seinerzeit junger Gemeinderat. Landwirte und Handwerker waren verunsichert, die Bürgermeister taten beim Pferdemarkttreffen in Leonberg ihren Unwillen kund. „Leonberg war näher, keiner war vorher in Ludwigsburg gewesen, alle wollten bei dem finanzstarken, gut aufgestellten Kreis Leonberg bleiben.“

„Weil das Votum der Bürgerentscheide in sämtlichen Kreisgemeinden, bei dem sich fast 95 Prozent der Beteiligten für die Beibehaltung des Landkreises Leonberg aussprachen, unbeachtet blieb, wurde sogar von einem Dolchstoß für die Demokratie gesprochen“, erinnert sich Sellner. Anfangs sei es schlimm und der Zorn groß gewesen.

Niemand konnte sich vorstellen, zu Böblingen zu gehören

Als 23-jähriger Student wurde Staudt für die Leonberger SPD in den Kreistag gewählt. „Weil das ein Prestigeprojekt der Landesregierung aus CDU und SPD war, haben wir uns bei den Protesten zurückgehalten“, erinnert er sich an die Parteitaktik. Aber zu Böblingen zu gehören, habe sich niemand vorstellen können. „Es gab keine Beziehungen.“

In Leonberg galt es, das Riesenproblem der wilden Mülldeponien in Griff zu bekommen. „Wir haben die Deponie Rübenloch auf den Weg gebracht“, erinnert sich Staudt. Später im großen Böblinger Kreistag habe ihn der „brutale verbale Umgang“ miteinander geschockt. „Wie heute im Bundestag fehlte der Respekt voreinander.“

Auch Ludwigsburg ist vielen kein Begriff

„Wir haben auch das Schild ,LEO – muss bleiben!‘ im Auto gehabt“, erinnert sich Rainer Haas, der in der Gerlinger Steinbeißstraße aufwuchs. Doch eine Beziehung zu Leonberg habe die Familie nicht gehabt, sagt der Wahl-Leonberger. Die Stadt sei mit dem Bus kaum erreichbar gewesen, deshalb ging er aufs Gymnasium in Feuerbach. „Ludwigsburg habe ich aber auch nicht gekannt, bis ich mit meiner Mutter zum Landratsamt gefahren bin für meinen ersten Führerschein.“ Viel heftiger als die Eingliederung in den Kreis Ludwigsburg sei für die Familie die drohende Eingemeindung nach Stuttgart gewesen. „Es wäre nichts von dem übrig geblieben, was Gerlingen ausmacht, wir wären ein armer Flecken geworden, der das abbekommt, was von Stuttgart abfällt“, sagt Sellner.

Gerlingens Bürgermeister hat großen Anteil an der Eigenständigkeit

Die Eigenständigkeit sei der große Verdienst des damaligen Gerlinger Bürgermeisters Wilhelm Eberhard gewesen. Archivar Klaus Hermann weiß von Stuttgarter Lockangeboten: „Aus einer Gemeinderatssitzung wurde er ans Telefon gerufen, Stuttgarts OB Arnulf Klett wollte ihn sprechen“, schildert Hermann. „Später kam heraus, dass er ihm die Stelle des Kulturbürgermeisters mit gutem Salär angeboten hat, doch Eberhard hatte geantwortet, dass er lieber für weniger Geld der erste Mann im Gerlinger Rathaus sei, als der fünfte in Stuttgart.“

Aus heutiger Sicht habe die Kreisreform von vor 50 Jahren Gerlingen gutgetan, meint der Bürgermeister Dirk Oestringer. Wo es Sinn mache, werde über die Kreisgrenzen hinweg zusammengearbeitet. Als Beispiel nennt er das Leonberger Krankenhaus, das Hospiz, die Haldenwang-Schule und den Pflegeverbund, der die Sozialstationen Gerlingen, Leonberg und Weilimdorf vereint.

„Wenn man auf Augenhöhe agiert, wird alles ein Erfolg“, sagt Albrecht Sellner zu. Er zitiert den ersten gemeinsamen Ludwigsburger Landrat Ulrich Hartmann: „Kreisgrenzen sind letztendlich nur Formalien.“