Nach einer Studie der TU Darmstadt glauben 80 Prozent der Erwachsenen, dass Jugendliche nicht über ausreichend Internetkompetenz verfügen, um mit möglichen Risiken umgehen zu können. Stimmt, sagt der Medienpädagoge Robert Rymes: „Vor allem, wenn es bei den Risiken um Datenschutz und Verbraucherschutz geht.“ Foto: dpa

Kinder und Jugendliche haben das Smartphone immer im Anschlag – auch in der Schule. Wie können Lehrer damit umgehen? Und können Handy und Tablets beim Lernen helfen? Das erklärt der Medienpädagoge Robert Rymes – am 24. April beim Workshop unseres Zeitungsprojekts NiSch.

Herr Rymes, Sie wollen sich heute ganz spontan auf einen Kaffee verabreden – welches Medium nutzen Sie, um den Termin zu vereinbaren?
Ich nutze tatsächlich sämtliche Funktionen eines Smartphones: Manchmal schreibe ich meiner Verabredung eine Mail, Freunden rufe ich eher mal an. Auch verabrede ich mich per Messenger-Diensten wie WhatsApp.
Überlegen Sie auch stets, wenn Sie online mit dem Smartphone oder dem Computer unterwegs sind, ob Ihre Daten geschützt sind?
Seit den Enthüllungen von Snowden weiß man ja, dass eigentlich keine Daten der Welt wirklich sicher sind. Daher wäge ich schon ab, was ich wie verschicke oder online nutze. Beispielsweise nutze ich kein Mobile-Banking. Überweisungen und so, das mache ich lieber vom Computer aus. Auch bei neuen Apps schaue ich erst, auf welche Funktionen und Daten meines Handys diese Anwendung zugreifen will.
Nach einer Studie der TU Darmstadt glauben 80 Prozent der Erwachsenen, dass Jugendliche nicht über ausreichend Internetkompetenz verfügen, um mit möglichen Risiken umgehen zu können. Stimmt dieses Bild?
Wenn es bei den Risiken um Datenschutz und Verbraucherschutz geht, dann stimmt dieser Eindruck noch. Beispielsweise sind viele Schulklassen überrascht, wenn ich ­ihnen erkläre, dass der Messenger-Dienst WhatsApp eigentlich erst ab 16 Jahren genutzt werden darf, diese Altersgrenze vom Unternehmen aber sehr lax gehandhabt wird. Andererseits schwirren auch viele Gerüchte herum, worauf Apps alles zugreifen können. Und ob das seitens Dritter ausgenutzt werden kann. Es gibt also auch das andere Extrem. Dahinter stecken Unwissen und große Unsicherheit.
Doch wer soll ihnen den richtigen Umgang beibringen? Die Schule? Das Elternhaus?
Sowohl als auch. Klar stellt sich dann wiederum die Frage, wie medienkompetent Lehrer oder Eltern sind. Doch tatsächlich unterscheiden sich die Regeln, die im Netz gelten, kaum von denen, die auch im realen Leben angewendet werden – etwa was den respektvollen Umgang mit Mitmenschen betrifft. Was neu hinzukommt, ist der Datenschutz. Und sicher, da bleibt es nicht aus, sich mit den Risiken und Gefahren zu beschäftigen und auseinanderzusetzen.
Wie gut kennen sich aber Lehrer mit ­WhatsApp und Facebook aus?
Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt die sehr informierten Lehrer, die sich sehr gut auskennen – weil sie selber sehr aktiv im Netz unterwegs sind und beispielsweise einen Blog betreiben. Genauso gut gibt es Lehrer, die kein Smartphone und kein Tablet benutzen und dennoch genau wissen, was ihre Schüler in WhatsApp-Gruppen treiben – einfach, weil sie generell ein gutes Verhältnis zu ihren Schülern haben. Um Medienkompetenz zu vermitteln, braucht es also kein Extrastudium für Pädagogen, entscheidend sind das Interesse für die Lebenswelt der Schüler und die eigene Lebenserfahrung.
Eine im November veröffentlichte internationale Vergleichsstudie stellte fest: Schüler in Deutschland benutzen Smartphones gern in der Freizeit – aber anders als in Vorbildländern wie Kanada, Australien oder Tschechien vergleichsweise selten zu Lernzwecken. Nun ist an vielen deutschen Schulen die Handynutzung sowieso verboten – ist das sinnvoll?
Viele Schulen reagieren noch recht hilflos auf das Thema Smartphone. Durch Handyverbote erwerben Schüler keine Kompetenzen im Umgang mit ihren mobilen Geräten. Daher sollten sich die Schulen weiter diesen Themen öffnen. Zumal es ja durchaus Schulleitungen gibt, die mit Hilfe von Smartphones und Tablets eine neue Form des Unterrichtens ausprobieren. Und das auch recht erfolgreich. Das Tablet wird zwar auch zum Kommunizieren benutzt – aber es geht dabei darum, Aufgaben gemeinsam in der Gruppe zu lösen.
Der Umgang mit digitalen Medien hat auch unschöne Nebenwirkungen: Etwa jeder vierte Jugendliche gibt an, sich online über jemanden lustig gemacht zu haben. Ist die Hemmschwelle zu Cybermobbing gesunken?
Das ist schwierig zu beantworten, weil es bei der Häufigkeit von Cybermobbing-Fällen keine gesicherten Zahlen gibt. Hinzu kommt, dass Experten eine unterschiedliche Auffassung davon haben, wo Mobbing im Netz beginnt. Grundsätzlich stimme ich aber zu, dass es im Netz einfacher ist, andere zu beleidigen oder zu demütigen. Es gibt ja keine direkte Konfrontation mit dem Opfer, man muss ihm nicht in die Augen sehen. Und man muss auch meist keine unmittelbaren Konsequenzen fürchten. Allerdings merke ich bei Jugendlichen und Lehrern, dass ­deren Sensibilität gewachsen ist, was aggressives Online-Verhalten betrifft.
Auf die Schnelle, Herr Rymes: Was kann heute jeder Jugendliche, jeder Elternteil und jeder Lehrer tun – ganz ohne große Anstrengung – um ein bisschen sicherer verantwortungsbewusster unterwegs im Netz zu sein?
Betroffenen von Cybermobbing rate ich sofort mit Ihren Eltern zu sprechen, bevor sich bloßstellende Inhalte unkontrolliert verbreiten können. Auf der anderen Seite müssen Eltern für ein offenes Gesprächsklima sorgen, in dem das Kind keine Angst haben muss, das Smartphone abgenommen zu bekommen. Immer wieder bekomme ich mit, dass aus diesem Grund Kinder nicht mit ihren Eltern über Probleme im Netz sprechen. Was das Thema Datenschutz angeht, wäre es gut, neben WhatsApp auch einen weiteren, vertrauenswürdigeren Messenger-Dienst zu nutzen – etwa Threema, Simsme oder Textsecure. Beispielsweise nutze ich diese Dienste, um mit meinen engsten Freunden zu kommunizieren. Wenn ich Facebook auf dem Handy aufrufen möchte, gehe ich immer über den Browser und nie über die App. Das soll verhindern, dass Facebook zu viel über mein Surfverhalten herausbekommt oder auf meine Kontakte zugreifen kann. Und ein weiterer Tipp auf die Schnelle: Bei Apps immer hinterfragen, warum diese auf bestimmte Funktionen des Smartphones zugreifen muss. Ein Beispiel das jeder kennt: Wozu braucht eine Taschenlampen-App die Liste meiner Telefonkontakte? Das ist bekannt, ich weiß – aber die App gibt’s lustigerweise immer noch.
 

Die Stuttgarter Nachrichten bieten einen Lehrerworkshop an. Am Freitag, 24. April, referiert Robert Rymes zu den Themen Datensicherheit, Vor- und Nachteilen von sozialen Netzwerken, Hilfe bei Cybermobbing.

Die Redakteurin Regine Warth beantwortet im Anschluss Fragen zum Zeitungsprojekt NiSch.

Die Veranstaltung ist von 15 bis 18 Uhr im Pressehaus Stuttgart, Plieninger Straße 150, 70567 Stuttgart.

Anmeldungen nimmt Karin Klitzke, k.klitzke@stn.zgs.de, entgegen.

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