Zeitumstellung Wird bald nicht mehr an der Uhr gedreht?

Von Markus Grabitz 

Für viele EU-Bürger ist die Zeitumstellung im Frühjahr und Herbst ein Ärgernis. Foto: dpa
Für viele EU-Bürger ist die Zeitumstellung im Frühjahr und Herbst ein Ärgernis. Foto: dpa

Das EU-Parlament spricht sich gegen Sommerzeit aus – ein Forscher warnt davor, die Auswirkungen der Zeitumstellung zu unterschätzen.

Brüssel - Eine Stunde vor, eine Stunde zurück – für viele EU-Bürger ist die Zeitumstellung zweimal im Jahr ein Ärgernis. Bei den europäischen Volksvertretern ist das nicht anders. Bei der Debatte über Für und Wider der Sommerzeit melden sich Abgeordnete quer durch die Parteienfamilien zu Wort. Da heißt es, Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass selbst die innere Uhr von Fruchtfliegen von der Zeitumstellung gestört werde.

Der fraktionslose polnische Abgeordnete Janusz Korwin-Mikke argumentiert, die Sommerzeit gehöre schon deswegen abgeschafft, weil sie vor 65 Jahren von den Kommunisten in seinem Land eingeführt worden sei. Die meisten sprechen sich für eine Abschaffung der Sommerzeit aus. Der CDU-Abgeordnete Werner Langen will gegen den Trend die Sommerzeit beibehalten. Die Sommerzeit verhelfe den Menschen zu mehr Sonnenlicht. Und es sei doch klar: „Wo das Sonnenlicht fehlt, gibt es mehr Depressionen.“

Das Votum fällt dann eindeutig aus: Am Ende stimmen 384 Abgeordneten dafür, 154 dagegen, die Sommerzeit abzuschaffen. Die Kommission wird aufgefordert, die Problematik einmal grundsätzlich zu erörtern und dann möglichst die gesetzlichen Grundlagen für die Zeitenwende zu schaffen. Wird nun bald nicht mehr an der Uhr gedreht?

Zwei Drittel der Deutschen halten Zeitumstellung für überflüssig

Die EU hat die Einführung der Sommerzeit zwar nicht beschlossen. Ohne eine Änderung oder Abschaffung der entsprechenden Richtlinie ist es den Mitgliedstaaten dennoch nicht möglich, die Zeitumstellung zu ignorieren. Bis die Sommerzeit womöglich abgeschafft wird, ist es allerdings noch ein weiter Weg. Es bleibt abzuwarten, ob die EU-Kommission überhaupt einen Gesetzgebungsvorschlag vorlegen und wie er dann von den Mitgliedstaaten aufgenommen wird.

Verkehrskommissarin Violeta Bulc erklärte, dass die Kommission bereits alle Aspekte untersucht habe. Danach gebe es nur ein gefestigtes Ergebnis: „Es wäre schädlich für den Binnenmarkt, den Mitgliedstaaten die Abschaffung gänzlich freizustellen.“ Entweder müsse EU-weit die Sommerzeit abgeschafft oder es müsse EU-weit alles beim Alten belassen werden. Die Initiative zur Abstimmung war vom Verkehrsausschuss gekommen. Die Verkehrsexperten argumentieren, dass die Zeitumstellung zu mehr Unfällen führe, weil viele Menschen übermüdet sind oder ihre Depressionen verstärkt werden.

Fast zwei Drittel der Deutschen halten die Zeitumstellung für überflüssig. Bei einer Umfrage im Oktober gaben 72 Prozent der Befragten an, dass sie gegen die halbjährliche Umstellung der Uhr seien. Die Sommerzeit wurde 1980 in der Bundesrepublik eingeführt, mit der Begründung, dass Energie gespart werde. Es wurde erwartet, dass der Stromverbrauch zurückgehen wird, wenn die hellen Tagesstunden in der Sommerzeit besser genutzt werden. Untersuchungen haben aber ergeben, dass der Effekt zu vernachlässigen ist.

So argumentieren die Gegner

Die Gegner der Zeitumstellung argumentieren, dass die Sommerzeit enorme Kosten verursache: Wenn die Uhr umgestellt wird, ist dies vor allem für die Bahn und Anbieter im öffentlichen Nahverkehr sowie an den Flughäfen eine große Herausforderung. Hinzu kommen gesundheitliche Probleme. Eine Studie der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität ergab 2007, dass die halbjährliche Zeitumstellung die innere Uhr durcheinanderbringt.

Als belastender gilt die Umstellung im Frühjahr. Der inneren Uhr falle es grundsätzlich leichter, sich im Herbst zu verlangsamen als im Frühjahr zu beschleunigen. Forscher Till Roenneberg warnt davor, die Zeitumstellung auf die leichte Schulter zu nehmen. „Die Auswirkungen der Sommerzeit auf die innere Uhr kann man in eine geografische Veränderung übersetzen“, so ­Roenneberg. „Dies bedeutet, dass die gesamte Bevölkerung im Frühjahr theoretisch zwangsweise nach Marokko transportiert wird und im Herbst wieder zurück, ohne Zeitzone und Klima zurückzulassen – mit all den damit verbundenen Anpassungsproblemen.“ Er spricht von einem sozialen Jetlag.

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