Kinder haben ein anderes Zeitgefühl als Erwachsene. Foto: /Vasilenko Dmitriy

Die Uhr lesen können – das ist das eine. Aber was bedeutet übermorgen? Wie viel passt in eine Stunde? Was das Zeitgefühl angeht, ticken Kinder und Erwachsene nicht gleich.

Stuttgart - „Wie lange dauert es denn noch?“ Diese Frage kommt wohl jedem Elternteil bekannt vor. Kaum hat man die Kinder ins Auto gepackt, um in den Urlaub zu fahren oder Oma zum sonntäglichen Mittagessen zu besuchen, werden die Kleinen auch schon ungeduldig. Auch wenn es morgens schnell gehen muss, weil die Eltern zur Arbeit müssen, das Kind aber unbedingt noch sein Puzzle beenden will, kann die Stimmung zu Hause kippen. Manchmal scheint es, als ob Kinder und Erwachsene in unterschiedlichen zeitlichen Dimensionen leben. Und dieser Eindruck ist gar nicht so verkehrt.

 

„Ein Zeitgefühl haben Kinder von Geburt an, aber konkrete Zeitangaben wie ,übermorgen‘, ,nächste Woche‘ oder ,in einer Stunde‘ können kleine Kinder noch nicht begreifen“, erklärt Professor Dr. Ulrich Wehner, Leiter des Instituts für Frühpädagogik der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. „Kinder und Erwachsene bewegen sich zwar in derselben Zeit, haben aber ein ganz unterschiedliches Verständnis davon.“

Leben im Augenblick

Kinder leben im Hier und Jetzt. Das hat biologische Ursachen: In jungen Jahren ist das gesamte Gehirn mit Lernen beschäftigt. Kinder beobachten ihre Umgebung, entdecken Neues und saugen alles auf wie ein Schwamm. Das Leben spielt sich für sie im Augenblick ab. Daher ist Zeit für kleinere Kinder nicht mit der Uhrzeit, sondern mit Handlungen und Ereignissen verbunden.

„Wenn Kinder etwas mehrfach gemacht haben, kennen sie die Abläufe, das gilt auch schon für Säuglinge“, sagt Wehner. „Sie wissen zum Beispiel: Wenn ich eine bestimmte Bewegung mache, dann kann ich mich auf den Bauch drehen. Oder wenn Mama mit dem Brei kommt, gibt es was Leckeres zu essen. Das heißt, Kinder arbeiten mit den zeitlichen Schemata ,vorher‘ und ,nachher‘, ,noch einmal‘ und ,immer wieder‘, ohne es zu wissen.“ Erst etwa ab dem fünften Lebensjahr, so der Pädagoge, lernen Kinder, Zeitangaben wie „gestern“ oder „morgen“ zu verstehen.

Ein Sanduhr kann helfen

Mit etwa sieben oder acht Jahren können die meisten Kinder auch die Uhrzeit lesen. Allerdings sind Zahlen für Kinder noch sehr abstrakt. Deshalb rät Ulrich Wehner dazu, Kindern die Uhrzeit anhand von sinnlichen Wahrnehmungen näherzubringen, zum Beispiel mithilfe einer Sanduhr. „Auch Zeiger auf der Uhr sind anschaulicher als reine Zahlen“, sagt Wehner. „Aber selbst wenn Kinder die Uhrzeit lesen können, heißt das nicht, dass sie die Zeit auch richtig einschätzen können.“

Kinder könnten zunächst nicht unterscheiden, ob seit einem bestimmten Ereignis fünf Minuten oder eine Stunde vergangen seien, meint der Pädagoge. Dieses Gefühl für die Zeitdauer entwickle sich erst mit wachsender Lebenserfahrung. Deshalb sei es sinnvoll, Zeitangaben mit konkreten Erfahrungen des Kindes zu verknüpfen. „Wenn das Kind zum Beispiel fragt, wie lange es noch bis zum Besuch der Oma dauert, sollten Eltern besser von ‚noch zweimal schlafen‘ sprechen als von ‚übermorgen‘. Damit kann das Kind viel mehr anfangen“, so Wehner. „Bei kürzeren Zeitspannen können sie ihrem Kind erklären, dass eine Sache etwa so viel Zeit in Anspruch nimmt, wie das Kind mit dem Laufrad zum Kindergarten braucht, oder so lange wie sein Lieblingshörbuch dauert.“

Auch zu warten will gelernt sein

Auf etwas zu warten, fällt kleinen Kindern noch sehr schwer – egal, ob das Essen nicht schnell genug auf dem Tisch steht oder die Autofahrt zu lange dauert. Denn warum etwas so und so viel Zeit in Anspruch nimmt und man auf Dinge warten muss, erschließt sich den Kleinen nicht. Entsprechend schnell werden sie ungeduldig. Doch auch wenn Kinder noch kein konkretes Verständnis von zeitlichen Abläufen haben, können Eltern ihrem Kind das Warten näherbringen, sogar schon im Babyalter. Zum Beispiel, indem sie ihr Kind dabei zusehen lassen, wie sie seine Flasche oder seinen Brei zubereiten und ihm bei jeder Handlung erklären, was sie gerade tun. So lernt das Kind, dass immer erst gewisse Abläufe nötig sind, bis Brei oder Fläschchen fertig sind. Und damit lässt sich die Zeitspanne, bis es etwas zu trinken oder zu essen gibt, besser überbrücken.

Geduld entwickeln Kinder erst ab dem Kindergartenalter. Und auch dann fällt es ihnen noch schwer, auf das Vorlesen der versprochenen Geschichte zu warten, weil erst noch die kleine Schwester gefüttert werden muss. Ab etwa vier Jahren verfügen sie dann über genügend Einfühlungsvermögen, um ihre eigenen Bedürfnisse ein Weilchen zurückzustellen. Geduld zu lernen, betont Ulrich Wehner, sei auch für das soziale Miteinander wichtig. „Beispielsweise müssen Kinder lernen, andere ausreden zu lassen und ihnen Redezeit einzuräumen. Auch das hat mit Geduld zu tun.“

Abrupte Unterbrechungen? Schlecht

Ebenso wenig, wie Kinder verstehen, warum sie auf etwas warten sollen, verstehen sie, warum plötzlich alles schnell gehen muss. Aber auch, wenn Mama und Papa es eilig haben, sollten sie den Nachwuchs beim Spielen nicht abrupt unterbrechen. „Durch Unterbrechungen verlernen Kinder, an einer Sache dranzubleiben und sie zu Ende zu bringen“, so Wehner. Deshalb sollten Eltern schon rechtzeitig vor dem Losgehen schauen, was das Kind gerade macht, und ihm erklären, was es noch tun kann, bis die Familie das Haus verlässt.

Außerdem rät der Pädagoge, das Spielzeug des Kindes in den zeitlichen Ablauf mit einzubinden. „Eltern können ins Spiel der Kinder mit einsteigen und die Puppe zum Beispiel sagen lassen, dass sie jetzt in den Kindergarten oder schlafen geht“, erklärt Wehner. Hilfreich, so der Pädagoge, sei auch, das Verlassen des Hauses attraktiv für das Kind zu machen. Zum Beispiel, indem die Eltern ihm erklären, dass es jetzt in den Bus steigen darf.

Wenn es um das Thema Zeit geht, können aber nicht nur Kinder etwas von ihren Eltern lernen, sondern auch umgekehrt. „Kinder haben die wunderbare Fähigkeit, im Augenblick zu versinken“, so Wehner. „Davon kann man sich als Erwachsener ruhig ein wenig inspirieren lassen.“