Seit zehn Jahren ist Klaus Brenner Baubürgermeister in Leonberg. Die Stadtentwicklung ist ein zähes wie schwieriges Geschäft. Bewegt hat sich dennoch vieles.
Als Klaus Brenner vor genau zehn Jahren sein Amt als Baubürgermeister von Leonberg angetreten hatte, da ahnte er wohl nur im Ungefähren, was auf ihn zukommen würde. Dass die Stadtmitte dringend einer Umgestaltung bedarf, das war damals schon klar. Auch die Notwendigkeit von Gewerbegebieten und Wohnvierteln bestimmte Anfang 2013 die politische Diskussion.
Und da sind wir schon beim Schlüsselwort: der politischen Diskussion. Ohne die ist keine Stadtentwicklung zu machen. Ein Umstand, mit dem der leidenschaftliche Architekt und Planer immer mal wieder fremdelt. Geht es in den Debatten doch oft nicht um den besten Weg für die Gestaltung, sondern allzu häufig um persönliche Befindlichkeiten, Neid oder schlicht Machtpolitik.
Herr Brenner, verstehen Sie sich mehr als Planer oder als Politiker?
In der Tat habe ich mich in erster Linie der Planung verschrieben. Ich bin nicht der große Politiker. Gleichwohl muss man die Menschen bei der Stadtentwicklung natürlich mitnehmen. Deshalb habe ich ja immer mal wieder Stadtspaziergänge gemacht, um unsere Vorstellungen plastisch zu erläutern. Und die Diskussionen im Gemeinderat sind natürlich politische Arbeit.
Jene politischen Debatten ziehen sich selbst bei kleineren Wohnquartieren oft über Jahre hin. Haben Sie am Anfang damit gerechnet?
Mir war klar, dass es eine Zeit dauert, bis man Projekte umsetzen kann. Wichtig ist, dass sie am Ende realisiert werden. Als Architekt und Planer will man Erfolgserlebnisse.
Erfolgserlebnisse kann der heute 62-Jährige einige verbuchen. Das für ihn größte kann der parteilose Bürgermeister pünktlich zum runden Dienstjubiläum verkünden: Unter die Dauerdebatte um das Postareal wird ein Schlussstrich gezogen. Noch im Januar wird die Stadt Leonberg mit dem Investor Strabag Real Estate einen städtebaulichen Vertrag abschließen. Danach können die Detailplanungen für das Gelände der ehemaligen Hauptpost zwischen Altstadt und Rathaus endlich beginnen.
Vorgesehen ist ein neues Quartier mit 100 Wohnungen, Geschäften, Cafés, Restaurants, einem Bio-Supermarkt und einem Drogeriemarkt. Herzstück des neuen Viertels sind ein autofreier Platz inmitten des Quartiers und ein sechs Meter breiter Steg in Richtung Marktplatz, der von Fußgängern und Radlern genutzt werden kann.
Was so gut klingt, war alles andere als eine leichte Geburt. Es gab zähe Diskussionen um Bäume, Zufahrten und bauliche Dimensionen. Corona durchkreuzte zudem die anspruchsvollen wirtschaftlichen Ambitionen des Investors. Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder Phasen, in denen das Projekt zu scheitern drohte.
Herr Brenner, hatten Sie am Ende selbst noch geglaubt, dass eine Einigung mit Strabag Real Estate möglich ist?
Der städtebauliche Vertrag, den wir jetzt abschließen wollen, war in der Tat der schwierigste in den vergangenen zehn Jahren .
Musste die Stadt Abstriche machen, um noch eine Einigung zu erreichen?
Alle Punkte, die im Gemeinderat beschlossen wurden, sind Gegenstand unserer Einigung: Dazu zählen 25 Prozent bezahlbarer Wohnraum, der Brückenschlag zum Marktplatz, die veränderte Zufahrt, auf die der Gemeinderat besonderen Wert gelegt hatte, ein Einkaufsmarkt, ein zentraler Platz und – was unter Aspekten des Klimaschutzes von Bedeutung ist – die Begrünung von Fassaden.
Wann wird das ehemalige Postgebäude abgerissen?
Vorher muss der Bereich auf Schadstoffe untersucht werden. Ich rechne mit einem Abriss noch in diesem Jahr. Zeitgleich dazu muss ein Bebauungsplan erarbeitet werden. Ideal wäre, würde das Postareal ein Projekt der Internationalen Bauausstellung IBA.
Warum?
Das wäre ein enormer Imagegewinn für die Stadt wie auch für den Investor. Internationale Fachleute kämen nach Leonberg, um sich das neue Quartier anzuschauen, und wir hätten wirklich einen anspruchsvollen Meilenstein in der Innenstadtentwicklung.
Parallel dazu gibt es unter dem Titel „Stadt für morgen“ konkrete Pläne für eine Umgestaltung der Eltinger Straße, auf der es für den Autoverkehr nur noch zwei Spuren geben soll.
Diese Pläne passen in den Gesamtkontext sehr gut herein. Bäume, Bewässerung, Grünzüge: So sieht tatsächlich die Stadt der Zukunft aus. Und da reden wir nicht von einer fernen Zukunft. Der Stadtgarten neben dem Layher-Gelände wird in diesem Jahr konkret geplant und dann umgesetzt. Er ist Teil eines Grünzuges, der sich von der alten Autobahntrasse, über den Stadtpark, das Reiterstadion bis hin zur Altstadt erstreckt.
Die Altstadt: Sie liegt Klaus Brenner besonders am Herzen. Als er vor zehn Jahren neu in Leonberg war, hatte er davon gesprochen, den Marktplatz „aufzuräumen“. Das Ergebnis: Die Außenbestuhlung der Cafés und Restaurants wurde so angeordnet, dass heute von einer Gastromeile die Rede ist. Mehr Pflanzen und Sitzmöglichkeiten laden zum Verweilen ein. Der untere Marktplatz ist autofrei. Geht es nach dem obersten Stadtplaner, gehört der ganze Marktplatz in absehbarer Zeit komplett den Fußgängern.
Mit einfachen Mitteln vergleichsweise viel erreichen: Brenners Erfahrungen als junger Architekturstudent in Italien kommen ihm dabei bis heute zu gute. Er ist inspiriert von der Lebendigkeit der mediterranen Städte, in der sich fast das ganze Leben draußen abspielt. Freilich ist Deutschland nicht Italien oder Griechenland. Viele Ideen scheitern am Widerspruch der Anwohner.
Herr Brenner, täuscht der Eindruck, oder ist die Kritik der Bürgerschaft an Plänen oder Projekten in den vergangenen Jahren deutlich größer geworden?
Das ist definitiv so. Jeder sieht erst einmal sich selbst, die Bereitschaft, gegen etwas vorzugehen, hat stark zugenommen. Nicht wenige nehmen sich einen Rechtsanwalt. Wenn Kritik konstruktiv und sachlich gut begründet ist, kann sie hilfreich sein, um bestimmte Dinge nachzujustieren. Aber oft gibt es noch Proteste, selbst wenn schon gebaut wird. Das kostet Zeit und Nerven. Die heftigen Diskussionen um das neue Wohnprojekt, das die Kreissparkasse im Bereich Stuttgarter/Grabenstraße errichtet, sind ein gutes Beispiel dafür. Dabei wertet das Quartier den Eingang zur Altstadt enorm auf.
Herr Brenner, neben diesen individuellen Kritiken ist häufig die Klage zu hören, in Leonberg ginge nichts voran.
Das kann ich so nicht bestätigen. In meiner Amtszeit wurde das neue Rathaus gebaut, in dem nun ein Großteil des Personals unter einem Dach vereint ist. Das Rathaus war übrigens eine finanzielle wie zeitliche Punktlandung. Wir haben am Bahnhof ein neues Parkhaus errichtet. Kaum jemand erinnert sich noch an das alte. Das war ein echter Schandfleck. Nicht zuletzt erwähnen möchte ich die Sanierung des Hallenbades mit dem Bau der Sauna, deren Baumhaus als optische Besonderheit in die Eltinger Straße hineinragt. Und natürlich die Sanierung des Leobades für rund 15 Millionen Euro. Neben den großen sind es viele kleine Projekte: Zwölf Kindergärten wurden gebaut, die Sanierung der Kitas in Höfingen und Warmbronn steht bevor. Drei Schulmensen wurden gebaut, um die Ganzbetreuung zu ermöglichen. Mehre Wohngebiete sind im gesamten Stadtgebiet entstanden.
Als Sie vor zehn Jahren angefangen hatten, wurde noch heftig um das Gewerbegebiet Leo West gestritten.
Ich war von Anfang an dafür. Eine bessere Lage gibt es doch nicht: Direkt am Stadteingang und an der Autobahn, aber weit genug weg von Wohnvierteln. Heute zeigt sich, dass moderne Gewerbegebiete nichts mit Industrieflächen früherer Jahrzehnte zu tun haben. Aktuell sind wir dabei, dass Gewerbegebiet Carl-Zeiss-Straße weiterzuentwickeln.
Bei Ihnen herrscht Personalmangel.
Die freie Wirtschaft ist als Arbeitgeber ein harter Konkurrent für uns, gerade wenn es um Führungspositionen geht. Ich musste ein Dreivierteljahr das Gebäudemanagement leiten. Jetzt haben wir zum Glück eine sehr gute Neubesetzung. Für das Planungsamt suchen wir gerade einen Abteilungsleiter. Das sind alles sehr verantwortungsvolle Positionen, für die es nicht leicht ist, geeignete Persönlichkeiten zu finden.
Im Baudezernat wird vor allem Geld ausgegeben, aber nicht eingenommen.
Das stimmt so nicht. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren gut 4000 Baugenehmigungen erstellt und damit mehr als 6,1 Millionen Euro eingenommen.
Zur Person
Berufliches
Seit Januar 2013 leitet Klaus Brenner (62) das Leonberger Baudezernat. Im November 2020 wurde er im Gemeinderat mit klarer Mehrheit wiedergewählt. Der gebürtige Gmünder hat in Stuttgart bei Klaus Humpert Architektur und Stadtplanung studiert. Ein Stipendium führte ihn nach Italien, wo er seine Vorliebe für die mediterrane Architektur entdeckte. Inspiriert hatte ihn eine Begegnung mit dem Architekten Frei Otto. Vor Leonberg war Brenner Stadtbaumeister in Ebersbach an der Fils.
Politisches
Bei der Kommunalwahl 2019 war Klaus Brenner auf der Kreistagsliste der Freien Wähler, verpasste aber den Einzug. Bei der OB-Wahl 2017 kandidierte er auf den letzten Drücker und holte ohne großen Wahlkampf 8,9 Prozent.