Kalt, schön und gar nicht beschaulich: Der Polizeichef Andri (Ólafur Darri Ólafsson) und seine Kollegin Hinrika (Ilmur Kristjánsdóttir) blicken auf das Dorf Seydisfjordur. Foto: ZDF

Vordergründig ist „Trapped“ nur die nächste krasse Krimiserie aus Skandinavien im ZDF. Islands frostige Atmosphäre im Winter jedoch macht den verworrenen Fall miteinander verzahnter Mordfälle in einem Fischerdorf sehenswert.

Stuttgart - Island ist ja jetzt das neue Ding. Vor der Bankenkrise viel zu teuer für spürbaren Massentourismus, hat sich die abgelegene Insel nach der Fußball-EM zum neuen Hotspot innereuropäischen Reisens entwickelt. Island ist ein Traum: landschaftlich spektakulär, topografisch einzigartig, ungemein exotisch.

Zumindest im Sommer.

Im Winter hingegen, und der ist hier lang, gleicht Island eher dem frostigen Norden in „Game of Thrones“ als einem Urlaubsparadies am Golfstrom. Dunkel ist es und bitterkalt. Polarer Schnee fegt übers Eiland hinweg. Die Straßen sind vereist, die Plätze verwaist, die Menschen förmlich gefangen in dieser Wetterhölle. „Trapped“, wie man es englisch ausdrücken würde. Und „Trapped“ lautet auch der Titel einer neuen ZDF-Serie, welche die nationale PR-Agentur allerdings kaum zur Eigenvermarktung verwenden dürfte.

Wie Gefangene sitzen die Menschen in einem Fischerort fest, als eine Leiche ohne Kopf und Glieder aus dem Eismeer gefischt wird. Da sie von einer eingelaufenen Fähre aus Dänemark stammen könnte, dürfen deren Passagiere ihr Schiff nicht verlassen, so dass sie ihrerseits an Bord gefangen sind. Und weil die Kriminalspezialisten in Reykjavík weit weg sind, übernimmt der eigenbrötlerische Dorfpolizist Andri die Ermittlungen dieses grotesken Mordfalls, in dem nach und nach noch andere Eigenbrötler eine Rolle spielen: Andris geschiedene Frau etwa, ihre zwei Kinder, der vermeintliche Mörder seiner Schwester, ein Menschenhändler aus Litauen, der dubiose Fährkapitän, Gesandte chinesischer Investoren, die den Provinz- zum Welthafen auszubauen versprechen. Und dann naht auch noch ein gewaltiger Schneesturm.

Die Synchronisation ist eine Frechheit

Dieses Potpourri bemerkenswerter Charaktere in ungewöhnlicher Lage extraordinärer Todesfälle sticht im ewigen Wettstreit skandinavischer Serien um den krassesten Killer zwar dramaturgisch keineswegs heraus. Trotzdem gibt es etwas, das den Fünfteiler des Regisseurs Baltasar Kormákur nach dem Buch von Sigurjón Kjartausson besonders macht: eine klaus­trophobisch überfrachtete Atmosphäre scheinbar unentrinnbarer Umstände, die ihre Protagonisten gleichermaßen einschüchtert und herausfordert. Das Ganze garniert mit jener Gefriertruhen-Aura, die Serien wie „Lilyhammer“ oder „For­titude“ und den Coen-Klassiker „Fargo“ so einzigartig geraten ließ.

Angefacht wird die arktische Stimmung zudem durch ein vorwiegend natürliches Licht, das dem Ganzen eine Extraportion Tristesse verleiht. Gefilmt hat es der Kameramann Bergsteinn Björgúlfsson, dessen Name ebenso kompliziert ist wie alles, was mit jeder der 450 Minuten immer mehr ineinanderfließt. Schon im Finale der ersten Episode verschwinden nicht nur der Tote aus dem Kühlhaus und der verdächtige Litauer aus dem Gefängnis, sondern auch die Töchter von Andri.

Zuweilen wirkt die Laune aller Beteiligten zu gramgebeugt. Beim Twist mit der schummrigen Beleuchtung wurde offenbar verdrängt, dass Island Anfang Februar statt in dramatisches Dämmerlicht halbtags in völlige Finsternis getaucht ist. Und die Synchronisation einiger Darsteller, allen voran des (ge-)wichtigen Ólafur Darri Ólafsson als Andri, ist eine Frechheit. Dank seiner leicht tapsigen Bärigkeit, garniert durch einen Vollbart, wird er dennoch zur Seele einer sehenswerten Serie.

  
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