Kurz vor der Sommerpause: Jan Böhmermann in der ZDF-Deko Foto: ZDF/Jens Koch

Wenn Jan Böhmermann einen Lieblingsfeind hat, dann sitzt der in Österreich: Das „ZDF Magazin Royale“ widmet sich eine ganze Ausgabe lang dem Wiener Bundeskanzler Sebastian Kurz – richtig, richtig böse!

Köln - Wie bitte? Wir haben noch nicht mal Pfingsten und Jan Böhmermann verabschiedet sich mit seinem „ZDF Magazin Royale“ schon in die Sommerpause?? Tatsächlich, die Sendung an diesem späten Freitagabend war die letzte Ausgabe bis zum 3. September 2021. Aber just deswegen hat Böhmermann offenbar noch mal so richtig aufdrehen wollen – und eine ganze Ausgabe seinem heimlichen Lieblingsfeind Österreich gewidmet. Beziehungsweise: natürlich nicht dem ganzen Land, sondern seiner führenden Schicht und ihren Machenschaften. Und das heißt in diesem Fall: dem Bundeskanzler Sebastian Kurz und seinen Kumpels aus Wirtschaft und Gesellschaft.

Dem 34-jährigen Strahlemann in Wien, seit 2017 Regierungschef in Wien, zunächst in einer Koalition mit der, räusper räusper, liberalen FPÖ, inzwischen mit den Grünen, schlagen ja auch hierzulande in Deutschland viele Hoffnungen und Herzen entgegen. Aus irgendeinem Grund gilt der Mann als cooler Typ. Man munkelt ja, so manche Begeisterung für einen Kanzlerkandidaten Markus Söder in der Union rühre auch daher, weil der Söder im Grunde ein deutscher Sebastian Kurz sei. Und deswegen ist es zweifellos höchste Zeit, mal genauer hinzuschauen, wie es in der Wiener Politik eigentlich inzwischen wirklich zugeht.

Das ganze Studio wird türkis – so wie Österreich

Und das hat Böhmermann mit seinem Team – und angeblich auch in Zusammenarbeit mit dem österreichischen TV-Sender ORF, dem eine eigene Satiresendung zu dem Thema untersagt wurde – wirklich grandios eine halbe Stunde lang zelebriert: richtig dick aufgetragen, richtig böse, richtig überzogen, und deshalb zweifellos an vielen Stellen voll ins Schwarze treffend. Wie der konservative Strahlemann Kurz versucht, Schritt für Schritt Regierung, Medien, Parlament und Justiz unter seine Kontrolle zu bringen, wird eindrucksvoll anhand vieler kleiner und großer Skandale jüngerer Zeit dargelegt. Eine der ersten Reformen des Jungpolitikers Kurz war einst, seiner Partei eine neue Farbe zu verpassen: aus schwarz wurde türkis. Und so wird im Lauf der prallvollen halben Stunde auch das Böhmermann-Studio türkis, inklusive Outfit des Moderators und Tischdeko. Und der Moderator trägt plötzlich Uniform und lässt für Österreich beten. Der Zuschauer weiß: nur die Wirklichkeit, die Böhmermann vorher gezeigt hat, ist noch gruseliger.

An einigen Stellen hätte Böhmermann vielleicht noch offenherziger sein können. Natürlich kam auch die Affäre um das „Ibiza-Video“ wieder zur Sprache – wäre es nicht endlich mal an der Zeit, der Öffentlichkeit zu verraten, ob das Böhmermann-Team selbst in die Spähaktion gegen den damaligen Vizekanzler Heinz-Christian Strache 2019 im berühmten Ferienhäusel der vermeintlichen russischen Oligarchin mit den schmutzigen Füßen verwickelt war? Und gegen den alten Kurz-Partner FPÖ (laut Böhmermann „die NPD Österreichs“) zu wettern, dafür gibt es unzählige Anlässe. Aber was ist eigentlich mit den Grünen, die aktuell gerade dem Bundeskanzler Kurz die Mehrheit im Wiener Parlament sichern?

Das „ZDF Magazin royale“ ist ein Programm-Volltreffer

Nach einem knappen halben Jahr geht das „ZDF Magazin Royale“ also nun in die erste schöpferische Pause. Unsere Bilanz: Jan Böhmermanns Sendung war zweifellos das Beste, was sich das Zweite an Programmneuerung in jüngerer Zeit geleistet hat. Dieser wilde Mix aus böser Satire und genau und tief recherchiertem Journalismus zu Schwerpunktthemen ist längst ein Muss am Freitagabend für jeden TV-Junkie geworden. Man kann dem ZDF-Intendanten Thomas Bellut nur Respekt zollen, dass er die Sendung in den vergangenen Monaten gegen alle Angriffe interessierter Seiten abgeschirmt und verteidigt hat.

Nicht jeder Schuss von Jan Böhmermann sitzt oder trifft wirklich tief. Aber das, was er macht, ist völlig singulär. Deswegen freuen wir uns auf sein Wiederkommen Anfang September – zum Glück rechtzeitig vor der Bundestagswahl!

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: