An der Staatsoper Stuttgart ist Barrie Koskys Inszenierung der „Zauberflöte“ jetzt endlich in ihrer Originalfassung zu erleben. Die turbulente Mozart-Revue bringt auf virtuose Weise Oper, Stumm- und Animationsfilm zusammen.
Da, ein Ton! Und noch einer! Die Töne kommen aus dem Orchestergraben, fliegen empor in die Zuschauerreihen des Opernhauses. Sie sind aber auch zu sehen, sausen als Noten und als Herzchen über die Bühne und verzaubern dort die Figuren: die live spielenden ebenso wie die Protagonisten des Films, der in Barrie Koskys Inszenierung von Mozarts „Zauberflöte“ der Oper unter die Arme greift.
Die Inszenierung, deren Originalversion am Dienstagabend ihre Stuttgarter Premiere feierte, ist nämlich keine normale Musiktheater-Aufführung. Sondern eine Mozart-Revue, komponiert aus Instrumentalklängen, Gesang, Livespiel und Film. Die in sich schon hybride Gattung Oper wird hier bei Mozarts hybridestem Stück zu einem Superhybriden aus Theater, Musik, Stumm- und Animationsfilm. Und verzaubert so nicht nur das Comic-Alter-Ego des dunklen Dieners Monostatos, den die herbeiflirrenden Flötentöne mitten ins wild rotierende Herz treffen, sondern auch das Publikum.
Rosa Elefanten schweben durch den Raum
Dabei dürfte es keine Inszenierung der im deutschsprachigen Raum seit Jahrzehnten meistgespielten Oper geben, die sich auf den ersten Blick weiter vom Original entfernt als diese. Die gesprochenen Dialoge: gestrichen. Es ist nicht schade drum. Im Gegenzug füllt Yuri Aoki die Räume zwischen den Nummern am Hammerklavier mit Mozarts Fantasien in c- und d-Moll. Das Ergebnis ist ein tastengarnierter Opernquerschnitt. Und eine Verschmelzung der Künste: In den Klavier-Intermezzi dieser „Zauberflöten“-Hitparade erläutern wie im Stummfilm Zwischentitel den Fortgang der Opernhandlung. Sie sind oft ausgesprochen lustig. Und sehr ironisch. Das ist Koskys größter Zaubertrick: Die zahlreichen Brüche im Stück, über die sich so viele Regisseure schon die Köpfe zerbrochen haben, sind bei ihm nicht weg, sondern konstitutiv.
Dafür sorgt auch die Co-Regisseurin. Suzanne Andrade ist Teil der britischen Künstlertruppe 1927, die hier eine Flut von Bildern über die Oper ausschüttet. Sie flimmern über eine weiße Wand mit Drehtüren – das sind die häufigsten Auftrittsorte der Sänger. Festgeschnallt auf Podesten, kostümiert im Stil der 1920er Jahre und mit Anspielungen auf bekannte Stummfilme (Papageno als Buster Keaton, Monostatos als Nosferatu), geben sie ihre Arien, Duette und Terzette, während sich um sie herum alles bewegt, und verschwinden danach im Handumdrehen. Dass die Figuren statisch sind, merkt man oft gar nicht, so raffiniert und präzise vernetzen sich die Spieler mit den Bildern. Oft sind nur die Köpfe der Sänger zu sehen, darunter wird gelaufen (bei Taminos Auftrittsarie), drum herum fliegen Eulen (bei Papagenos „Vogelfänger“-Auftritt), surren mechanische Geräte (im Reich des Technokraten Sarastro), tanzen Wölfe (bei Monostatos) oder tasten die martialischen Spinnenbeine der Königin der Nacht nach ihrem Opfer. Zwischendurch schweben Herzen, rote Lippen, Fische, Insekten und rosa Elefanten durch den Raum. Und beim „Das klinget so herrlich“ verlängert der Film die Körper der Sklaven um Damenbeine mit Strapsen.
Dann platzt die Bombe!
Sie zucken zum Beat der Musik. Die Filmbilder sind so genau mit der Musik synchronisiert, dass man meint, der Dirigent George Petrou müsse nach Click-Tracks dirigieren. Tatsächlich aber richtet sich der Film nach der Musik – einzelne Bildsequenzen werden auf Knopfdruck an bestimmten Stellen der Partitur abgespielt. Leider also sind manche sehr langsamen Tempi doch dem Mann am Pult anzulasten. Der macht seine Sache grundsätzlich zwar gut (auch wenn das Staatsorchester in der Ouvertüre bei den Anfangsakkorden noch wackelt und erst im Allegro-Teil Fahrt aufnimmt). Aber ein etwas forscheres Tempo etwa bei der ersten Arie der Königin der Nacht hätte der Sopranistin Beate Ritter bestimmt geholfen, ihre Darstellung dramatisch noch etwas zu schärfen.
Darstellerisch zappelig, sängerisch sehr genau gibt Björn Bürger den Papageno, sehr gut sind auch die Partien von Monostatos (Elmar Gilbertsson) und Sarastro (David Steffens) besetzt. Mingjie Lei hat den Tamino schon 2020 gesungen und gestaltet auch jetzt wieder ein sehr feines, ausdrucksstarkes Rollenporträt. Und Claudia Muschio singt eine facettenreiche Pamina, deren sehr klarem, farbreichem Gesang man Freude und Jubel ebenso abnimmt wie tiefes Leid. Die kleinen Partien sind gut besetzt. Auch der Staatsopernchor ist nun szenisch dabei; vor allem die Männer glänzen.
Und das Ende? Da platzt eine Bombe, und es gibt ein wenig Glück. Nicht für die beiden Antipoden, von denen hier keine(r) gut ist. Sondern für die Menschen, die unterwegs sind, um die große Liebe zu finden oder vielleicht auch nur einen leckeren Gänsebraten. Schauen Sie selbst. Es werden Ihnen die Augen übergehen und die Ohren manchmal auch.
Info
Inszenierung
Inszenierung In seiner ersten Spielzeit als Intendant der Komischen Oper Berlin hat der australische Regisseur Barrie Kosky 2012 Mozarts „Zauberflöte“ inszeniert. Die Produktion wurde zum Verkaufshit – und zum Exportschlager. In 23 Ländern, auf vier Kontinenten ist sie schon gezeigt worden, gut 600 000 Menschen haben sie gesehen.
Vorstellungen
„Die Zauberflöte“ ist nochmals am 20., 26. und 28. Januar sowie am 17., 20., 22. und 23. Februar zu sehen. Allerdings sind sämtliche Aufführungen ausverkauft, man muss auf Restkarten (Tel. 0711 / 20 20 90) hoffen.