Auch Mia Gray ist Opfer von K.o.-Tropfen geworden Foto: www.7aktuell.de | Robert Dyhringer

Es ist die Jagd auf ein Phantom – und die Dunkelziffer ist hoch. K.-o.-Tropfen bei Partys werden immer häufiger verabreicht – doch selten erstatten die Opfer Anzeige. Für die Polizei sind die Zahlen dennoch auf hohem Niveau.

Stuttgart - Inzwischen geht es dem Stuttgarter Playmate und Fotomodell wieder besser. Der Blitz hatte Mia Gray wie aus heiterem Himmel getroffen: „Plötzlich wurde mir schlagartig übel, ich konnte weder gehen noch stehen“, sagt sie. Bei einer Party der Berlinale hatte sie lediglich einen Wodka-Red-Bull getrunken, nichts, was einen solchen Zusammenbruch auslösen würde.

Gewundert hatte sich die 29-Jährige zuvor noch über einen Typen, der ihren Tisch umtanzte und dabei auch noch mit ihrer Handtasche herumwedelte. Vielleicht ein Ablenkungsmanöver. Dann geht für Mia die Welt unter. Ihr Freund bringt sie ins Hotel, wo sie eine schreckliche Nacht verbringt.

Niemand ist gefeit vor einem solchen Anschlag. Und die Täter haben leichtes Spiel: Die Opfer werden für betrunken gehalten, die halt ein Gläschen zu viel intus haben, können sich später an wenig erinnern, und der Stoff selbst ist überdies nach wenigen Stunden schon nicht mehr nachweisbar. Gamma-Hydroxybutansäure, in der Szene seit 1998 auch als Liquid Ecstasy bekannt, ist ein Narkotikum, in Salzform schnell wasserlöslich und im Körper nur ein paar Stunden lang feststellbar. Deshalb erfährt die Polizei meist gar nicht von solchen Anschlägen. Als das Stuttgarter Playmate am nächsten Tag wieder einen klaren Gedanken fassen kann, ist es zu spät. Das Delikt lässt sich nicht mehr nachweisen.

Die Polizei hat das Problem deshalb auch lange unterschätzt. Das Landeskriminalamt registrierte im Jahr 2006 lediglich 13 Fälle. „Da gab es sicher eine hohe Dunkelziffer“, sagt LKA-Sprecher Ulrich Heffner, „doch es war auch unklar, wie man das in der Statistik erfassen sollte.“ Inzwischen wird der Anschlag mit K.-o.-Tropfen als gefährliche Körperverletzung durch Vergiftung eingestuft – und schon lichtet sich das Dunkelfeld etwas. Bereits 2009 registrierte das Landeskriminalamt für Baden-Württemberg 135 Verdachtsfälle.

Und die Zahlen stiegen stetig – und liegen zuletzt stets auf dem Niveau von etwa 230 Fällen. Grund genug für den Landespolizeipräsidenten Gerhard Klotter, sich höchstselbst als Mahner gegen K.-o-Tropfen zur Verfügung zu stellen: „Wer auf eine Party oder in eine Disco geht, sollte sein Getränk immer im Blick behalten und sich nichts von Unbekannten ausgeben lassen“, sagt er.

Leichter gesagt als getan. Denn die Partygänger in der Stuttgarter Innenstadt müssen in den Szenelokalen mittlerweile nicht nur auf ihre Getränke achten, sondern vor allem auf ihre Taschen. Langfinger vorwiegend nordafrikanischer Herkunft haben sich darauf spezialisiert, im Gedränge der Tanzfläche Geldbeutel und Mobiltelefone zu erbeuten. Erst am Wochenende wurden bei der Polizei zwölf neue Fälle angezeigt.

Den Tätern mit den K.-o.-Tropfen geht es oft nur um Spaß, „häufig aber auch darum, das Opfer auszurauben oder sich an ihm zu vergehen“, heißt es bei der Polizei. Gamma-Hydroxybutyrat war einst ein Medikament und Narkosemittel, das Klinik-Anästhesisten verwendeten. Unter der Bezeichnung Liquid Ecstasy bedient sich die Partyszene auf dem Schwarzmarkt. Verbotenerweise natürlich: Seit 2002 ist der Stoff dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt.

Niedrige Dosen wirken leicht euphorisierend, in hohen Dosierungen drohen aber ernsthafte Komplikationen. Eine 29-Jährige, die mit Freunden in zwei Stuttgarter Szenelokalen unterwegs war, musste von einem Notarzt behandelt und reanimiert werden. „Ich weiß von dem Abend überhaupt nichts mehr“, sagt sie. Sie wachte erst am nächsten Tag auf der Intensivstation wieder auf. Womöglich hat es ihr das Leben gerettet, dass sie von Anfang an nicht für betrunken gehalten wurde: „Ich hatte überhaupt keinen Alkohol getrunken, weil ich zu der Zeit blutverdünnende Medikamente einnehmen musste“, sagt die Betroffene.

Als sie in die Notaufnahme gebracht wurde, berichtete ihre Freundin von diesem Umstand. Die Ärzte machten einen entsprechenden Drogentest – und fanden tatsächlich Spuren des Narkosemittels. Die 29-Jährige ist damit ein Ausnahmefall – die Ermittlungen der Polizei verliefen dennoch im Sande. Weder der Ort des Anschlags, geschweige denn der Täter konnte festgestellt werden.

1998 hatten Drogenberater in Stuttgart noch gehofft, dass Liquid Ecstasy in der Partyszene nur ein Strohfeuer bleibt. Dass aber auch Fotomodells nicht verschont bleiben, weiß man nun mit dem Fall Mia Gray. Die will ihre Getränke künftig nicht mehr unbeaufsichtigt lassen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: