Auf der Suche nach der Vielfalt des Tanzes: Yui Kawaguchi Foto: Acci Baba

Im Alter von sechs Jahren sah Yui Kawaguchi „Giselle“ und war so berührt, dass sie selbst Ballerina werden wollte. In ihrer Heimat Japan bedeutete dies einen Spagat zwischen Kulturen. Heute lebt die Tänzerin in Berlin und weiß, wie man Grenzen überwindet.

Stuttgart - „Die Musik von Johann Sebastian Bach hab’ ich hier anders gehört als in Japan“, sagt Yui Kawaguchi. Alle Töne Bachs fänden Platz in dieser Landschaft, zeichnet die japanische Tänzerin und Choreografin ein Bild. Auch Musik Mozarts und Händels hat sie schon „vertanzt“, Händel dabei „wie Popmusik“ erlebt. „Bachs Musik dagegen empfinde ich als heilig, aber anders als in Japan ist seine Musik hier nicht unberührbar“, sagt Yui Kawaguchi. Wie berührbar sogar „Das Wohltemperierte Klavier“ ist, eine Sammlung von Fugen und Präludien, erlebten begeisterte Zuschauer bei der Breakdance-Show „Flying Bach“ in Ludwigsburg und ­Stuttgart.

Yui Kawaguchi, ausgebildete klassische Tänzerin, übernahm bei der Show in Ludwigsburg den Part der klassischen Tänzerin – sehr streng, sehr schön. Auch in „Cantatatanz“ – als Aufführungsorte dienen immer Kirchen – zeigt sich Johann Sebastian Bach auf eindrucksvolle Art berührbar; seine Musik fügt sich durch Countertenor Terry Wey, Instrumentalisten und die Tänzerin Yui Kawaguchi zu einem inszenierten Kammerkonzert. Die Produktion von Nico and the Navigators entstand mit dem Berliner Kulturzentrum Radialsystem. In Berlin lebt die gebürtige Tokioerin, seit sie 2001 mit der Produktion „cell166 b“ im Kulturzentrum Tacheles gastierte.

Tanz in Japan und in Deutschland: Das sind zwei verschiedene Welten

„Zuerst fühlte ich mich hier fremd auf der Bühne“, erinnert sich die Tänzerin. Sie dachte, die Zuschauer in Deutschland verständen sie nicht. Tanz in Japan und Deutschland, das sind zwei Welten. Inzwischen ist die 2010 mit dem Kölner Tanztheaterpreis ausgezeichnete Japanerin nicht nur auf Deutschlands Bühne heimisch. Sie gastierte in Amerika, in Kanada, Russland, der Ukraine, Polen, Luxemburg, Österreich und regelmäßig in Japan. In Korea war eine ihrer Choreografien zu sehen. Yui Kawaguchi arbeitete bisher mit Ismael Ivo, Helena Waldmann, Tomi Paasonen, Nir de Volff zusammen und ging mit den Flying Steps auf Welttournee. Für die Produktion „Red Bull Flying Bach“ bekam das Ensemble 2011 den Echo-Klassik-Sonderpreis.

Im Alter von sechs Jahren sah Yui Kawaguchi in Japan das Ballett „Giselle“. Die Titelrolle tanzte Yoko Morishita an der Seite von Rudolf Nurejew. Yui war berührt. „Ich konnte diese Körpersprache verstehen, es war phänomenal, und ich dachte, wenn das Ballett ist, will ich Ballett machen.“ Was sie bald erlebte, war die Kluft zwischen europäischer Kultur und japanischem Alltag. „Wir haben zu Hause sehr japanisch gelebt, auf dem Futon geschlafen und auf niedrigen Tischen auf dem Boden gegessen“, sagt sie. Bewegungen waren eher vertikal ausgerichtet, im Ballettunterricht aber ging es in die Horizontale. „Ich brachte meine Tanzlust mit dem Alltag nicht zusammen, es war verwirrend für mich“, so Yui Kawaguchi. Doch schon damals dominierten zwei Pole in Japan: tradierte Formen wie das No-Theater und die Popkultur. „Mit 12, 13 brauchte ich etwas anderes zum Tanzen, ich begann mit Hip-Hop und lernte, auch für Gruppen zu choreografieren“, sagt die Tänzerin.

Zwischen Jazz und Ausdruckstanz

Wer sie heute erlebt, nimmt ihre Stilvielfalt wahr. Zum Beispiel in der Reihe „Stadt im Klavier“, die sie gemeinsam mit der Jazz-Pianistin Aki Takase inszenierte. Es sind utopische Städte, die die Künstlerinnen im Dialog von Tanz und Musik entwickeln. Mal unter dem Titel „Cadenza“, mal als „Chaconne“ (mit der bildenden Künstlerin Kazue Taguchi). Mit „Cadenza – Die Stadt im Klavier V“ gastierten Kawaguchi und Takase in diesem Jahr bei den Jazztagen im Stuttgarter Theaterhaus. „Aki kann mir mit ihren Klängen Landschaften geben, das ist für eine Tänzerin Luxus“, sagt Yui Kawaguchi, die nun in einem Solo beim Tanzfestival Karlsruhe zu erleben sein wird.

„Match-Atria“ heißt die Produktion, an der auch der japanische Filmemacher Yoshimasa Ishibashi und der 3-D-Spezialist Masahiro Teraoka beteiligt sind. Der Zuschauer trägt Kopfhörer und 3-D-Brille und hält ein aus Plastilin gefertigtes Kunstherz in der Hand – das Herz der Tänzerin. Während Kawaguchi tanzt, pulsiert ihr Herz in den Händen der Zuschauer. Ein 3-D-Bild zeigt: Sie tanzt mitten in ihrem Herzen, in einer Landschaft mit einem Strom aus Hämoglobin.

„Hier habe ich mein Ich gefunden“

Die Idee zu diesem fühlbaren Theater hatte die Japanerin Rieko Suzuki. „Was wir in ‚Match-Atria‘ machen, ist typisch japanisch“, sagt Yui Kawaguchi. Technik wird organisch präsentiert; die Grenze zwischen Natur und Technik verwischt. „Ich glaube, das hat was mit unserer Religion, dem Schintoismus zu tun“, lächelt Yui Kawaguchi.

Die Kontraste zwischen Japan und Europa erlebt sie schon einige Jahre nicht mehr so stark. „Meine japanische Familie sagt, ich tanze anders als früher, meine Bewegungen sind weicher, kontinuierlicher geworden“, sagt Yui Kawaguchi. Und fügt hinzu: „Hier habe ich mein Ich gefunden, in meinem Leben wird nicht mehr entschieden, ich ­entscheide.“

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