Oft wirken Kleinkinder auf ihre Eltern unkooperativ. Die gute Nachricht: Das geht vorbei. Aber: Das kann dauern. Wie schnell, das hängt auch von den Eltern ab.
Sie wollen den Turm zu Ende bauen, statt aufzuräumen, möchten weiterplanschen, statt aufzubrechen. So sehr Eltern ihren Kindern auch gönnen, in Ruhe spielen zu können – im dicht getakteten Familienalltag lassen sich Unterbrechungen des Kinderglücks nicht immer vermeiden. In diesen Momenten protestieren Kleinkinder oft lautstark.
Manchmal reagieren Eltern ungeduldig und gereizt. Gerade wenn sie selbst gestresst sind, schießt die Frage durch den Kopf: Warum ist mein Kind stets so unkooperativ und stur? Doch damit tun sie dem Kleinkind unrecht. Sich klarzumachen, warum Kinder dieses vermeintlich sture Verhalten zeigen, lohnt sich und könnte gar für deren weiteren Lebensweg wichtig sein.
Konzentration, bitte
Die Entwicklungspsychologin Sabina Pauen aus Heidelberg untersucht, wie sich das Denken von Kleinkindern entwickelt. Sie hat verschiedene Bücher zur kindlichen Entwicklung veröffentlicht – darunter auch Standardlehrbücher ihrer Disziplin.
Für die Entwicklungspsychologin ist klar: Bis zu einem bestimmten Alter können Kinder nicht rasch zwischen zwei verschiedenen Tätigkeiten wechseln. Denn dazu müssen zuerst bestimmte Hirnstrukturen herangereift sein, sonst klappt es nicht.
Sie nennt ein Beispiel: Das Kind spielt, doch die Mutter möchte, dass es das Spiel beendet und zum Essen kommt. Das Kind hatte bis zu diesem Zeitpunkt ein Ziel, etwa einen Turm zu bauen, und es hat sich daran gefreut, wie der Turm immer größer wird.
Der geforderte Wechsel zu einer anderen Tätigkeit kann das Kleinkind überfordern. „Weigert sich ein Kind, das Spiel zu beenden, ist das kein Zeichen von Sturheit, sondern meist von Konzentration“, sagt Pauen. Sich eben nicht ablenken zu lassen und einen klaren Fokus zu behalten gehöre grundsätzlich zu einer gesunden Entwicklung.
Etwa ab einem Alter von fünf bis sechs Jahren gelingt es dem Kind leichter, dem Wunsch der Mutter nachzukommen. Denn in diesem Alter sind die dafür notwendigen Denkfähigkeiten – Psychologen sprechen von kognitiver Flexibilität – bereits so weit entwickelt, dass der Wechsel von einer Situation in eine andere leichter fällt.
Kognitive Flexibilität kann zweierlei bedeuten: die Fähigkeit umzudenken, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, oder auch die Fähigkeit, bei Problemen selbstständig Lösungen zu finden. Im Alltag sind die ersten Schritte dahin oft unerwartet. Ein Beispiel: Das Kind stellt zu seiner Überraschung fest, dass der Eiswürfel im Becher mit der Hand nicht zu fassen ist. Er ist zu glitschig. Das Kind entscheidet sich dazu, den Becher mitsamt dem Inhalt umzukippen.
Was ist kognitive Flexibilität?
Der Erwachsene hätte eine andere Lösung gewählt. Doch für das Kind ist es der erste Schritt, ein unvorhergesehenes Problem selbstständig zu lösen. Es beginnt seine kognitive Flexibilität zu entwickeln.
Um diese beim Kind zu messen, haben Entwicklungspsychologen spezielle Aufgaben entwickelt. Sie werden beispielsweise von der Psychologin Sara Baker in ihren Studien an der Universität Cambridge verwendet. Die Wissenschaftler fordern beispielsweise Kinder dazu auf, bestimmte Gegenstände anhand ihrer Farbe zu sortieren. Nach einiger Zeit ändern sie die Aufgabe. Die Kinder sollen die Gegenstände nicht mehr nach ihrer Farbe, sondern nach ihrer Form ordnen.
Für Erwachsene ist die Aufgabe leicht. Doch Kindern fällt sie schwer. Vor allem den Jüngsten gelingt diese Art des Umdenkens nicht. Diese Aufgabe zeigt: Kognitive Flexibilität ist stark altersabhängig. „Erst nach Farben, dann nach Formen ordnen – für Zweijährige stellen diese unterschiedlichen Aufgaben eine große kognitive Herausforderung dar“, sagt Pauen. Das Gehirn hat noch nicht die dafür notwendige Reife erreicht.
Doch einmal entwickelt, ist die kognitive Flexibilität eine der Basiskompetenzen fürs Leben. Sie gehört zu den Denkfähigkeiten, die wir benötigen, um Probleme zu lösen und zu lernen, kurz: um unser Verhalten zu steuern. Kinder, die schon früh über diese Fähigkeiten verfügen, sind als Erwachsene oft zufriedener, erfolgreicher und sogar gesünder.
Wie lange dauert das?
Wie gut Kindern der Umgang mit anderen Menschen gelingt, hängt ebenfalls ganz entscheidend von dieser Fähigkeit ab. Wer kognitiv flexibel ist, kann sich besser in andere hineinversetzen und so die Realität aus unterschiedlichen Perspektiven sehen. Dies wiederum hilft einem Menschen dabei, in ganz verschiedenen Situationen klarzukommen.
Der Weg an den Punkt, an dem die kognitive Flexibilität voll ausgereift ist, zieht sich hin. Erst im Alter von etwa zwanzig Lebensjahren ist sie voll entwickelt. Für Eltern stellt diese Zeitspanne eine Geduldsprobe dar. Denn fehlt die kognitive Flexibilität, können Kinder nicht nur schlecht zwischen Tätigkeiten wechseln, sondern sie werden auch von den kleinsten Abweichungen einer erlernten Routine aus dem Konzept geworfen.
Eltern sollten in diesen Situationen vor allem ruhig bleiben und nicht noch zusätzlichen Druck ausüben. „Wer gestresst ist, reagiert eher rigide und wenig flexibel – das gilt auch für Kinder“, sagt Pauen. Je ruhiger Eltern reagieren, desto leichter fällt es dem Kind, flexibel zu reagieren und damit diese Fähigkeit zu trainieren. Um dies zu fördern, benötigen letztlich vor allem auch die Erwachsenen die kognitive Flexibilität, sich auf die Sichtweise des Kindes einzulassen.
Um zu illustrieren, wie die Fähigkeit gefördert werden kann, nennt die Entwicklungspsychologin Pauen ein Beispiel aus dem Alltag: Die ganze Familie macht sich zu Beginn der Saison auf den Weg ins Schwimmbad. Um 10 Uhr morgens steht sie vor verschlossenen Toren. Es stellt sich heraus, dass die Öffnungszeiten wegen Personalmangels nach hinten verschoben wurden. Alle sind enttäuscht. Die Kleinkinder protestieren lautstark. Um weiteres Wutgeheul im Keim zu ersticken, schlagen die Eltern vor, dass man die Zeit mit einem Picknick überbrücken könnte. Diesen gut gemeinten Alternativvorschlag quittieren die Kinder mit noch mehr Protestgeheul. Da der Nachwuchs den guten Willen der Eltern nicht würdigt und sich nicht beruhigt, reagieren irgendwann auch die Eltern ungehalten.
Verständnis zeigen und abwarten
Doch Pauen gibt zu bedenken: „Kinder sollten die Chance bekommen, selbst mit überlegen zu dürfen: Okay, was machen wir jetzt?“ Erst dann schalteten sie nämlich um: von schlechter Stimmung hin zu Eigenengagement im Umgang mit frustrierenden Situationen. „Eltern neigen dazu, schnell mit Lösungsvorschlägen zu kommen, auch wenn das Kind mit seiner Frusterfahrung noch nicht fertig ist“, sagt die Entwicklungspsychologin.
Wer möchte, dass Kinder nachhaltig lernen, mit der unerwarteten Enttäuschung umzugehen, zeigt am besten Verständnis für die unangenehmen Gefühle des Kindes und wartet erst einmal ab.
Kinder können ihre Emotionen noch nicht so gut steuern, deshalb sind sie darauf angewiesen, dass Erwachsene emotional im Gleichgewicht bleiben. Wer sein Kind anschreit oder zornig wird, schadet nicht nur der vertrauensvollen Beziehung zwischen Kind und Elternteil, sondern verhindert, dass das Kind selbst aktiv werden und etwas lernen kann.
Flexibilität macht glücklich
Erfährt das Kind bereits im Elternhaus, dass es sich Zeit nehmen darf und Erwachsene sich seine Perspektive anhören, dann gelingt es dem Nachwuchs später besser, mit neuen Situationen und Unvorhergesehenem klarzukommen. In diesem Sinn beeinflussen die soziale Lernerfahrung und vermutlich auch die genetische Veranlagung, wie flexibel wir im Denken werden.
Doch selbst wenn von Elternseite alle Voraussetzungen vorhanden sind – emotionale Sicherheit, genügend Zeit, um Frustrationen zu verarbeiten, eine liebevolle und geduldige Ansprache –, lässt sich die neuronale Entwicklung der Kinder nicht beschleunigen. Kognitive Flexibilität ist nur möglich, wenn im Frontalhirn die entsprechenden Reifungsprozesse stattgefunden haben. Deshalb hilft es, wenn Eltern von Kindern im Trotzalter zwischen 2 und 3 Jahren sich zunächst fragen: Was kann ich von meinem Kind in diesem Alter wirklich schon erwarten und was nicht?
Aufforderungen überdenken
Und selbst wenn das Kind ein Alter erreicht hat, in dem der Übergang vom Spielen zum Abendessen leichter gelingt, betont Pauen, Flexibilität bedeute nicht, dass das Kind alles stehen und liegen lässt, um zu gehorchen.
Dann sollten die Eltern die Aufforderungen an das Kind umso mehr überdenken. Denn nun könnte die verkappte Aufforderung „Das Essen wird gleich kalt“ quittiert werden mit „Dann stell es doch in die Mikrowelle“. Schließlich hat das Kind das Problemlösen für sich entdeckt. Nun gilt es, dem Kind zu sagen, was man eigentlich anstrebt: „Ich möchte jetzt mit dir gemeinsam essen. Das ist mir wichtig.“