Sylvana Krappatsch als Woyzeck – und die Honoratioren im Netz. Foto: Julian Baumann

Die Gesellschaft ist ein Irrenhaus – und der Soldat Woyzeck eine Frau: Im Stuttgarter Schauspielhaus bevölkert der Regisseur Zino Wey das Sozialdrama von Georg Büchner mit sehr realen Geistern und Gespenstern.

Stuttgart - Woyzeck ist eine Frau, wenn auch eine knäbische: Die kleine, schmale Sylvana Krappatsch spielt mit großer Eindringlichkeit die Titelfigur in Büchners Sozialdrama von 1836, das wie ein Monolith in der Literaturgeschichte steht. Mit seiner schroffen Sprache, seinem harten Materialismus ist es seiner Zeit um ein Jahrhundert voraus – und schmerzt als „offene Wunde“ noch heute, wenn man es zu nehmen weiß.

Verstörend diagnostische Fähigkeiten

Der Basler Regisseur Zino Wey weiß es so halb. Nicht alle Szenen auf der schwarzen, kargen Bühne des Schauspielhauses gelingen. Manche geraten zu lang, zu spannungslos, werden aber zuverlässig abgelöst von dichten, intensiven Schlaglichtern auf eine Gesellschaft von „viehischer Natur“, deren Paranoia nicht minder ausgeprägt ist als jene des Soldaten Woyzeck. Im Gegenteil: mit reduzierter Gestik, abgehackter Sprache und schräg gestelltem Kopf lässt die starke Sylvana Krappatsch ihrer Kreatur inmitten des gespenstischen Mummenschanzes verstörend diagnostische Fähigkeiten zuwachsen. Starker Applaus.

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