Kolumnist Hörner mit seiner ersten Lesebrille Foto: Decksmann

Nicht jedem Anfang wohnt offenbar ein Zauber inne. Unserem Kolumnisten (55) macht die Anschaffung einer Lesebrille schwer zu schaffen.

Stuttgart - Es gibt Menschen, die besitzen die Fähigkeit, anderen Menschen Hoffnung zu machen. Eine Kollegin in der Redaktion gehört zu diesem Kreis Auserwählter. Vor fünf Jahren sagte sie mir, Leute, die bis 50 keine Lesebrille bräuchten, kämen ohne Lesebrille über die Runden. Inzwischen bin ich 55, und mir dämmert: Die Kollegin mag die Gabe haben, Menschen Hoffnung zu machen, ihre seherischen Fähigkeiten halten sich vermutlich in Grenzen.

Halogenscheinwerfer im Schlafzimmer? Was sollen da die Nachbarn denken?

Es ist nicht so, dass ich wirklich eine Brille zum Lesen brauche. Aber bei schwachem Licht, etwa abends vor dem Einschlafen im Bett, kann es schon mal vorkommen, dass mir die Buchstaben vor den Augen verschwimmen. Ich habe mir deshalb überlegt, Halogenscheinwerfer im Schlafzimmer zu installieren. Aber was sollen da die Nachbarn denken? Also ging ich am Samstag zu einem Optiker.

Das Beratungsgespräch begann mit einem Monolog meinerseits. Ich meine, die Leute müssen ja wissen, dass ich eigentlich keine Lesebrille brauche. Die Frau Optikerin schaute skeptisch über ihren Brillenrand. Von der 50-Jahr-Theorie meiner Kollegin schien sie nichts zu halten. Sie sagte, dass ich vermutlich Gläser mit 1,5 Diop­trien bräuchte. Genaueres könne man aber erst nach einer Augenuntersuchung sagen. In ein paar Jahren, sagte sie, würden dann 1,5 Dioptrien wohl auch nicht mehr reichen. Das sei der Lauf der Dinge. Offensichtlich gehörte die Frau Optikerin nicht zu jenem Menschenschlag, der einem Hoffnung macht. Aber sie schien in die Zukunft schauen zu können.

Jeder will klüger erscheinen, außer Stephen Hawking

Ich setzte verschiedene Fertigbrillen auf und konnte damit das Kleingedruckte auf einer Karte lesen, die mir die Frau Optikerin gegeben hatte. Ob sie auch ein Brillenmodell habe, das mich rein optisch klüger erscheinen lässt, fragte ich. Ob ich das nötig hätte, fragte die Frau Optikerin. Natürlich habe ich das nötig. Jeder hat das nötig, außer Stephen Hawking. Die Frage, ob sie ein Modell habe, das mich wie George Clooney aussehen lässt, verkniff ich mir. Es stand zu befürchten, dass die Antwort nicht zu meinen Gunsten ausgefallen wäre.

Obwohl ich eigentlich keine Lesebrille brauche, habe ich mir doch eine gekauft. Ich betrachte das Ding nicht als Lesebrille, eher als Lupe. Oder als Nachtsichtgerät. Ein Hoffnungsschimmer aber bleibt: Auf einem Bügel der Lesebrille ist die Diop­trienstärke vermerkt. Ich kann sie ohne Brille lesen.

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