Sonnenuntergang, aus dem fahrenden Wagen gesehen Foto: Decksmann

Schon so manchen großartigen Sonnenuntergang hat unser nicht mehr ganz junger Autor gesehen. Aber so wie der, dem er auf der B 29 kurz vor Waiblingen begegnete, hatte ihn noch keiner berührt. Doch dann...

Stuttgart - Es gibt sicherlich schönere Orte, um einen Sonnenuntergang zu erleben, als die B 29 zwischen Schorndorf und Waiblingen. Aber so wie dieser hat mich noch keiner berührt.

Ich war an tropischen Sandstränden, die der liebe Gott nur deshalb aufschütten ließ, damit die Menschen an diesen Orten ­allabendlich in andächtiges Schweigen verfallen können. Einmal pilgerte ich mit Einheimischen eines Dorfes in Malaysia an die Ufer eines Flusses, der am Tag vor allem braun war. Wenn die Sonne versank, wurde die Gegend in ein Licht getaucht, das so ­unbeschreiblich war, dass ich gar nicht ­versuchen werde, es zu beschreiben. Jede Kitschpostkarte wäre bei dem Anblick vor Neid erblasst.

Bei Hebsack wär’s besonders schön gewesen

Aber die B 29, in Fahrtrichtung Waiblingen? Es wäre schön, wenn es bei der Anschlussstelle Hebsack gewesen wäre, aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Im Radio lief ein Song von Chris de Burgh. ­Offiziell mag ich dessen Songs nicht, aber inoffiziell drehe ich manchmal das Radio lauter, wenn „Don’t Pay The Ferryman“ läuft. Sicherheitshalber schließe ich dann die Seitenfenster, damit es keiner hört.

Der Fahrtwind, die Sonne, die Wärme im Rücken

Nicht an diesem Abend. Der Fahrtwind, die rötliche Sonne über dem Asphaltband und dann dieses wärmende Gefühl im Rücken. Dass einem ein kalter Schauer über den Rücken läuft, das hatte ich schon ­erlebt. Aber dass man angesichts einer untergehenden Sonne plötzlich einen warmen, fast schon heißen Rücken bekommt, das hätte ich nie für möglich gehalten.

Bei den Stauinfos auch mal das Schöne verkünden

Ich war zutiefst ergriffen und überlegte, ob man bei den Stauinfos im Radio nicht auch mal sagen könnte, wenn über der B 29 in Fahrtrichtung Waiblingen gerade die Sonne untergeht. Warum immer nur auf das Übel in der Welt hinweisen und nicht auch mal auf das Schöne?

Gern hätte ich Ihnen diesen Schluss erspart

Ich überlegte gerade, wie man das nett formulieren könnte, da wurde mir klar, dass ich mit dem rechten Knie den Schalter der Sitzheizung betätigt hatte. Das ist das Schicksal eines großen Menschen, der sich in einen Kleinstwagen setzt. Ich hätte Sie und mich gern anders aus diesem Text entlassen, aber irgendwo ist man doch auch der Wahrheit verpflichtet.

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