Der Abstich im Hüttenwerk und der Klimawandel haben eines gemeinsam: Sie sind Menschenwerk. Foto: dpa

„Heißzeit“ ist das diesjährige „Wort des Jahres“ – und die Schreckensvision für das 21. Jahrhundert, meint unser Kommentator.

Wiesbaden/Stuttgart - Der Sommer 2018 war extrem lang und warm. Deutschland, Europa – eigentlich die gesamte Nordhalbkugel lag monatelang unter einer Hitzeglocke. Die Temperaturen erreichten Rekordwerte. Die Felder waren knochentrocken, die Wälder brannten beim kleinsten Funken wie Zunder, die Böden waren aufgeplatzt wie in der Sahel-Zone. Kurzum: Es herrschte „Heißzeit“.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat diesen Kunstbegriff, den Klimaforscher des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) im Sommer prägten, zum „Wort des Jahres“ erklärt. In der lautmalerischen Ähnlichkeit mit Eiszeit sei dies eine interessante Wortbildung, urteilen die Juroren.

Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Denn „Heißzeit“ ist nicht nur das „Wort des Jahres“, sondern auch die Schreckensvision für das 21. Jahrhundert.

Klima-Boykotteure, Klima-Ignoranten, Klima-Leugner

Aktueller könnte die Wahl nicht sein. Derzeit tagt im polnischen Katowice die UN-Weltklimakonferenz. Ziel der fast 200 teilnehmenden Staaten ist es, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Internationalen Wissenschaftlern zufolge könnte sich die Erde langfristig sogar um drei, vier oder fünf Grad Celsius erwärmen und der Meeresspiegel um zehn bis 60 Meter ansteigen.

Wie Dominosteine fallen einzelne, noch beeinflussbare „Kippelemente“ im Klimasystem. Schließlich summieren sie sich zu einer Welle, die alles mitreißt und nicht mehr beherrschbar ist.

1,5 Grad: Das scheint eine lösbare Aufgabe zu sein. Doch was ist in dieser real existierenden Welt der Klima-Boykotteure, der Klima-Ignoranten und der Klima-Leugner noch normal? Anstatt jetzt zu handeln, um das Überleben zukünftiger Generationen zu sichern, stecken die Mächtigen die Köpfe in den Sand oder tun so, als ob es wichtigere Dinge gäbe – etwa Strafzölle, Fahrverbote oder präsidiale Lügenmärchen.

Heißzeit und heiße Luft

Eine Heißzeit bestimmt nicht nur das Weltklima, sondern auch die öffentliche Debatte, in der viel heiße Luft, aber kaum Substanzielles, geschweige denn Zukunftsweisendes produziert wird. Die Regierenden in den großen Industrienationen wie den USA, China und Russland lässt es offensichtlich völlig kalt, dass in Zukunft Millionen von Menschen das Wasser buchstäblich bis zum Hals stehen wird.

„Heißzeit“ ist nicht nur die aktuelleste, sie auch die beste Wort-Wahl des Jahres. Allerdings wird das lobenswerte Votum der Germanisten-Jury weder an der Ignoranz der Mächtigen noch am Konsumverhalten etwas ändern. Niemand wird wegen des „Wortes des Jahres“ auf den Kauf eines fetten, spritfressenden SUV oder auf eine klimaschädliche Fernreise verzichten.

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