Sie sind familiär verbandelt und gehören einer Partei an. Doch gemeinsam treten Wolfgang Schäuble und sein Schwiegersohn Thomas Strobl selten auf. In einem Interview mit unserer Zeitung kurz vor Schäubles 80. Geburtstag erklären sie, warum.
Über lange Jahre haben die beiden CDU-Politiker Wolfgang Schäuble und Thomas Strobl es vermieden, gemeinsam interviewt zu werden. Wenige Tage vor Wolfgang Schäubles 80. Geburtstag brechen sie mit dieser Regel.
Herr Schäuble, Herr Strobl, Sie haben noch nie gemeinsam ein Interview gegeben, warum?
Schäuble Wir sind familiär sehr eng verbunden, und wir trennen das klar von der Politik. Wir haben aufeinander Rücksicht genommen. Ich habe mich bemüht, mich in landespolitischen Dingen niemals so zu äußern, dass man es gegen ihn verwenden könnte. Und er hat es bundespolitisch, als ich Verantwortung getragen habe, genauso gehalten. Das ist ja nicht nur angenehm. Ich habe das bei meinem jüngeren Bruder schon erlebt, als er in die Landespolitik gegangen ist. Da hieß es immer, der kleine Bruder. Das ist bei Thomas Strobl schon etwas anders. Aber es wird halt trotzdem immer noch geschrieben „der Schwiegersohn“.
Diskutieren Sie denn politische Fragen auch mal privat?
Strobl Die anderen in der Familie würden es nicht dulden, wenn wir stundenlang politisieren würden. Ab und zu reden wir natürlich auch mal über Politik. Das ist jetzt auch kein Tabuthema. Früher hatte ich den Eindruck, dass manche denken, wir telefonieren jeden Tag miteinander und stimmen uns haarklein ab. Das war noch nie der Fall.
Der Name Strobl stand nach Bundestagswahlen auch auf möglichen Kabinettslisten. Waren Sie ein Hindernis?
Schäuble Ja, das ist so. Das gilt auch für andere Baden-Württemberger. Ich bin natürlich auch anderen im Weg. Auch den jungen Leuten in meinem Wahlkreis. Die machen sich jetzt zu Recht Hoffnung für die nächste Bundestagswahl.
Wird politische Erfahrung heute überhaupt noch wertgeschätzt?
Strobl Gerade in diesen aufgeregten Zeiten ist es gut, dass es auch Politiker gibt, die Krisen er- und durchlebt haben. Natürlich sind die Krisen nie gleich, aber beim Krisenmanagement gibt es Regeln und Gesetzmäßigkeiten – da schadet Erfahrung durchaus nicht. Erfahrung ist meistens auch mit Kontakten verknüpft. Wolfgang Schäuble hat zu vielen in Europa jahrzehntelange Kontakte, um nicht zu sagen politische Freundschaften gepflegt. So entsteht international Vertrauen, Verlässlichkeit und Stabilität.
Herr Schäuble, taugt das traditionelle Handwerkszeug von Politikern in dieser multiplen Krisenlage noch?
Schäuble Ich sehe es ein bisschen anders. Was mir neu vorkommt, ist die Geschwindigkeit, mit der sich Dinge und Themen verändern. Das hat auch mit technologischem Fortschritt zu tun. Aber ich habe noch eine sehr gute Erinnerung an die Kuba-Krise und den Mauerbau in Berlin. Wir haben in Zeiten des Kalten Kriegs gelebt, in Zeiten der gesicherten gegenseitigen Vernichtung. Das zu Ende zu denken, konnte einen in den Wahnsinn treiben. Deswegen war die deutsche Wiedervereinigung ja auch ein Wunder. Ich habe noch bis zuletzt Angst gehabt, es geht wieder schief.
Und wenn man das weiß, sind die Probleme heute nicht größer. Natürlich haben wir geglaubt, das hätten wir hinter uns. Ich finde, am besten hat das Frau Kramp-Karrenbauer ausgedrückt. Sie hat sinngemäß gesagt: Ich bin so wütend auf uns, wir haben alles gewusst und wollten es nicht sehen.
Sie warnten jüngst mit Blick auf mögliche Proteste, das könne auch eine sich selbst erfüllende Prophezeiung werden.
Schäuble Ich halte dieses Gerede von Politikern für völlig unverantwortlich, weil man Proteste natürlich herbeireden kann. Eigentlich muss man den Leuten sagen: Natürlich wird das schwierig, natürlich ist das ein Riesenproblem, natürlich wissen wir nicht, was Putin noch macht. Deswegen ist das eine fürchterlich große Verantwortung.
Sie tragen diese Verantwortung, Herr Strobl, sehen Sie das ähnlich?
Strobl Natürlich dürfen wir nichts herbeireden, freilich müssen wir uns vorbereiten. Wir hatten während der Pandemie ein Demonstrationsgeschehen, in dem eine toxische Mischung aus Rechtsextremisten, Verschwörungsideologen, Antisemiten, „Reichsbürgern“, Selbstverwaltern und dergleichen mehr amalgamiert ist. Natürlich waren nicht alle Demonstranten so, aber es gab auch diesen toxischen Kern. Und es fehlt mir nicht an Fantasie, dass Extremisten in den nächsten Wochen erneut versuchen werden – egal unter welchem Thema: Inflation, Klimawandel, wirtschaftliche Entwicklung – den Unmut für die eigenen Zwecke zu missbrauchen. Selbstverständlich darf man gegen das, was die Regierung macht, demonstrieren. Wenn das Ganze aber umschlägt in eine allgemeine Staats- und Demokratiefeindlichkeit und das von extremistischen Kräften aufgepeitscht wird, dann ist das nicht ungefährlich. Das muss man im Auge behalten – und das haben wir auch scharf im Auge.
Hat die Akzeptanz des politischen Systems gelitten?
Schäuble Die westliche Demokratie ist ganz offensichtlich in der Krise. Möglicherweise ist das die größte unserer Krisen. Thomas, da sind wir gar nicht so weit auseinander. Man muss das auch ernst nehmen. Deswegen muss ich das trotzdem nicht herbeireden. Schauen Sie, ich hätte mir nicht vorstellen können, was Januar letzten Jahres am Kapitol in Washington passiert ist – das war ein Staatsstreich. Aber überall in Europa sind die Parteien in der Krise.
Strobl . . . auch in Japan, auch in Amerika . . .
Schäuble . . . in Schweden, in Frankreich, in Großbritannien, in Italien: Die Demokratie ist in der Krise, weil vieles zu lange selbstverständlich war. Wir sehen da eine Verbraucherhaltung. Die Politik muss liefern. Die Politik muss Angebote machen. Aber die Politik muss das nicht. Die Politik muss den Bürgern sagen, wir sind so gut, wie ihr es seid! Demokratie ohne Demokraten, das hat man schon in Weimar gelernt, das geht nicht.
Strobl Das ist eine der Lehren, die wir aus den vergangenen zwei Jahren ziehen: dass nichts selbstverständlich ist. Dass Frieden ist in Europa, ist nicht selbstverständlich. Dass man gesund ist, ist nicht selbstverständlich. Und auch die Demokratie ist nicht selbstverständlich, sondern muss immer wieder erarbeitet werden – und ja, sie muss auch aktiv verteidigt werden. Die Demokratie steht gewaltig unter Druck – von innen und auch von außen. Putin handelt wie ein Terrorist. Das klassische Ziel von Terroristen ist ja nicht nur zu morden und zu zerstören, sondern auch die Bevölkerung gegen den Staat aufzubringen. Das darf man nicht unterschätzen. Bei der Gasversorgung spielt Putin genau das Spiel mit uns, hinzu kommt die feindliche Propaganda über das Netz. Es geht darum, die Menschen gegen unseren Staat und unsere Demokratie aufzuwiegeln.
Braucht es in diesen Zeiten mehr Streit oder mehr Kooperation?
Schäuble Streit ist das Salz der Demokratie. Der Streit sollte allerdings einigermaßen rational, auch ein Ringen um Alternativen sein. Ich war immer ein Gegner der großen Koalition mit diesen ewigen Kompromissen. Wir müssen auch den Mut haben, mit Mehrheiten zu entscheiden, und den Minderheiten zumuten, die Mehrheitsentscheidung zu akzeptieren, wenn ausgiebig darüber gestritten wurde.
Wurde früher im Parlament nicht eigentlich mehr gestritten?
Schäuble Ha ja! Herbert Wehner war schon ziemlich gefürchtet als Zwischenrufer – und Franz Josef Strauß. Übrigens auch Helmut Schmidt. Der hat die Gegner schon verdroschen. Polemik gehört halt auch dazu.
Strobl Einen Unterschied freilich gibt es. Die Themen, über die so heftig gestritten wurden, waren von großer Bedeutung für die Bevölkerung. Heute habe ich zuweilen den Eindruck, es wird geradezu an der Bevölkerung vorbeigestritten über allerlei unwichtige Dinge, die allenfalls in einer politischen Blase für bedeutsam gehalten werden. Und ansonsten gibt es insbesondere in Krisenzeiten übrigens auch eine gute Gemeinsamkeit unter Demokraten. Viele haben ja früher angezweifelt, dass das ordentliche Regieren zwischen den Grünen und der CDU im Land überhaupt möglich ist. Und gerade was die Krisen angeht, haben wir das zwischen diesen beiden Parteien sehr gut miteinander hinbekommen. Schwarz und Grün ist ja inzwischen ein Erfolgsmodell für Deutschland geworden – freilich am liebsten in dieser Reihenfolge.
Herr Schäuble, hätten Sie gern mal mit den Grünen regiert?
Schäuble Ja, weil ich es interessanter fand als die große Koalition. Ich war ja schon in den 1990er Jahren als Fraktionsvorsitzender verrufen als ein Schwarz-Grüner. Das war damals ein Schimpfwort. Mir fiel damals schon in meinem Wahlkreis auf: Die katholische Landjugend war bei den Grünen. Es war klar: Da machen wir was falsch. Und wir leiden immer noch darunter – auch in Baden-Württemberg.
Der Thomas musste viel aushalten, als er die Koalition mit den Grünen eingegangen ist. Er hat das durchgestanden. Ich soll ihn ja nicht loben, er ist ja mein Schwiegersohn. Net g’schimpft, isch g’nug g’lobt. Jedenfalls ist das ein großes Verdienst. Er musste ja damals auch von Berlin nach Baden-Württemberg. Ich glaube nicht, dass es sein größter Wunsch gewesen ist. Das gehört zu den Dingen, die ich, wenn ich ihn loben würde, schon sagen würde.
Strobl Können wir jetzt wieder über Sachthemen reden?
Wie sehr sorgen Sie sich um den Zusammenhalt in Europa?
Strobl Für Europa heißt das aktuell: Wir können aus den Krisen etwas machen, aber wir müssen das Zeitfenster jetzt auch nutzen, weiter denken, größer, europäischer: Wir brauchen strategische Zusammenschlüsse, die auch operativ schlagkräftig sind. Und zum Ende gedacht: Wir brauchen in Europa auch eine gemeinsame militärische Operative – von der Beschaffung bis zum Einsatz –, also eine europäische Armee, die ständig unsere Außengrenzen schützt, freilich auf Wunsch von Drittländern auch weltweit interventionsfähig ist.
Schäuble Ich sehe für Europa derzeit eine große Chance, das zu tun, was wir bisher nicht geschafft haben. Nämlich die Spaltung Europas zu überwinden. Der polnische Ministerpräsident Morawiecki hat vor Kurzem geschrieben, für die Polen sei Europa eine Oligarchie, in der Berlin, Brüssel und Paris bestimmen. Das muss man als die Sicht der Osteuropäer zur Kenntnis nehmen. Wenn wir aber Polen als gleichwertiges und gleichgewichtiges Mitglied in die europäische Führung mit aufnehmen, können wir auch den Franzosen ein Angebot machen. Zum Beispiel könnten wir sagen, wir zahlen euch die Hälfte von eurer Nuklearmacht, wenn ihr sie zum Schutz Europas in das Nato-Konzept einfügt. Da wären auch die Polen dabei.
Bundes- und Landespolitiker
Wolfgang Schäuble
Wolfgang Schäuble gehört dem Deutschen Bundestag seit 1972 als stets direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Offenburg an. Unter den Kanzlern Helmut Kohl und Angela Merkel hatte er Ministerämter inne. Maßgeblich war er an Konzipierung und Aushandlung des Einigungsvertrags beteiligt. Von 2017 bis 2021 war er Bundestagspräsident.
Thomas Strobl
Auf immerhin 18 Jahre brachte es Thomas Strobl im Bundestag – wie Wolfgang Schäuble wurde er in seinem Heimatwahlkreis Heilbronn stets direkt gewählt. 2016 wurde er Innenminister der ersten grün-schwarzen Landesregierung in Stuttgart. Strobl ist seither stellvertretender Ministerpräsident. Thomas Strobl ist seit 1996 mit Schäubles ältester Tochter Christine verheiratet. Sie ist Programmdirektorin der ARD.