Der schillernde Firmenchef vor dem Eingangstor zu seinem privaten Anwesen. Foto: Gottfried Stoppel

Kein Ort im Land wird so sehr von einem Unternehmer geprägt wie Burladingen. Ein Besuch bei Trigema-Boss Wolfgang Grupp, der an diesem Montag 80 Jahre alt wird.

Überall Trigema. Kommt man über die B 32 nach Burladingen hinein, sieht man zunächst links den Trigema-Fabrikverkauf, davor die Trigema-Tankstelle. Rechts erscheinen bald die Trigema-Produktionsstätten und die Trigema-Hauptverwaltung mit ihren weißen Fassaden. Das Foyer ist menschenleer. Auf einem Tisch steht ein Telefon, darüber steht: „Zur Anmeldung nehmen Sie bitte den Hörer ab.“

 

Der Unternehmer, der die Kleinstadt an der südlichen Grenze zur Schwäbischen Alb seit mehr als fünf Jahrzehnten prägt, sitzt im Großraumbüro an einem elfenbeinfarbenen Schreibtisch. Wolfgang Grupp, 79, ist wie immer piekfein gekleidet: maßgeschneiderter Doppelreiher, gestreiftes Hemd mit Button-down-Kragen, goldene Manschettenknöpfe, Seidenkrawatte, Einstecktuch.

Trigema völlig verschuldet

Es reicht eine simple Einstiegsfrage – „Herr Grupp, wie stand es 1968 um Trigema?“ –, und schon redet er sich in Rage. „Der Größenwahn, das sinnlose Streben nach immer mehr schadet jedem Unternehmen!“, ruft er mit bebender Stimme und zerhackt mit karateartigen Handkantenschlägen die Luft. Nach einem mehrminütigen Exkurs, in dem Grupp zwei ehemalige Automobilkonzernbosse und einen Chemiekonzern zerpflückt, landet er schließlich doch noch bei dem Mann, der Trigema einst beinahe zugrunde gerichtet hat: seinem Vater.

Franz Grupp, Schwiegersohn des Firmengründers Josef Mayer (Trigema steht für: „Trikotwarenfabriken Gebrüder Mayer“), war promovierter Jurist, passionierter Tennisspieler – und ein megalomanischer Hasardeur. Nachdem er die Geschäftsführung 1956 übernommen hatte, kaufte er unter anderem eine Kunststofffabrik in Trochtelfingen hinzu und ließ am Stammsitz in Burladingen nicht mehr nur Unterwäsche, sondern auch exklusive Damen-Oberbekleidung produzieren. Innerhalb weniger Jahre verwandelten sich die schwarzen in tiefrote Zahlen. Ende der sechziger Jahre war Trigema zu einem unübersichtlichen Mischkonzern mutiert und völlig verschuldet.

Zurück zu den Wurzeln

Zu jener Zeit schrieb Wolfgang Grupp, mütterlicherseits mit schwäbischen Kaufmannsgenen gesegnet, an einer Dissertation über Betriebskrankenkassen. Als er erfuhr, dass sein Vater drauf und dran war, das Erbe zu verzocken, eilte der frisch diplomierte Kaufmann zurück in die Heimat: „Ich habe meinem Professor gesagt, dass ich die wissenschaftliche Arbeit nicht vollenden kann, weil mir eine Firma ohne Doktortitel lieber sei als ein Doktortitel ohne Firma.“

Mit Rückendeckung der beiden Mehrheitsgesellschafterinnen – seiner Mutter Änne Grupp und seiner Tante Maja Graf – übernahm der 27-Jährige die Geschäftsführung. „Ich habe damals schnell erkannt, dass ich alles vergessen kann, was ich an der Universität gelernt hatte, sondern mich auf die Grundrechenarten aus der Volksschule besinnen muss“, erzählt Grupp. Zwei der Fabriken, die sein Vater zugekauft hatte, machte er sofort dicht und konzentrierte sich aufs Kerngeschäft: Unter- und Tennisbekleidung.

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Wolfgang Grupp sagt, dass er kein besonders kreativer Geschäftsmann sei, aber die Gabe besitze, auf Trends schnell zu reagieren: „Ich habe nie etwas erfunden, sondern nur meine Augen und Ohren offen gehalten.“ Sein erster großer Coup gelang dem Jungunternehmer Ende der 60er Jahre. Grupp erkannte, dass die amerikanischen T-Shirts, die nun auch hierzulande en vogue waren, nichts anderes als kurzärmlige Unterhemden sind. Einen scheinbar unverkäuflichen Lagerbestand ließ er batiken und verkaufte die schwäbischen Flower-Power-Leibchen hunderttausendfach an die Kaufhauskette C&A. Es folgte ein ähnlich lukrativer Deal mit dem Disney-Konzern: Trigema erwarb exklusiv für den deutschen Markt die Lizenz, seine Konfektion mit Figuren aus populären Comics und Zeichentrickfilmen bedrucken zu dürfen. „Was mir persönlich gefällt, spielt für meine unternehmerischen Entscheidungen überhaupt keine Rolle“, sagt Grupp.

Magier und Einzelkämpfer

In Burladingen gab es einst zwei Dutzend Textilunternehmen, davon ist nur eines übrig geblieben – Trigema. Auf fast magische Weise gelang es dem Einzelkämpfer Grupp, dem Niedergang der Branche zu trotzen. Als er 1969 in die Firma einstieg, machte Trigema 17 Millionen D-Mark Jahresumsatz, heute sind es 113 Millionen Euro. 1974 ließ Grupp den Stammsitz erstmals erweitern, vor zwei Jahren kam der vorerst letzte Anbau hinzu. Der Trigema-Boss leistet sich einen gläsernen Hangar, eine Kerosin-Tankstelle und einen Landeplatz für einen firmeneigenen Hubschrauber. Mit dem landet er gern direkt vor der Ladentüre der 45 Trigema-Geschäfte zwischen Bodensee und Büsum.

Ein Anwesen nach seinem Geschmack

Wolfgang Grupp gibt nur Geld aus, wenn er Geld hat. Die ersten zehn Jahre als Geschäftsführer wohnte er mit seiner Großmutter unter einem Dach. Erst als Katharina Mayer 1978 gestorben und die Firma schuldenfrei war (sie ist es bis heute geblieben), ließ er das Familienanwesen nach seinen Vorstellungen umgestalten. Das Haus der Großeltern wurde abgerissen und durch eine reetgedeckte Villa ersetzt, wie er sie aus dem High-Society-Ferienort Kampen auf Sylt kannte. Das Schwimmbecken, das sich über 45 Meter durch den parkähnlichen Garten schlängelt, ließ er nach dem Vorbild eines Hotelpools in Acapulco anlegen. 1988 heiratete er in der hauseigenen Kapelle die 24 Jahre jüngere Elisabeth Baronesse von Holleuffer, eine Medizinstudentin aus Graz, die er auf einer Auerhuhnjagd in der Steiermark kennengelernt hatte.

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„Der König von Burladingen“ heißt eine sehenswerte SWR-Reportage über den schwäbischen Textilfabrikanten, und man darf davon ausgehen, dass sich Wolfgang Grupp in seinem 13 000-Einwohner-Reich tatsächlich wie ein Monarch fühlt. Etliche Immobilien im Ort gehören ihm, die Sporthalle heißt „Trigema Arena“, und der Stadtfriedhof wird von dem Familiengrab dominiert, das Grupp neu anlegen ließ: groß wie ein Tennisplatz, mit einem Brunnen, Bänken und einem schmiedeeisernen Kreuz.

Eine Überlebensstrategie für Trigema

An diesem Montag wird er 80. Ans Aufhören denkt Grupp nicht, dafür bereitet ihm sein Lebenswerk noch zu viel Freude. Jeden Morgen schwimmt er 900 Meter in seinem Pool. In Sichtweite seines Schreibtisches sitzen seine Kinder Wolfgang junior und Bonita, die ihm seit einigen Jahren in leitenden Positionen zuarbeiten. Einer von beiden soll seine Nachfolge antreten – eines Tages. Wer das ist, hänge auch vom jeweiligen Partner ab, ob dieser bereit sei, nach Burladingen zu ziehen. Im Zweifel liege die Entscheidung bei seiner Frau.

Den Kindern seiner 1200 Mitarbeiter garantiert Grupp einen Ausbildungsplatz. Das wirkt sozial, ist aber Teil der Überlebensstrategie des Unternehmens: Wenn man keine guten Fachkräfte von außerhalb bekommt, muss man sich selbst qualifizierten Nachwuchs heranziehen. „Ich bin ein großer Egoist“, sagt Wolfgang Grupp. „Aber vieles, was für mich gut ist, nützt auch den anderen.“