In deutschen Städten und Gemeinden gibt es immer mehr Obdachlose. Foto: dpa/Marijan Murat

Mit einer zusätzlichen 50-Prozent-Stelle will die Stadt Ostfildern ab 2025 der Zunahme von Obdachlosigkeit entgegenwirken. Die Stadträte sehen Wohnungsnot als ein bundes- und europaweites Problem.

Mehr Unterkünfte für Obdachlose stellt die Stadt Ostfildern bereit. Die Zahl der klassisch Obdachlosen war in der Stadt mit 40 000 Einwohnern in den vergangenen Jahren zwar relativ stabil, doch die Tendenz weist leicht nach oben. In absehbarer Zeit rechnet die Stadt mit bis zu 900 Menschen, die Wohnraum suchen. Deshalb soll in der Fachstelle für Wohnungsnot 2025 eine neue Stelle mit bis zu 50 Prozent geschaffen werden, um betroffene Menschen noch besser zu bereuen. Mit dem Anstieg liegt Ostfildern im bundesweiten Trend.

 

Hauptursache für den Verlust der Wohnung sind Mietschulden, Probleme im sozialen Umfeld wie etwa häusliche Gewalt, Trennungen und sonstige familiäre Gründe. Auch Eigenbedarfskündigungen sind ein Problem. Zum 31. Dezember 2022 zählte Ostfildern 710 Obdachlose, davon 193 Menschen aus der Ukraine und 395, die aus anderen Ländern flüchteten. Demgegenüber stehen 122 sogenannte Wohnungsnotfälle. Der Trend, dass die Obdachlosenzahlen nach oben gehen, zeigt sich auch in der Stadt Nürtingen, die mit knapp 40 000 Einwohnern vergleichbar groß ist. „Derzeit sind rund 250 obdachlose Personen durch die Stadt untergebracht“, sagt Clint Metzger, Pressesprecher der Stadt. Darunter befinden sich ihm zufolge Familien und Einzelpersonen. Im vergangenen Jahr hat die Stadt Nürtingen 57 Personen neu aufgenommen. In diesem Jahr sind es laut Metzger bislang 43. In dieser Statistik fehlen jedoch Geflüchtete.

Schicksale hinter nackten Zahlen

Dass die Kommune das gesellschaftliche Problem der Obdachlosigkeit anpacken muss, steht für die Stadträte in Ostfildern außer Frage. Steffen Kaiser (Freie Wähler) zeigt der Bericht der Stadt, „vor welchem Drahtseilakt wir in Ostfildern und Deutschland stehen“. Einerseits müssten Kommunen den Bedürfnissen von vor Krieg, Gewalt sowie wirtschaftlicher Not Geflüchteter begegnen. „Hinter nackten Zahlen stehen Schicksale.“ Gleichzeitig sieht er „eine beginnende Ablehnung gegenüber Massenunterkünften und der Belegung von Sport- und Freizeithallen in unserer Gesellschaft.“ Außerdem belasteten zusätzliche Bedarfe die angespannte Finanzlage und verursachten personelle Probleme in der Verwaltung. Es gelte, „alle mitzunehmen und ihre Sorgen und Nöte zu sehen“.

Dass die Bemühungen auf europäischer Ebene, die Zuwanderung entsprechend zu steuern, „endlich greifen“, hofft Thomas Hüsson-Berenz (SPD). Die vorgelegten Prognosen bei den Flüchtlingszahlen sehen aus seiner Sicht „einen Scheitelpunkt bei den Zuweisungen nach Ostfildern erst im Jahr 2025“. Eine Entspannung werde erst in den folgenden Jahren erwartet. Für ihn führt kein Weg daran vorbei, Menschen Wohnraum zu schaffen: „Wohnen ist und bleibt ein menschliches Grundbedürfnis, ohne die nötigen Quadratmeter ist ein menschenwürdiges Leben nicht möglich.“

„Die Nachbarn informieren“

Kritisch geht Norbert Simianer (CDU) mit den anderen politischen Ebenen ins Gericht. „Die Kommunen, das letzte Glied in der Kette der Handelnden, haben wenig zu sagen, aber viel zu finanzieren, zu kommunizieren und zu organisieren.“ Wesentliche Verfahrensänderungen könnten die Städte und Gemeinden nicht entscheiden, „diese Befugnis liegt bei den Ländern und beim Bund“. Die Stadt solle aber mehr und transparenter über die Nachbarn informieren, damit sich die Risse in der Gesellschaft nicht vertiefen.

Ein Umdenken in der Gesellschaft fordert Stephanie Reinhold (Bündnis 90/Grüne). Durch die Geflüchteten seien die städtischen Unterkünfte vielfältiger geworden. Sie plädierte dafür, über neue Wohnmodelle nachzudenken und etwa Häuser zu teilen. Sie forderte die Stadtverwaltung auf, „die Möglichkeit des Wohnraum-Teilens zu schaffen“ und neue Strukturen zu etablieren. Solche Teilkonzepte wären etwa auch in Reihenhäusern aus ihrer Sicht sehr gut machbar.