Idyllisch über ein Brückchen zu erreichen ist die Tiny House Siedlung in Stuttgart. Foto: Karin Bernhardine Schanze

Tiny Houses liegen im Trend. Doch wie funktioniert das Leben in winzigen Häusern in der Region Stuttgart und ist es wirklich eine Wohnform der Zukunft?

„Schau mal, da sind Tiny Houses. Schön!“, ruft eine Fahrradfahrerin. „Na ja, geht so“, ist die Antwort ihres radelnden Begleiters. Die Szene trägt sich zu an einem sonnigen Sonntagnachmittag am Ortsrand von Schorndorf im Rems-Murr-Kreis. Tiny Houses, Minihäuser mit Wohnflächen von 20 bis 50 Quadratmetern entsprechen nicht dem traditionellen Wohnverständnis, liegen aber im Trend.

 

Die Tiny-House-Gemeinde ist potenziell riesig – mit allein 70000 Mitgliedern auf Facebook. Doch Grundstücke sind rar. Anfragen beim Tiny-House-Verein in Stuttgart bleiben unbeantwortet, und die Stadt Stuttgart plant auch keine Bezuschussung von Tiny Houses. Das Referat Städtebau, Wohnen und Umwelt der Stadt teilt mit: „Ein merkbarer Mengeneffekt zur Beseitigung des angespannten Wohnungsmarkts lässt sich durch die Erstellung von wenigen Wohneinheiten durch Tiny Houses nicht erreichen.“

Kein Rezept gegen die Wohnungsnot

Sprich: den galoppierenden Miet- und Immobilienpreisen und der Wohnungsnot wird man damit nicht Herr. Finanziell unterstützt werde aber die wissenschaftliche Erprobung solcher Wohnformen mit dem „Reallabor MoCli“ in der Innenstadt, so der Stadtsprecher Oliver Hillinger, „das federführend durch die Duale Hochschule Baden-Württemberg betrieben wird“.

Wer sich Minihäuser anschauen mag, muss Stuttgart verlassen. Auf einem Campingplatz in Waldbronn im Landkreis Karlsruhe etwa stehen 14 Tiny Houses, „bewohnt von Studenten, Familien, Senioren“, sagt Regina Schleyer, Architektin und Vorsitzende des Tiny-House-Vereins Karlsruhe sowie des Tiny-House- Verbandes. Kürzlich fand die erste Tiny-House-Messe in Karlsruhe statt – seither stehen die Telefone beim Verband nicht still, sagt Regina Schleyer.

Schorndorf wiederum ist in Baden-Württemberg Vorreiter in Sachen Tiny-House-Siedlungen – drei von fünf Mikrohäusern stehen schon auf dem schmalen Rasenstück zwischen Bachlauf und Fußgängerweg.

Die Erschließungskosten für Strom, Wasser, Abwasser und Glasfaseranschluss hat die Stadt übernommen, da die Grundstücke für zehn Jahre verpachtet werden, rechnet sich das Projekt“, sagt Svenja Beigl, Tiny-House- Projektleiterin im Fachbereich Wirtschaftsförderung und Grundstücksverkehr der Stadt Schorndorf. „Der Gemeinderat hat dieses Modellprojekt begrüßt, um herausfinden, ob und wie Restflächen sinnvoll nachverdichtet werden können.“

1000 Bewerbungen um fünf Tiny Houses

In Schorndorf gab es an die 1000 Bewerbungen für die fünf Bauplätze. „Wir haben Vergaberichtlinien aufgesetzt“, sagt Svenja Beigl, „zum Beispiel, ob die Menschen ortsansässig sind, hier arbeiten, und beim Hausbau auf Energie und ökologische Kriterien achten.“

Das Restgrundstück könnte tatsächlich nicht mit einem „richtigen“ Haus bebaut werden. Denn das ist es, wovor Experten warnen – dass trendige Tiny-House-Siedlungen auf großen Flächen errichtet werden, auf denen Mehrfamilienhäuser stehen können. Das wäre dann in Sachen Nachhaltigkeit eher kontraproduktiv, Fläche für nur einen Bewohner zu versiegeln.

Warum aber träumen Menschen eigentlich von einem Leben in einem solchen Minihaus? Regina Schleyer sagt: „Es ist damit eine Lebenshaltung verbunden, minimalistisch zu leben, sich zu beschränken, mit wenig auszukommen.“ Und natürlich geht es um den Wunsch nach dem eigenen Häuschen. Denn Minimalismus ließe sich auch in einem Wohngemeinschaftszimmer ausleben. Und dafür bräuchte man nicht einmal Baumaterial.

Tiny Houses mögen nur ein bis zwei Menschen Wohnraum bieten, doch jede Nachverdichtung zählt. Und so stehen sie am besten da, wo eigentlich nichts stehen kann. Regina Schleyer: „Auf winzigen Restgrundstücken, Brachflächen oder Flächen, die erst in einigen Jahren bebaut werden können.“

Minihäuser auf der Garage in Esslingen

Oder auf Garagen. „Nachverdichtung ist uns wichtig, wir machen sehr viele Dachaufbauten. Jetzt starten wir ein Pilotprojekt in einer Wohnanlage in Esslingen Berkheim. Tiny Häuser sollen auf vier Garagen gebaut werden“, sagt Hagen Schröter, der Geschäftsführer der Esslinger Wohnungsbau GmbH. Voraussichtlich im nächsten Jahr geht es los. Esslingen ist in Sachen Tiny House auch schon fernsehbekannt: Die Esslingerin Angelina Haug setzt sich für neue Wohnformen ein, durch einen Fernsehbeitrag in der ZDF-Reihe „37 Grad“ vor einigen Monaten wurde sie bundesweit bekannt.

Die nun von der Esslinger Wohnbau GmbH geplanten Minihäuser werden vermietet. Da können sich dann Menschen im Wohnen an ungewöhnlichen Orten ausprobieren. Möglich war das auch in Ludwigsburg, da stand vier Jahre lang das architektonisch vielfach preisgekrönte Mikrohofhaus der jungen Stuttgarter Architekten Guobin Shen und Florian Kaiser – auf einer Verkehrskreuzung.

Jetzt ist es weg. „Wir waren traurig, dass es der Stadt nicht gelungen ist, eine Weiternutzung möglich zu machen“, sagt Florian Kaiser. Zu einem dem Minimalismus innewohnenden Nachhaltigkeitsgedanken passt das nicht. Immerhin: Das Haus kehrte zurück aufs Gelände der Holzfirma, die das Gebäude aufgestellt hatte.

Bei aller Wehmut ist das Projekt für die Architekten gut gelaufen. Sie bekamen Aufträge, etwa für Projekte, die auch auf veränderte Wohnbedürfnisse reagieren. Darunter ist ein Gebäude mit zehn Wohneinheiten, bei denen jeder Rückzugsräume hat und Gemeinschaftsräume teilt. Auch das ist eine Form des minimalistischen Wohnens, ob und welche sich durchsetzt, wird sich zeigen.

Info

Tiny Houses
Ein Minihaus einfach irgendwo romantisch am Waldrand abstellen, ist nicht möglich. Tiny Houses unterliegen als Wohnnutzung der Baugesetzgebung. Der Tiny House Verband tiny-house-verband.de informiert über rechtliche und bauliche Themen.

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