Mikroapartment in Stuttgart-Untertürkheim: die acht MonoDesign-Apartments vom Architektenbüro Fischer Rüdenauer wurden dieser Tage mit der Auszeichnung „Beispielhaftes Bauen“ der Architektenkammer Baden-Württemberg geehrt. Foto: Thomas Streitberg

Micro Living heißt Wohnen auf kleinstem Raum, aber ohne Komfortverlust. Der Trend macht aus der urbanen Wohnungsnot in Wien, Dortmund oder auch in Stuttgart eine Tugend. Doch auch diesen Verzicht muss man sich leisten können.

Menschen kommen auf die Welt, sie wachsen auf, gehen in die Schule, sie finden eine Lehrstelle oder beginnen ein Studium, sie verlieben sich, kaufen sich billige Möbel oder holen sich etwas vom Sperrmüll für das Zimmer in der WG, sie ziehen zusammen, sind manchmal erfolgreich, verdienen mehr Geld, bekommen Nachwuchs, verdienen noch mehr Geld, kaufen ein SUV oder ein Lastenrad oder beides, ziehen in eine große Wohnung oder gar ein eigenes Haus, für das sie Designermöbel mit Patina kaufen, die teuer sind, weil sie so aussehen, als wären sie vom Sperrmüll. So ist das Leben. Oder zumindest scheint es so zu sein.

 

Immer mehr Single-Wohnungen

In der Regel neigt der moderne Mensch zur Expansion, zur Ausweitung seiner Privatzone und zur Anhäufung mehr oder weniger wichtiger Dinge des Alltags. Leider bleibt dieses Wachstum nicht ohne Folgen. Die Wohnfläche pro Kopf nahm in Deutschland zwischen 1991 und 2021 von 34,9 auf 47,7 Quadratmetern zu.

Ein Grund dafür, so die Analyse des Umweltbundesamtes, sei die immer noch zunehmende Versorgung mit Eigenheimen und großen Wohnungen, obwohl die Haushalte im Mittel immer kleiner und vor allem Einpersonenhaushalte immer häufiger werden.

Das Problem: In Deutschland herrscht ein immenser Mangel an Wohnraum, vor allem in den Ballungsräumen. Die Durchschnittsmieten steigen in den Metropolen, und nicht nur dort. Auch deswegen fragte das Zukunftsinstitut in Frankfurt auf seiner Webseite nicht ohne Ironie, ob denn das in den Medien viel zitierte „Micro Living“ oder auch „Micro Housing“ nun ein Trend oder doch nur eine gewachsene Notwendigkeit sei.

Eigenheim als Wohlstandsillusion

Nein, ein Hype ist es leider nicht. Tatsächlich wird das anfänglich skizzierte Leben eines Menschen in diesem Land immer mehr zu einer Wohlstandsillusion. Selbst Gutverdiener können sich so ein Leben in einem Eigenheim kaum mehr leisten. Andererseits wächst die Zahl der Einpersonenhaushalte.

Allein in Berlin leben rund eine Million Menschen allein. Und nicht wenige hoch qualifizierte Angestellte von großen Unternehmen sehnen sich vielleicht gar nicht – oder noch nicht – nach einem Haus mit Hüpfburg und Carport, für das sie mindestens bis zur Rente absurd hohe Kreditraten berappen sollen.

Eine Verschiebung der Konsumbedürfnisse, vorangetrieben von der Generation der Millennials, wird den Trend des Micro Living noch weiter verstärken, prognostiziert das Zukunftsinstitut. Auch deswegen sind kleine, aber feine Wohnungen und Mini-Häuser so gefragt, auch wenn Tiny Houses schon wegen der komplizierten baurechtlichen Genehmigungsverfahren ein Nischendasein fristen.

Bei einem Mikro-Apartment, so die Definition, handelt es sich um ein höchstens 32 Quadratmeter großes Apartment, das sowohl ein Schlaf- und Badezimmer, als auch eine Küchenzeile beinhaltet. In der Regel sind all diese Funktionsbereiche in einem Raum vereint, der zum Alleskönner wird.

Im besten Falle kann in der Wohneinheit ein Wäsche- und Hausmeisterservice hinzugebucht werden, Restaurants, ein Supermarkt und ein Abstellraum fürs Fahrrad sind wünschenswert, von einer guten Anbindung an Bus und Bahn ganz zu schweigen. Noch besser, wenn Gemeinschaftsräume existieren, die man mit anderen nach Bedarf teilt. Das Ziel ist: Unabhängigkeit.

Die Studentenbude als Edelvariante, mit dem Öko-Bonus eines geringen Flächenverbrauchs pro Kopf: Viele Städte und Gemeinden erkennen mittlerweile, dass das Micro Living eine Antwort auf veränderte urbane Arbeits- und Lebensgewohnheiten ist. In Dortmunds Innenstadt ist kürzlich ein neuer Wohnkomplex mit 437 Wohnungen fertiggestellt worden. Die Mikroapartments sind allerdings nicht ganz günstig. So beträgt laut einem Medienbericht die Grundmiete für ein rund 20 Quadratmeter kleines Apartment 360 Euro.

Beispielhaft zeigt die Stadt Wien, wie man umweltschonendes Bauen im Bestand, energieeffizientes Wohnen und Micro Living zusammenführt. Die Wiener „TrIIIple Towers“ sind im vergangenen Jahr als bestes Hochhaus der Welt vom Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH) ausgezeichnet worden. Die beiden nördlichen der rund 100 Meter hohen Türme werden für frei finanzierten Wohnraum genutzt.

Der südliche Turm beinhaltet 671 „Mikro-Apartments“, die an Studenten und meist jüngere Berufstätige, die noch in der Orientierungsphase sind, vermietet werden. Verbunden sind die einzelnen Gebäude durch ein zweigeschossiges Sockelbauwerk, in dem ein Kindergarten, Geschäfte, Restaurants und Büros untergebracht sind. Die TrIIIple Towers, die mit einem CO2-neutralen Kühl- und Heizsystem ausgestatten sind, wurden vom Architektenteam Henke Schreieck entworfen.

Mikroapartments im Industrieviertel

Es muss aber nicht immer ein Hochhaus sein. In Stuttgart erlaubt schon die Topografie keine Wolkenkratzer, und dennoch kann innovativer Wohnraum dort geschaffen werden, wo früher zumeist Nutzbauten standen. Im Stadtteil Untertürkheim wurde an einer ehemaligen Tierfutterfabrik ein Anbau mit acht hochwertigen „Mono-Design-Apartments“ von den Architekten Fischer Rüdenauer verwirklicht, die komplett ausgestattet sind und temporäres Wohnen ermöglichen. Alles ist einfacher: das Parken, die Reinigung des Lofts, die Bürokratie. Zudem hat die neue Nutzung positive Effekte auf die Umgebung.

Ob es mittelfristig auch gelingen wird, ältere Menschen für das ökologischere Wohnen auf kleinem Raum zu begeistern, bleibt freilich abzuwarten. Gut möglich, dass sich auch in Zukunft nichts ändert, dass mit den Lebensjahren auch weiterhin die Zahl der verbrauchten Quadratmeter steigen wird.