Hanglage, schmales Grundstück: Kann auf einer solchen Restfläche ein Vorzeigehaus für zwei Familien entstehen? Im Stuttgarter Osten zeigt sich eindrucksvoll: absolut. Für den Mut zum Unkonventionellen gab’s zwei Architekturpreise. Ein Besuch.
Ganz zu fassen bekommt man es nie: Egal von welcher Seite aus man auf das grau schimmernde Haus im Stuttgarter Osten zugeht, eine fixe Gestalt will es einfach nicht annehmen. Mal steht man vor einer massiven Front, mal blickt man auf ein schmales Gebäude, dann wieder entdeckt man so spitz zulaufende Winkel, dass man sich intuitiv fragt, wie dort eigentlich jemand leben soll.
Wenn Kinder ein Haus malen, besteht es meist aus einem kantiges Viereck mit spitz zulaufendem Dach. Das Gebäude am Hang ist geradezu die Antithese dieses Prototypen: Ein Gestaltwandler, der sich ständig neu an seine Umgebung anpasst.
Diese spannende Architektur ist das Ergebnis, wenn zwei Familien sich einem beinah unmöglichen Projekt widmen – und, zugegeben, wenn beide davon Architekten in ihrem Kreis haben.
Gemeinsam haben Sebastian Wockenfuß, seine Frau Yoon Yeo, Cordula Funk-Stumpfl und Matias Stumpfl sich mit diesem Zweifamilienhaus ein ungewöhnliches Zuhause geschaffen – an einem Ort, an dem ein solches Vorhaben eigentlich gar nicht vorgesehen war.
Ein Restgrundstück, das keiner wollte
Einst war das kantige Grundstück in Gablenberg voller alter Obstbäume und wildem Gestrüpp. Genutzt wurde es schon lange von niemandem mehr. Eine seltene Restfläche in der Stuttgarter Stadtarchitektur, die wegen ihrer unwirtlichen Form baulich lange Zeit übersehen wurde.
Bis Sebastian Wockenfuß und Yoon Yeo es 2014 für die Realisierung ihres Wohntraums auswählten. Gemeinsam mit der befreundeten Familie Stumpfl starteten sie den Versuch, hier ein mehrgeschossiges Wohnhaus unterzubringen – und das trotz einiger Herausforderungen: lange spitze Winkel, die das Grundstück einrahmen, ein steiler Hang und enge Bebauung auf allen Seiten. „Ich kann mir im Rückblick fast nicht mehr vorstellen, dass dieses Haus wirklich auf das damalige Grundstück passt“, sagt Matias Stumpfl heute.
Ein Haus in Trapezform
Doch gemeinsam entwickelten das Architekturbüro Harder Stumpfl Schramm und Wockenfuß einen Plan, wie auf dem einstigen Acker ein Gebäude entstehen konnte. Die Lösung: ein Haus in Trapezform. „Der Bau passt sich wie ein Puzzleteil den Dimensionen des Grundstücks an“, erklärt Sebastian Wockenfuß.
Dieses Modell auf den Weg zu bringen, war allerdings nicht ganz einfach. „Es war ein langer Prozess mit dem Baurechtsamt, einen Entwurf zu entwickeln, der einerseits Wohnraum für zwei Familien schafft und andererseits alle Vorschriften erfüllte“, erinnert sich Wockenfuß.
Fast zwei Jahre dauerte es, bis die beiden Familien das Go für ihr Bauvorhaben hatten – auch weil den direkten Nachbarn anfangs Zweifel kamen. „Einer von ihnen hat sich sogar die Geometrien des Hauses nachgebaut, weil er sich das Ganze nicht vorstellen konnte“, so Stumpfl.
Ganz verdenken kann man es ihm nicht. Auch heute ist das Haus, das kürzlich mit dem Hugo-Häring-Preis des Bundes der Architekten sowie mit der Plakette für Beispielhaftes Bauen der Architektenkammer Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde, ein spannendes Wechselspiel der Geometrien: Spitze Ecken treffen auf weitläufige Wohnräume, ein ungewöhnlicher Grundriss auf unterschiedliche Seitenlängen am Hang.
„Das Haus ist nicht nur das Ergebnis des Baurechts. Wir haben bewusst geschaut, wie wir die Vorgaben gestalten – zum Beispiel durch die Position der Fenster und eine Straßenfassade, die wir über zwei unterschiedliche Blecharten gegliedert haben“, sagt Matias Stumpfl.
Eine schmale Außentreppe windet sich über ein kleines Atelier hinauf zu den Wohnebenen, die selbstbewusst den schrägen Winkeln des Hauses trotzen. Im Wohnbereich der Familie Stumpfl öffnet ein weiter Grundriss die ungewöhnlichen Wohngeometrien: Arbeitsbereich, Wohnzimmer und Küche sind hier ohne trennende Wände oder Türen konzipiert. Einzig der Schlafbereich liegt etwas abgeschieden ein Stockwerk tiefer.
Blicke in die Landschaft und den Garten
Der spitze Winkel, der das Haus von außen definiert, wird in den Wohnungen zum gestalterischen Highlight: Hier verlängert er die Küchentheke der Familie – und ist heute zu einem Lieblingsplatz geworden, um Zeitung zu lesen oder Näharbeiten auszubreiten. Durch zwei weite Fenster wirkt der Bereich fast schwerelos, als könnte man direkt in die umliegende Landschaft eintauchen. Das Gegenstück zu diesem weitläufigen Blick findet sich auf der anderen Seite. Hier blickt man durch tiefe Fenster direkt in den Garten.
Inmitten der dicht besiedelten Wohngegend strahlt das Haus, das als Holzbau mit einheitlicher Trapezblechhülle realisiert wurde, heute eine klare Ambivalenz zwischen Zurückgezogenheit und Urbanität aus: Wenn Cordula Funk-Stumpfl, die als Lehrerin an einer internationalen Schule unterrichtet, im Homeoffice sitzt, winkt sie ihrem Nachbarn zu, der ihr keine zehn Meter gegenüber an seinem Schreibtisch arbeitet. Manchmal schneiden sie die Hecke, die die beiden Grundstücke voneinander trennt, extra so, dass für die beiden ein Guckloch bleibt.
Ein paar Schritte weiter hingegen ist es heimelig still und privat in den Winkeln der Gärten, die sich um das Haus ziehen. Was die beiden Familien hier geschaffen haben, ist Stadt, wie sie funktionieren sollte: Als Zusammenspiel zwischen Gemeinsamkeit und Einsamkeit, Nähe und Zurückgezogenheit. „Man muss nicht um jedes Grundstück eine hohe Mauer bauen“, sagt Matias Stumpfl. „Wenn man Dichte sucht, muss man sich arrangieren, kommunizieren und sich sozial verhalten – daraus entsteht viel Positives.“
Auch gestalterisch spiegelt das Haus dieses Spannungsfeld wider: Die beiden Wohneinheiten sind so voneinander getrennt, dass die Familien komplett unabhängig voneinander leben könnten: getrennte Eingangsbereiche ohne gemeinsames Treppenhaus und Gartenzugänge, die nicht direkt einsehbar sind. Gleichzeitig findet sich überall potenzieller Raum für Gemeinsamkeit.
Auch die Innenräume der jeweiligen Wohnungen verdeutlichen die Individualität ihrer Bewohnerinnen. Während die Wohnung von Familie Stumpfl deutlich ihre Materialien sichtbar macht – die Holzdecke schimmert durch ihre helle Lasierung, die Betonwände sind sichtbar - ist der Bereich von Familie Wockenfuß in neutralem Weiß gehalten.
Gemeinschaft und Individualität war für beide Familien, die seit Anfang 2020 in ihrem Haus leben, stets wichtig. Auf Fotos, die Cordula Funk-Stumpfl aus einem schwarzen Fotoalbum mit der Aufschrift „Traumhaus“ zieht, sieht man alle Beteiligten auf der Baustelle, wie sie im unfertigen Garten anstoßen oder im Inneren des Hauses werkeln. Ein Projekt, das den Menschen nahesteht, die es umsetzen.
Das Glück der Nachverdichtung
Dahinter steckt auch die Vorstellung, gemeinsam mit Freunden alt zu werden. In den 1990ern haben die beiden Familie schon einmal zusammengewohnt. Damals teilten sie sich eine Terrasse, auf der die Kinder der Stumpfls Fahrradfahren lernten – ebenfalls in Gablenberg.
„Dass wir das alles in unserer Nachbarschaft realisieren können, ist ein großes Glück“, sagt Matias Stumpfl. „Wir wissen, dass das oft nicht möglich ist. Man findet in Stuttgart nicht mehr viele Restflächen, die so genutzt werden können. Doch ich halte diese Art der Nachverdichtung für absolut richtig: Dicht zu wohnen ist sinnvoller, als eine Stadt immer weiter nach außen zu vergrößern.“