Vorbildliche Nachverdichtung kann so elegant aussehen: Auf einem Restgrundstück im Stuttgarter Osten schmiegt sich ein Backstein-Haus in einen steilen Hang.
Sollte an der Kreuzung Planck- und Aspergstraße manchmal ein kleiner Stau entstehen, weil wieder einmal jemand an der Ampel stehend ins Staunen geraten ist, würde es nicht wundern. Ein elegantes, schmales Haus mit anthrazitfarbenem Ziegelkleid reiht sich da auffällig unaufällig zwischen zwei größere Wohngebäude.
Andreas Loweg und seine Familie wissen davon wenig. Wiewohl ihr Haus direkt an einer der Straßen steht, die von der feinen Gänsheide hinunter Richtung Talkessel führen, ist von der Straße kaum etwas zu hören, wie der Architekt demonstriert. Er erhebt sich von seinem Eames-Drehstuhl am Schreibtisch im lichtdurchfluteten offenen Raum, schließt die bodentiefe Glastür – Ruhe.
Blick auf den Fernsehturm und die Grabkapelle
Im untersten Geschoss des Hauses ist das Architekturbüro untergebracht, oben wohnt die Familie. Und dort, in diesen oberen Etagen, wo die Tochter Christina, der Schwiegersohn Benedikt Pedde und deren zwei Kinder leben, ist die Aussicht grandios. Der Fernsehturm, der Württemberg, die Grabkapelle, die Weinberge, das Stadion und das Mercedes-Benz-Museum und sogar auf das immer noch nicht fertige Wohnhochhaus in Fellbach sind von hier aus zu sehen.
„Wir können hier auch wunderbar die wechselnden Jahreszeiten beobachten und genießen die Aussicht schon sehr“, sagt Benedikt Pedde, „in Stuttgart findet man ja kaum noch Grundstücke mit solcher Aussichtslage.“
Nicht nur staunende Passanten und Autofahrer gibt es, manche klingeln auch oder klopfen an, „so wie ein Architektenkollege, der auf dem Weg zur Arbeit immer wieder an dem Haus vorbei kam“, berichtet Andreas Loweg. Das Haus fällt auf. Der markant schwarzen Klinker wegen, die den gläsernen Wohnturm rahmen – für die Fassadenarbeit haben die Handwerker zwölf Wochen gebraucht. Aber auch, weil sich das Haus zwischen neue Mehrfamilienhäuser am Eck und alten Bestandswohnhaus in die Reihe eingliedert.
Ziegelfassade als Verneigung vor den alten Ziegelvillen
Ziegel für die Gebäudehülle haben die Architekten auch des Kontextes wegen gewählt: „Auf der Straßenseite auf der Gänsheide finden sich viele alte Ziegelvillen und Mehrfamilienhäuser, und unser Stadthaus steht ja in diesem historischem Kontext“, sagt Architekt und Bewohner Benedikt Pedde. Auch das von Loweg Architekten geplante Nachbarhaus ist ein Haus mit heller Ziegelfassade.
„Und dazu kommt“, sagt Pedde, „dass diese Wienerberger-Vormauerziegel ein maximales Ausreizen der zur Verfügung stehenden Baufläche ermöglicht haben. Sieben Zentimeter statt elfeinhalb Zentimeter Tiefe, das gibt über die komplette Höhe verteilt vier Quadratmeter mehr Wohnfläche.“
Dass das Haus da überhaupt stehen kann, ist auch beiden Nachbarn zu danken. Loweg Architekten hatten für einen Bauträger den Entwurf für das Mehrfamilienhaus am Kreuzungseck geplant. „Weil die Firma während der Bauphase Platz für die Gerätschaften und das Material brauchte, wollte sie das zehn Meter breite Restgrundstück vom Nachbarn kaufen. Wir dachten uns: nur für Baufahrzeuge ist die Brachfläche zu schade“, sagt Andreas Loweg. „Also haben wir die 420 Quadratmeter Restfläche gekauft. Während der Bauzeit diente es als Abstellfläche, dafür blieb der Kran danach etwas länger stehen und wir konnten ihn nutzen, als wir 2018 mit dem Bau unseres Hauses begannen.“
Alte Garagensteine werden zum neuen Mäuerchen
Ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis ist den Architekten wichtig, auch mit dem Nachbarn im älteren Bestandsbau. Die Sandsteine der alten, abgerissenen Garage auf dem Grundstück haben ein zweites Leben bekommen und dienen nun als Stütz-Mäuerchen in Nachbars Garten.
Um sich auf einer so schmalen Grundstücksfläche ein Wohnhaus mit Büro vorstellen zu können, das im Innenraum nicht mehr als vier Meter Breite misst (weil jeweils 2,5 Abstand zu Nachbarn eingehalten werden müssen), ist Expertenwissen vonnöten. Davon gibt es in der Familie reichlich. „Wir sind alle Architekten, auch meine drei Kinder“, sagt Andreas Loweg, „auch Schwiegersohn und Schwiegertochter sind Architekten, der andere ist Statiker.“
Um den wenigen Platz maximal in den oberen drei Geschossen auszunutzen, ist der 120 Quadratmeter große, in hellem Holz und hellen Farben gehaltene mehrstöckige schmale Wohnbereich für die vierköpfige Familie schlicht, komplett offen und fast türenlos – bis auf die zwei Bäder. Wände dienen zugleich als Schränke und bieten jede Menge Stauraum.
Die Wohnbereiche schauen in Richtung Straße, gartenseitig sind in jedem Stock je ein Schlafraum untergebracht, die Kinder teilen sich ein Zimmer. Und ganz oben nach hinten hinaus geht es von der Küche aus auf eine Dachterrasse, wo Gemüse und Kräuter in einem Hochbeet gedeihen. Auch wenn es von der Straße so aussieht, ist das Haus kein Flachdachbau, sondern verfügt über ein begrüntes Satteldach mit Dachterrasse.
Ein kleiner Garten hinterm Haus mit Obstbäumen und neuen schönen Stauden, Holzterrasse, Sandkasten, Sitzgelegenheiten und Minihüpfburg an der Seite – „der stammt noch aus der Coronazeit“ , sagt Benedikt Pedde – konnten außerdem angelegt werden.
So ist in gemeinsamer Planung ein Raumwunderhaus entstanden. Wie tief es ist – 24 Meter Gebäudetiefe im Erdgeschoss –, lässt sich von der Straße aus ja kaum ermessen. Weil so stark in den Hang mit einem Hanggefälle von neun Metern gebaut wurde, war im 120 Quadratmeter großen Büro eine zweite Fluchttreppe vonnöten, damit man vom hinteren Teil des Büros im Brandfall schnell genug das Gebäude verlassen kann.
Patio mit begrünter Wand
Nicht immer sind derlei Baurechtsvorgaben von übel. So entstand zur Stahltreppe ein schöner Patio mit quadratischen Keramikbodenplatten, Verkleidungen aus Lärchenholzlamellen sowie einer begrünten Wand. Ein Ort auch für die Büromitarbeiter: „Es ist hier unten immer zwei bis drei Grad kühler als etwa auf der Terrasse vor dem Haus“, sagt Andreas Loweg.
Ein attraktiver Außenbereich findet sich auch im Erdgeschoss zur Straßenseite hin. Von Garagen geschützt, liegt ein Innenhof mit Trompetenbaum (der wurde vom Gärtner aus dem Kreis Ludwigsburg angeliefert und mit einem Autokran hineingehoben). Überhaupt eignet sich das Erdgeschossbüro zur Umnutzung in eine Wohnung, falls das Büro jemals wieder umziehen würde.
Die Metallwendeltreppe im Patio führt ein Stockwerk hinauf zum Wohnbereich. Eine lange seitliche Treppenanlage als „Stäffele“ führt zum nachbarschaftlichen Hinterhaus und zum Wohnhauseingang. Dies ist eine Treppe für alle. Denn hinter dem Haus in der Planckstraße befindet sich ein älteres Mehrfamilienhaus, der Zugang erfolgt ausschließlich über diese Seite.
Solcherlei, auch die Stahlbeton-Stützwand, die wegen des enormen Hanggefälles von neun Metern und zur Nachbarseite sechs Metern gebaut werden musste, „das sind, neben den Aushubarbeiten, Posten in der Höhe eines Mittelklassewagens“, sagt Andreas Loweg, die kostentechnisch bei Hangbauten eben stets einkalkuliert werden wollen. Dafür gibt’s die bewundernden Blicke und die großartige Aussicht für das gelungene Projekt dann gratis.