Eine Treppe wie eine Skulptur. Foto: Mehr*Architekten/Sebastian Schels

Auf einer einstigen Industriebrache in Kirchheim unter Teck steht jetzt ein spektakuläres Einfamilienhaus mit großzügigem Wohngefühl für eine Familie aus Stuttgart. Ein Besuch.

Einfacher leben, nicht so viel Fläche verbrauchen beim Hausbauen, das sind hehre Ziele. Doch dann stellt sich doch die Frage: Kann man auf einem Platz einer Garage wohnen als Familie mit zwei Kindern?

 

Wer es nachprüfen will, steht irgendwann in einer noch von Bauarbeiten verschmutzten Straße in Kirchheim unter Teck vor einer Reihe von Wohngebäuden. Und da nimmt sich das sechs Meter schmale Haus beeindruckend schnittig aus wie ein silbern glänzender Sportwagen zwischen wuchtigen Geländewagen.

Wer es nicht besser weiß, würde hier eine Garage oder Werkstatt mit Büros darüber vermuten. Hinter dem Metallwaben-Tor verbirgt sich allerdings ein Wohnwunder. Die Hausherrin öffnet, und der Besuch steht erst einmal in einem Eingangsbereich mit Waschbetonboden, Fahrrädern, Schlitten und andere Dingen, die man nicht im Haus haben mag, finden da Platz.

Geschützt und doch offen ist diese Pufferzone, man könnte auch wie die Bauherren liebevoll „Dreckschleuse“ dazu sagen, praktisch fürs Schuhe an- und ausziehen und auch einfach nur zum geschützten Herumsitzen schön, selbst und gerade bei Regen. Das Tor lässt sich auch komplett öffnen, dann funktioniert die Fläche auch als Spielplatz.

Bevor es hinauf geht in den Wohnbereich im ersten Stock berichtet die Bauherrin, wie sie zu diesem außergewöhnlichen Haus kam. Freunde! Freunde hatten sich in einer Baugruppe zusammengetan und zusammen ein Haus gebaut. Maren Reyer (40): „Sie erzählten uns, dass in diesem gerade entstehenden Wohngebiet eben noch dieses besondere Grundstück zu haben ist.“

Allerdings handelt es sich hier nicht um ein Neubaugebiet auf der grünen Wiese, sondern um ein angehendes Vorzeigequartier in Sachen nachhaltiges, gemeinschaftliches Wohnen und ist Teil der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 Stadtregion Stuttgart.

Das Steingauquartier ist ein Stadtentwicklungsprojekt in Kirchheim unter Teck, das bis 2024 fertig werden soll und liegt westlich der historischen Altstadt, da, wo früher ein „Einkaufszentrums für Alle“ war.

Der Gemeinderat entschied im Jahr 2015, um eine höhere Wohnvielfalt zu ermöglichen, die einzelnen Grundstücke lieber in einem Konzeptverfahren an lokale Bauträger, Einzelbewerber und Baugruppen zu vergeben statt komplett an einen großen Projektentwickler zu verkaufen. Und wiewohl es neben Mehr- auch Einfamilienhäuser gibt, ist eine gewisse Lust auf Gemeinschaft gefragt.

Raus aus der teuren Stadt Stuttgart

Die Bauherren, die in Stuttgart lebten, hatten die Suche nach einem Bauplatz aufgegeben, weil dort schlicht keiner zu finden war – ein bezahlbarer schon gar nicht. Also bewarben sie sich gemeinsam mit David Brodbeck (40), Mitbegründer des schon vielfach prämierten Büros Mehr*Architekten aus Kirchheim unter Teck.

Der aus Bonlanden nahe Stuttgart stammende Architekt wurde ihnen – wie schon das Grundstück – von de Freunden empfohlen. Maren Reyer: „Wir haben gleich beim ersten Gespräch bemerkt, dass unsere Auffassungen von Architektur und Wohnen übereinstimmen.“

Offenes Wohnkonzept

Den Zuschlag bekamen sie sicher auch wegen der radikalen Offenheit des Entwurfs. Der ist inspiriert von etwas, das nicht mehr existiert: Industriegebäude. Das Streckmetalltor, das dem Hauseingang vorgelagert ist, und die Wände und Decken aus Ortbeton (also Beton, der direkt auf der direkt auf der Baustelle vor Ort als Frischbeton verwendet und verarbeitet wird) erinnern daran, das hier war einmal eine Industriebrache. „Die Hauptgründe für Beton“, sagt David Brodbeck, „waren sowohl statische wegen der ungewöhnlichen Gebäudehöhe und der damit verbundenen Gebäudeklasse und notwendigen Aussteifung sowie der Schallschutz.“

Zwar gibt sich das Gebäude zur Straßenseite hin im Erdgeschoss mit dem Gittertor zugeknöpft, doch in den Geschossen darüber besteht die Fassade fast komplett aus Fensterflächen – auf der rückwärtigen Gartenseite sogar komplett.

Auch das ist ein deutlich sichtbares Zeichen, sich nicht familiär abschotten zu wollen, sondern die gemeinschaftlich nutzbare Wohnhofidee ernst zu nehmen. Privatsphäre lässt sich aber schon auch erreichen – von außen sind die Fenster mit Stoffvorhängen zu verschatten.

Ein bisschen erinnert der Entwurf an eine Betonversion niederländischer Backsteinhäuser, die ebenso schmal und mit ebenso vielen Fenstern versehen sind. „Den Beton lassen wir im Haus sichtbar, so sparen wir weiteres Material für Putz und Bodenbeläge, für Einbauten wiederum benützen wir viel Holz“, sagt der Architekt. Und die stilsicheren Hausherren kombinieren die industrielle Optik mit einem Mix aus Vintage- und Designermöbeln und vielen Pflanzen.

Doch beginnt das große Staunen über das sechs Meter schmale Haus erst im oberen Stockwerk – das aus zwei Geschossen besteht: Das ergibt einen lichtdurchfluteten, großzügigen Wohntraum. Die Sitzbank an der Fensterseite ist ein Lieblingssitzplatz für jeden Besuch und auch, wie der Bauherr Daniel Cvikevic (43) lächelnd versichert, für die Bewohner, seit sie im Sommer 2021 eingezogen sind.

Wie eine Schiffs-Reling

Architekt David Brodbeck hat zudem die Treppe ins Wohnen integriert. „Beim Entwurf war für mich die unterschiedliche räumliche und materielle Wirkung der einzelnen Ebenen ein zentrales Thema. Die Abfolge der verschiedenen Treppenläufe erzeugt einen vertikalen ,inneren Weg’ durch das Haus, dieser ermöglicht immer wieder Blickbeziehungen zwischen den unterschiedlichen Raumzonen.“

In dem viereinhalb Meter hohen Wohntraum ist daher auf der Hälfte der Treppe wie eine Schiffs-Reling eine Art offenes Zwischendeck eingezogen. Das bietet Platz für einen Schreibtisch und für einen Schaukelstuhl – zum Lesen oder aufs Wohngeschehen schauen. Die Schiffsanmutung wird verstärkt durch eine Bullaugenöffnung in der Wand, die Küchen- und Wohnbereich voneinander trennt.

Aparte Küche in Tannengrün und Rosa

Ein Schreiner aus dem Schwarzwald hat die tannengrüne Holzküche mit Küchenblock entworfen und eingebaut, die Arbeitsplatte von einem Steinmetz aus Reutlingen schimmert roséfarben, eine aparte Kombination. Hellgrün ist auch die Farbe der Wahl beim Kautschukboden im Obergeschoss in den Kinder- und Schlafzimmern und bei den Fliesen im Badezimmer.

Rückwärtig führt vom Wohn-Küchen-Bereich eine Außentreppe aus verzinktem Stahl hinunter in den Innenhof, der gemeinschaftlich von allen Nachbarn nebenan und gegenüber genutzt wird. Es wohnen hier viele Familien, aber auch Singles, junge und ältere. Die Treppe ist im Sommer Sitzplatz und schnelle Abkürzung, um zu Freunden zu gehen oder sich besuchen zu lassen. „Für uns ist die Treppe auch ein Zeichen des Willkommens“, sagt Daniel Cvikevic. „Wir mögen diese Offenheit.“

Rückzugsräume gibt es natürlich auch; im oberen Geschoss sind Badezimmer, Kinder-, Arbeits- und Schlafräume, die von außen uneinsehbar sind – und eine Dachterrasse mit Ausblicken in die Altstadt sowie die schwäbische Alb. Viel Natur. Und die Stadt? „Vermissen wir schon“, sagen die Bauherren, die mit der S-Bahn zur Arbeit fahren. „Durch die sehr zentrale Lage können wir aber wie damals in Stuttgart-West quasi alles zu Fuß oder mit dem Lastenrad erledigen.“ Und das schmale Townhouse, das sich in Amsterdam so gut machen würde wie es nun in Kirchheim unter Teck da steht, zeigt, ein lässig urbanes Leben ist auch am Fuße der Alb möglich.