Gudrun und Klaus Riedele in ihrem Wohnzimmer mit der imposanten Balkenkonstruktion des Fachwerkhauses. Foto: Gottfried Stoppel

Das Ehepaar Riedele wohnt in einem mehr als hundert Jahre alten Fachwerkhaus im Fellbacher Oberdorf. Das älteste Viertel der Stadt ist besonders geschichtsträchtig.

Die prächtige Rispenhortensie blüht, der mächtige Ahornbaum spendet angenehmen Schatten: Gudrun und Klaus Riedele sitzen an diesem sonnigen Septembernachmittag in ihrem Garten hinterm Haus. „Es ist unser zweites Wohnzimmer“, sagt Gudrun Riedele. „Besonders in dem heißen Sommer sind wir schon morgens zum Frühstück raus in den Garten.“ Sie und ihr Mann genießen den Platz, den sie mit viel Engagement gestaltet haben.

 

Vieles hat das Ehepaar selbst gestaltet

Klaus Riedele hat die Stühle und die mobile Bank für den Garten selbst gebaut. Viele der schönen Pflanzen sind Mitbringsel ihrer Reisen, von denen sie kleine Ableger als Andenken mitgenommen haben. So wie der Garten trägt auch das Fachwerkhaus in der Fellbacher Grabenstraße die Handschrift der Riedeles. „Wir haben sehr viel selbst gemacht“, sagt Klaus Riedele, der früher als Mechanikermeister tätig war. „Das ganze Haus war voll mit Teppichböden.“ Die mussten raus. Sie legten überall neue Böden. „Peu à peu, haben wir das gemacht“, erzählt Klaus Riedele.

Die Raumaufteilung sei im Grunde gleich geblieben. Doch ansonsten wurde einiges modernisiert, unter anderem eine neue Küche eingebaut, das Bad neu gestaltet – da kamen Fachleute zum Zug. „Wir haben alle Arbeiten von Fellbacher Handwerksbetrieben erledigen lassen und waren sehr zufrieden“, sagt Klaus Riedele. Bis auf den Tag genau hätten die anvisierten Zeitpläne funktioniert. Glücklicherweise seien alle Renovierungen lange vor Corona und der Energiekrise abgeschlossen worden.

Geht man durch das Gebäude, ziehen sich massive, alte Holzbalken durch die Innenräume. Die Räume haben verschiedene Höhen, die Fenster ganz unterschiedliche Größen. Oben im Wohnzimmer ist die aufwendige Balkenkonstruktion des Dachgeschosses sichtbar. An einer anderen Stelle könne man erkennen, dass geflößte Balken beim Bau verwendet wurden. Das heißt, dass das Holz mit einem Floß auf einem Fluss transportiert worden war. Woher sie genau stammten, sei aber unklar. Auch wie alt das Fachwerkhaus genau ist, sei unbekannt, sagen sie.

Im Jahr 1989 haben die beiden das Gebäude gekauft. Über eine Anzeige in der Zeitung hat das Ehepaar von dem Haus erfahren, erzählen sie. Es sei schon ein paar Wochen zum Verkauf gestanden. „Als wir es dann angeschaut haben, hat es uns auf Anhieb gefallen“, erzählt Gudrun Riedele.

Es ist der Charme des Individuellen und die Geschichte, die die beiden am Haus begeistert. So passt es auch, dass ein großes, samtgrünes Sofa als Blickfang im Wohnzimmer steht. Das Möbelstück hat Josef Riedele gefertigt. „Mein Opa war Sattler und Tapezierer in Oeffingen“, erklärt Klaus Riedele. „Ich kenne das Sofa noch aus Kindertagen, wir haben uns darunter manchmal versteckt.“ Auch ein anderer Blickfang lässt die persönliche Geschichte ein Stück weit aufleben. Vor dem Holzgebälk steht eine Figur in der Tracht aus dem Hotzenwald, mit einer Krone aus Perlen auf dem Haar. „Das ist die Tracht meiner Jugend, die ich bei Umzügen und anderen Anlässen getragen habe“, erzählt Gudrun Riedele. Die Krone sei übrigens das Zeichen für Unverheiratete, so etwas Ähnliches wie heute der Beziehungsstatus in manchen sozialen Medien. Alt und Modern – das kombinieren die Riedeles in ihrem Einrichtungsstil. Laptop und schicke Bürostühle gehören ebenso dazu, das passt zu ihrem Lebensgefühl.

Kurze Wege zu allem, was man im Alltag braucht

Ein gerahmtes Foto an der Wand zeigt den Bauernhof in Görwihl, einem kleinen Ort bei Waldshut, auf dem Gudrun Riedele aufgewachsen ist. Die Abgeschiedenheit dort vermisst sie nicht. Im Gegenteil: „Hier erreichen wir alles zu Fuß“, sagt die sportive Frau. Das Paar schätzt die kurzen Wege von ihrem Haus in der Grabenstraße zum Einkaufen, zu Ärzten und allem, was man im Alltag braucht. „Das Auto kann zum Glück sehr lange stehen bleiben“, sagt Klaus Riedele. Das sei angesichts der hohen Spritpreise ein großer Pluspunkt. Regelmäßig setzt er sich wie auch seine Frau aufs Rennrad.

Fachwerkhäuser liegen oftmals zentral in der Innenstadt, da sie meist Zeugen eines historischen Stadtkerns sind. Zum 900-Jahr-Jubiläum von Fellbach im vergangenen Jahr erschien ein Heft mit dem Titel „Spaziergang durchs Fellbacher Oberdorf.“ Siegfried Bihler und Theo Lorenz greifen darin verschiedene Straßen und Bauten in einem historischen Rundgang auf. Auch die Grabenstraße kommt dort vor. „Die Grabenstraße ist die tiefste Stelle zwischen der Vorderen und der Hinteren Straße. Vermutlich erhielt sie ihren Namen, weil Regenwasser vom Kappelberg früher in einem teilweise offenen und teilweise abgedeckten Graben strömte und dann seinen Weg durch die Ochsengasse zum Entenweg, zur Eichstation und zum Wassergraben um die Kirche fand“, heißt es da. Die Straße hat Geschichte.

Die Häuser in der Grabenstraße sind alle verschieden, die Giebel unterschiedlich ausgerichtet – das Gegenteil von Einheitsbauten. Und einige haben Gärten. Die Riedeles dürfen übrigens gerade den Gemüsegarten eines Nachbarn nutzen. Dort haben sie Lauch, Tomaten, Gurken und vieles mehr angebaut. „Wir haben mit den Nachbarn einen schönen Austausch“, sagen sie. Das sei noch ein großer Pluspunkt, den sie in ihrer Straße nicht missen möchten.