Von Buoch kann der Blick weit in alle Himmelsrichtungen schweifen – etwa in Richtung Schorndorf und Schwäbische Alb. Foto: Gottfried Stoppel

Ein Ort der Dichter, Denker, Künstler: Buoch liegt hoch über dem Remstal und zieht Kunstschaffende seit langem magisch an. Davon zeugen auch sehr spezielle Gebäude.

Einen Tick anders ist der Ort Buoch immer gewesen. Das fängt mit seinem ungewöhnlichen Namen an, über dessen Aussprache manch einer stolpert. Und hört mit dem historischen Erbe – der Sankt Sebastiankirche, Skelettfunden aus der Zeit um das Jahr 1000 und der schon im Mittelalter angefertigten hochwertigen Keramik, der Buocher Feinware, – längst nicht auf. Wenn die Glaskünstlerin Ada Isensee, die 1974 mit ihrem Mann Hans Gottfried von Stockhausen hierher gezogen ist, über ihren Wohnort spricht, erwähnt sie die besondere Landschaft ringsum und den wunderbaren Ausblick von der auf knapp 520 Metern gelegenen Buocher Höhe zu den drei Kaiserbergen und der Burg Teck. Bei guten Sichtverhältnissen reicht die Aussicht sogar bis zum Schwarzwald, Stromberg und Odenwald.

 

Ein Ort zwischen Himmel und Erde

„Höher kann man nicht zum Himmel“, sagt Ada Isensee beim Rundgang durch den Ort zwischen Himmel und Erde. Dieses Gefühl von Weite ist wichtig für die Kreativität, davon ist Ada Isensee überzeugt. Und kreative Menschen, die habe es hier stets gegeben. „Es gab im Dorf immer Dichter, auch in der Bauernschaft“, sagt die 78-Jährige, die hier mit ihrem Mann auf der Suche nach einem Atelier mit Werkstatt eher zufällig gelandet war. Bei einer abendlichen Einkehr erlebte das Paar den Sonnenuntergang – und beschloss: Hier wollen wir leben und arbeiten. Das klappte tatsächlich, ein ehemaliges Bauernhaus wurde zum Wohn- und Arbeitsort.

Auf dem Weg von dort in die Dorfmitte schweift der Blick rechts in die weite Landschaft und bleibt links an allerlei besonderen Gebäuden hängen: Dem im Biedermeierstil errichteten „Hiller-Haus“, das ein Stuttgarter Bankier 1870 als Ruhesitz für den Dichter Eduard Hiller erstand und das einen Garten im Renaissance-Stil hat. Die 1834 gebaute Villa Reinfelder, in der für einige Zeit Hermann Kurz lebte. In Buoch schrieb der Autor von „Der Sonnenwirt“ seinen Roman „Schillers Heimatjahre“. Im frühen 20. Jahrhundert diente die Villa als Kurhaus.

Ein Luftkurort für Bronchialkrankheiten

„Buoch war ein Luftkurort für Bronchialkrankheiten, hier gab es beispielsweise drei Kinderheime, in die Stadtkinder zur Erholung kamen“, erzählt Margret Baum, die vor 22 Jahren aus Schorndorf auf die Höhe gezogen ist und sich im örtlichen Heimatverein engagiert. Dessen Museum ist im ehemaligen Forsthaus untergebracht, das später zum Gasthaus Hirsch wurde. Das Wirtshaus war ein beliebtes Ausflugslokal für Gäste von nah und fern. Dann schloss es, und das stattliche Fachwerkgebäude verfiel bis fast nur noch eine Ruine übrig war.

In den frühen 1980er-Jahren kaufte die Gemeinde Remshalden das verfallene Haus, das schließlich auf Vorschlag des Heimatvereins und mit tatkräftiger Hilfe der Einwohner zum Museum wurde. „Aus jedem Haus kam jemand und hat geholfen beim Aufbauen“, sagt Margret Baum, die an Buoch eines ganz besonders schätzt: „Die Gemeinschaft. Man hilft hier zusammen.“ Das gilt auch für das Dorffest vor der Buocher Kirche, das eben langsam seinem Ende zugeht. Unter den großen Kastanienbäumen, die angenehmen Schatten spenden, sitzen noch wenige Gäste bei einem kühlen Getränk, doch bei den Veranstaltern herrscht Aufbruchstimmung. Die ersten Bierbänke und Biertische werden zusammengeklappt und abtransportiert – mit einem Anhänger, den ein Traktor zieht.

Die Toten wurden kilometerweit nach Buoch getragen

Die Sankt Sebastiankirche, erstmals 1270 urkundlich erwähnt, ist lange Zeit der Mittelpunkt für die Gläubigen aus der Umgebung gewesen. Aus den Berglen und Schornbach wurden die Toten über viele Kilometer hergetragen und bestattet. Inzwischen hat Buoch nicht mal mehr einen eigenen Pfarrer. In der Kirche, deren Fenster im Zeitraum von 1985 bis 2006 von Hans Gottfried von Stockhausen gestaltet wurden, wird nur alle 14 Tage Gottesdienst gefeiert. Das schöne Pfarrhaus mit großem Pfarrgarten nebenan steht leer. Im Pfarrhaus habe es im 18. Jahrhundert einen Mord gegeben, erzählt Ada Isensee. Da wollte offenbar der Pfarrer eine Schar von Spatzen verjagen und nahm ein Gewehr von der Wand, aus dem sich ein Schuss löste. Der auf einem Sofa ruhende Vikar wurde getötet. Ein anderer Pfarrer habe sich die exponierte Lage von Buoch zunutze gemacht und mithilfe eines Spiegels über viele Kilometer Luftlinie mit einem Kollegen in Ochsenwang kommuniziert, erzählt Margret Baum.

Neun Gräber unter Abrisshaus beweisen: Buoch ist älter als gedacht

Beim Abriss eines alten Hauses neben der Kirche sind im vergangenen Frühjahr neun Gräber mit Skeletten entdeckt worden. Sie stammen aus der Zeit um das Jahr 1000 und damit ist klar, dass Buoch noch älter ist, als bisher angenommen. Mit dem am Fundort errichteten neuen Wohngebäude sind viele Buocher nicht glücklich, sie hätten sich mehr Abstand zur Kirche gewünscht.

Weiter geht es, vorbei am romantischen Landhaus Bimini mit Wohnturm aus dem Jahr 1903, in dem einst der Literaturnobelpreisträger Paul von Heyse zu Gast war, am Haus des Malers Karl Fuchs und am ehemaligen Wohnhaus des Puppenspielers Albrecht Roser. Zwei seiner Bademäntel sind vor Jahren bei einer Auktion in der Gemeindehalle zugunsten der Kirchensanierung versteigert worden. In Buoch hilft man eben zusammen.

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Zur Person
Ada von Stockhausen-Isensee ist im Jahr 1974 mit ihrem Mann Hans Gottfried von Stockhausen nach Buoch gezogen. In einem Bauernhaus richtete sich das Glaskünstler-Paar ein Zuhause mit Atelier ein

Sehenswertes
Ein Spaziergang durch den Ort Buoch lohnt auf alle Fälle, schon allein wegen der Villen und der Sankt Sebastiankirche mit Pfarrhaus und Kirchhof. Samstags von 14 bis 16 Uhr und sonntags von 10 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr ist das Museum im Hirsch in der Eduard-Hiller-Straße 6 geöffnet, dessen Dauerausstellung unter anderem über die Dichter, Maler und Autoren im Ort und die mittelalterlichen Keramikfunde informiert.