Tricks, Kniffe und eine gute Vorstellungskraft: Michael Ragaller hat in Waldenbuch aus einer eher kleinen Doppelhaushälfte ein zauberhaftes Wohnhaus gemacht. Der Architekt hat einen guten Rat für jeden Bauherrn, der mit Bestandsgebäuden plant.
Waldenbuch - Wie sieht wohl ein Architektenhaus aus? Auffällig, mindestens schick, oder? Auf was man in diesem 60er-Jahre-Wohngebiet in Waldenbuch trifft, ist Zurückhaltung, Anpassung in seiner schönsten Form. Michael Ragaller hat im „Bestand gebaut“, wie es so schön heißt. Übersetzt bedeutet das: aus etwas Vorhandenem etwas Neues und bestenfalls Schöneres zu machen. Ein Wagnis mit ungewissem Ausgang.
„Wir wollten einfach raus aus Stuttgart“, beschreibt Michael Ragaller einen Prozess, der vor sieben, acht Jahren begann. Vom Westen aus hohen, renovierten Altbauräumen wollte er mit seiner Familie in ein Haus aufs Land, oder mindestens ländlicher leben als das in der Landeshauptstadt eben möglich ist. So mancher Freund habe gestutzt, als die Wahl auf Waldenbuch fiel. Dass der Grund quadratische Schokotafeln seien, die es im Fabrikverkauf im Überfluss gebe, sei nur ein Gerücht. Es war das kleine Doppelhaus, das Michael Ragaller reizte.Wie dem Stuttgarter Architekten und Partner im Büro Schleicher/Ragaller geht es vielen Bauherren: Sie wollen raus aus der Stadt, sich räumlich vergrößern. Ältere Immobilien bieten sich dafür an. Dass einem Architekten nicht bange wird, wenn er vor einem Haus Baujahr 1963 steht, kann man sich noch vorstellen, was aber rät der Profi dem Laien?
Markante Teile des Hauses sehen und Nutzen
„Es gibt kein Patentrezept, aber es gibt Richtlinien, und man sollte nicht zu verkopft sein“, sagt Michael Ragaller. Man sollte sich die markanten Teile eines Hauses genau anschauen und prüfen, ob sich daraus etwas machen lasse. Ein konkretes Beispiel: in seinem Haus war es die zentral gelegene Treppe, die aus dem Erdgeschoss nach oben in den Wohnbereich führt, der wiederum ebenerdig in den Garten übergeht. Das Haus ist in den Hang gebaut. Ragaller plante um dieses Zentrum herum. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wenn man so eine zentrale Einheit nicht um- oder abbauen muss, spart man sehr viel Geld. Und man kann den Charakter des Hauses bewahren, ohne auf moderne Ansprüche – eben ein offenes Wohnkonzept – verzichten zu müssen. Und so gruppieren sich jetzt die offene Küche, das Wohnzimmer, ein Arbeitszimmer, ein Familienbad um diesen Treppenschlot herum, der wie ein doppeltes „Z“ bis zum Obergeschoss weiterführt. Außer zum Arbeitszimmer und zum Bad gibt es keine Wände und keine Türen. Das ganze Leben der Familie fließt auf insgesamt 190 Quadratmetern quasi im Kreis.
Zur Pflicht kommt die Kür mit Hinguckern und Finessen
Solche Themen zu sehen und zu erkennen, wären sozusagen die Basishausaufgaben beim Bestandskauf. Aber dann kommt natürlich doch noch etwas Kür; schließlich war ein Profi am Werk. „Besonders wichtig war es uns, Raumhöhe zu schaffen, Licht ins Haus zu bringen und den Gartenblick zu ermöglichen“, sagt Ragaller. Dazu wurde ein Teil der Decke im Wohnzimmer geöffnet, sodass man von dort aus bis ins Dachgeschoss blicken kann. Und um Tageslicht ins Bad zu bekommen, wurde an der Ostseite des Hauses ein kleiner Anbau realisiert. Dessen Dach dient als Balkon für die Kinder, die im Obergeschoss ihre Zimmer haben.
Natürlich hat Michael Ragaller auch beim Innenausbau auf Finessen geachtet, wie die Fliesen, die sich in Eingangsbereich und Bad in anderer Farbe wiederholen, hochwertig pigmentierte Wandfarben, viele Schreinermöbel im gesamten Haus oder einfach Hingucker, wie ein Kamin als Raumteiler zwischen Treppenaufgang und Wohnbereich.
Jetzt sieht das Haus so rund, so geglückt aus, als ob es immer schon so gewesen wäre. Dadurch entsteht das Neue auf Basis des Alten. Es ist nicht künstlich übergestülpt, sondern organisch und wie selbstverständlich gewachsen, trotzdem modern und zeitgemäß. Es schmiegt es sich perfekt in die Umgebung ein. Das Wohnhaus wurde in der jüngsten Böblinger Runde für beispielhaftes Bauen im Jahr 2017 ausgezeichnet.
Ausgezeichnet von der Architektenkammer für „Beispielhaftes Bauen“
Einen Rat hat Michael Ragaller doch an jeden Bauherrn, der im Bestand bauen will: einen Profi zur Besichtigung mitnehmen. Dieses Investment, das letztlich nicht viel mehr als ein gutes Abendessen für zwei kostet, zahle sich aus. „Ich wundere mich wirklich oft, wie wenig wir in die Räume investieren, die uns unser ganzes Leben lang prägen. Es lohnt sich, jemanden mit Fachwissen auf so eine Immobilie schauen zu lassen.“ Man glaubt nach dieser Hausbesichtigung, dass er das nicht nur sagt, weil er selbst Architekt ist und potenzielle Auftraggeber vor Augen hat.
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