Wer ruhig und mit tiefer Stimme mit Kühen redet, trägt zu deren Entspannung bei. Foto: Budimir Jevtic - stock.adobe.com

Forschende wollen herausfinden, wie sich das Wohlbefinden von Kühen steigern lässt. Denn das wirkt sich etwa darauf aus, wie viel Milch sie geben. Dabei zeigt sich: Es macht durchaus einen Unterschied, ob und wie Menschen mit den Tieren interagieren.

Wien - Es ist einfach nicht dasselbe. Diese Erfahrung machen viele Menschen, die in diesen Corona-Tagen einen guten Teil ihrer Kommunikation von der realen in die virtuelle Welt verlegen. Wer statt auf direkte Begegnungen auf Telefonate, Chats und Video-Konferenzen setzt, reduziert zwar das Infektionsrisiko. Viele aber empfinden diese Form der Kommunikation als anstrengender als ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Wichtige Feinheiten wie Emotionen oder Ironie bleiben dabei leicht auf der Strecke. So richtig befriedigend ist das Ganze also oft nicht. Und das scheint nicht nur für Menschen, sondern auch für Kühe zu gelten. Auch die mögen es neuen Erkenntnissen zufolge lieber, wenn man statt auf technischem Weg direkt mit ihnen redet.

 

Wer bisher noch nicht auf die Idee gekommen ist, so ein Rind überhaupt anzusprechen, hat etwas verpasst. Nämlich die Chance auf einen dankbaren Zuhörer. „Es ist überhaupt keine Zeitverschwendung, mit Kühen sanft und freundlich zu reden“, weiß Annika Lange von der Veterinärmedizinischen Universität Wien aus eigener Erfahrung. „Vor allem in Kombination mit Streicheleinheiten wissen sie das sehr zu schätzen.“ Und genau darum geht es. Denn Annika Lange und ihre Kolleginnen und Kollegen erforschen, wie sich das Wohlbefinden von Kühen, Schweinen und Co. steigern lässt.

Es wird immer mehr Wert darauf gelegt, dass die Tiere sich wohlfühlen

Diese Frage stößt bei Landwirten wie Verbrauchern zunehmend auf Interesse. „Es geht längst nicht mehr nur darum, Nutztieren ein schmerzfreies Leben zu ermöglichen“, sagt die Veterinärmedizinerin. „Immer mehr Wert wird auch darauf gelegt, dass sie sich möglichst wohlfühlen.“ Und ob das der Fall ist, hängt eben nicht nur vom Platzangebot oder der Gestaltung des Stalls ab. Ganz entscheidend ist auch die Frage, was diese Farmtiere mit ihren Betreuern erleben.

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Kühe haben zum Beispiel nichts für Menschen übrig, die sie anschreien. Denen gehen sie in Experimenten lieber aus dem Weg. Ein ebenso gutes Gedächtnis haben sie aber auch für positive Erfahrungen. Ein paar freundliche Worte hier, ein kurzes Streicheln da: „So etwas lässt sich zum Beispiel beim Melken gut in den Arbeitsalltag einbauen“, betont Annika Lange. Das sei durchaus auch auf größeren Höfen mit 150 oder 200 Kühen möglich. Und es zahlt sich aus. Etliche Studien zeigen inzwischen, dass Kühe in Betrieben, in denen freundlich mit ihnen umgegangen wird, auch mehr Milch geben.

Das Verhalten der Kühe und ihre Herzfrequenz geben Aufschluss

Wie aber streichelt man eine Kuh so, dass sie das auch zu schätzen weiß? Wie redet man am besten mit ihr? Und woran erkennt man überhaupt, was sie davon hält? „Es ist nicht ganz einfach, positive Emotionen bei Kühen wissenschaftlich zu untersuchen“, sagt Annika Lange. Denn die Körpersprache dieser Tiere hat bisher noch niemand bis ins Detail entschlüsselt. So gelten hängende Ohren zwar als Zeichen der Entspannung, ganz eindeutig ist dieses Signal aber nicht. Klarer wird die Botschaft dagegen, wenn Rinder einer streichelnden Hand den Hals entgegenstrecken. Das kann man wohl mit „Gut so, weitermachen!“ übersetzen. Denn ganz ähnlich reagieren die Tiere auch, wenn sie sich von Artgenossen lecken lassen. Neben dem Verhalten kann man auch noch die Herzfrequenz analysieren, um dem tierischen Wohlbefinden nachzuspüren. Denn in diesen Daten gibt es bestimmte Muster, an denen sich der Grad der Entspannung ablesen lässt.

Anhand solcher Indizien hat das Wiener Team getestet, wie Kühe auf die Kombination aus Streicheln und sanftem Zuspruch reagieren. Aus früheren Studien wussten sie schon, dass Berührungen an der Unterseite des Halses, aber auch an verschiedenen anderen Stellen von Kopf und Hals gut ankommen. „Am besten achtet man dabei auf die Signale, die das Tier sendet“, sagt Annika Lange. Durch ihre Körperhaltung mache eine Kuh klar, wo sie gerade gekrault werden will.

Eine tiefe Stimme und langgezogene Vokale kommen besonders gut an

Weniger Erfahrungen gab es dagegen mit verbalen Streicheleinheiten. Für Kuhkenner lag es aber nahe, dass auch die eine Wirkung haben. Denn Kühe hören nicht nur ausgezeichnet, sie tauschen auf akustischem Weg auch wichtige Informationen mit ihren Artgenossen aus. Schon kurz nach der Geburt eines Kalbes stoßen sie zum Beispiel immer wieder ein tiefes Muhen aus, das den Nachwuchs wohl beruhigen und die Bindung zu seiner Mutter festigen soll. Vielleicht fühlen sich die Tiere ja von menschlichen Stimmen angezogen, die ein bisschen ähnlich klingen. Jedenfalls scheinen sie es besonders zu mögen, wenn sie mit tiefer Stimme und lang gezogenen Vokalen angesprochen werden.

Doch ist es ihnen egal, ob die sanften Worte mit oder ohne technische Unterstützung an ihr Ohr dringen? Um das herauszufinden, haben sich Annika Lange und ihre Kollegin Lisa Bauer immer wieder in der gleichen Körperhaltung neben die Tiere gesetzt und sich ganz aufs Streicheln konzentriert. Nur kam die Stimme der Wissenschaftlerinnen mal direkt aus ihrem Mund, mal aus einem Lautsprecher.

Die Stimme vom Band hat nicht denselben Effekt

Bei den Adressatinnen kam das Verwöhnprogramm in beiden Fällen gut an, das äußerliche Verhalten der Kühe unterschied sich nicht. Ein Blick auf die Herzfrequenzen aber zeigte, dass das Live-Sprechen für sie noch angenehmer ist und einen stärkeren Entspannungseffekt hat. Woran das genau liegt, ist noch unklar. Vielleicht haben die Streichlerinnen mit ihrer Körpersprache unbewusst doch subtile Botschaften gesendet. Vielleicht hört sich die menschliche Sprache vom Band in Kuh-Ohren aber auch nicht ganz so angenehm an, weil durch die Aufzeichnung die hohen und tiefen Frequenzen verloren gehen.

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Man weiß jedenfalls, dass auch andere Tiere zwischen Playback und Live-Ansprache unterscheiden. So reagieren Hunde auf Kommandos aus der Konserve schlechter, als wenn man direkt „Sitz!“ oder „Hierher!“ zu ihnen sagt. Vor allem, wenn sie keine zusätzlichen Signale wie etwa Blicke auswerten können, weil ihr Trainer eine Sonnenbrille aufhat.

In der menschlichen Stimme scheint durch die technische Übertragung also tatsächlich etwas Wichtiges verloren zu gehen. Durch Mimik und Körpersprache lässt sich das zwar teilweise kompensieren. Doch wenn diese Möglichkeit wegfällt und sich der Angesprochene allein auf seine Ohren verlassen muss, wird es schwierig. Und das gilt wohl nicht nur für vierbeinige Zuhörer, sondern auch für Menschen.