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Es geht nicht nur um den Musikgeschmack. In der Pubertät fassen wir Beschlüsse, die unser gesamtes Leben beeinflussen.

Stuttgart - Die ersten sechs Lebensjahre gelten als besonders prägend. Aber was ist mit den Jahren, die der Kindheit folgen? Fragt man Bekannte nach ihrer Jugendzeit, rollen viele mit den Augen und wechseln schnell das Thema. Pickel und Peinlichkeiten sind lange her, Gott sei Dank. Die Psychologin Julia Tomuschat ist überzeugt davon, dass aber auch die Jahre zwischen zwölf und 24 Jahren unser heutiges Leben stark beeinflussen. Sie sagt: „In der Pubertät fassen wir Beschlüsse, die unser gesamtes Leben als Mann oder Frau prägen, und zwar viel weitreichender als nur in Sachen Musikgeschmack.“ Wie wir mit Autoritäten umgehen, Beziehungen führen oder Sexualität erleben – laut Tomuschat mischen die Erfahrungen als Teenager in den sogenannten Flegeljahren dabei kräftig mit. Die Psychologin hat sich lange mit der Thematik beschäftigt und ein Buch darüber geschrieben, das jetzt erschienen ist: „Versöhnung mit dem inneren Teenager“ heißt es und weist durchaus Parallelen auf zum Bestseller von Stefanie Stahl. Die hat mit ihrem Werk „Das innere Kind muss Heimat finden“ einen Nerv getroffen. Nun also die Pubertät.

 

Mit zehn zog Gregor in ein Kinderheim

Tom E. (47, Name geändert) denkt nur ungern an seine Teeniejahre zurück. Die erste Liebe, die enge Verbundenheit mit Freunden, alles Schöne sei überschattet worden vom Vater, der meistens schlecht gelaunt war und ihn runtermachte. „Wir hatten nie ein gutes Verhältnis. Anerkennung war ein Fremdwort für ihn.“ Tom erinnert sich daran, dass sein Vater bei vielen Menschen aneckte, kaum Freunde hatte. Er glaubt, dass ihn das bis heute prägt. Tief in ihm verankert sei die Angst vor Disharmonie und dem Auseinanderbrechen von Beziehungen. Ihn belastet, mit dem Gefühl zu leben, seinen eigenen Ansprüchen und denen seiner Umwelt nie zu genügen.

Auch Gregor K. (Name geändert) vermisste in seinen Jugendjahren Nestwärme. Mit zehn zog er in ein Kinderheim. Freiwillig, weil sich zu Hause niemand um ihn kümmerte. Seine Pubertät verbrachte er in einer Wohngruppe mit Gleichaltrigen. Seine wichtigsten Ansprechpartnerinnen in dieser Zeit: die Erzieherinnen. Gregor K. hatte Freunde und machte Abitur. „Das war schon okay“, sagt er. Dennoch habe sich jeder allein durchbeißen müssen. Als Einzelkämpfer fühlt sich der 43-Jährige auch heute noch. In Beziehungen ist er schnell eingeengt, mit seiner Partnerin zusammenzuleben, kann er sich nicht vorstellen. „Ich brauche Raum für mich. Ich bin es so gewohnt.“ Der Filmemacher hat sich damit arrangiert. Ihn stört lediglich, dass seine Gedanken oft darum kreisen, ob er das Beste aus allen Möglichkeiten gemacht hat. „War ich durch die Umstände meines Aufwachsens benachteiligt oder ist das eine Ausrede?“ Als belastend empfindet er das Gefühl, mehr als das halbe Leben mit Ängsten und Zweifeln verschwendet zu haben und damit schöne Momente „kaputt gedacht“ zu haben. „Ich wünsche mir mehr eigene Wertschätzung für das, was ich bin, was ich habe und was ich kann.“

Manches Zweifeln gibt Hinweise auf den Teenager, der man mal war

Dieses ständige an uns Zweifeln, an uns Herummäkeln und Fähigkeiten Abwerten sind für Julia Tomuschat Hinweise darauf, dass Menschen innerlich nicht als Erwachsene agieren, sondern eher wie der Teenie, der sie mal waren. Ähnlich sei es, wenn jemand reflexhaft gegen Regeln rebelliert, sich trotz Partnerschaft einsam fühlt, übermäßig angepasst ist, Angst vor Autoritäten hat oder sich schwertut, Entscheidungen zu treffen. In ihrem Buch schreibt sie: „Der jüngere Persönlichkeitsanteil hat uns gekapert, das Steuerrad übernommen und lenkt nun unser Geschick.“

Julia Tomuschat ist überzeugt davon, dass das nicht so bleiben muss. Wer Zugang zu den Dingen finde, die ihn geprägt haben, könne lernen, besser mit ihnen umzugehen. Also bewusst machen und verstehen statt verdrängen. „Wir tragen die Erfahrungen aller Altersstufen in uns“, sagt die 53-Jährige. Man könne sich das vorstellen wie bei einer Matrjoschka. „Mit jeder Altersstufe wachsen und reifen wir, bis wir eine neue Ebene, eine neue Hülle erreicht haben. Beeinträchtigende Erfahrungen kann man sich vielleicht am ehesten wie eine Delle in der Matrjoschka vorstellen. Diese Delle verschwindet auf der nächsten Ebene nicht, sondern sie setzt sich fort. So entsteht ein Schatten in unserer Persönlichkeit.“

Für Anna K. (Name geändert) ist der Schatten ihrer Jugend vor allem ihre Schüchternheit. Die 42-Jährige erzählt, dass sie ein zurückhaltendes Mädchen war, das sich wenig zutraute. Sie erinnert sich an Lehrer, deren Anforderungen sie nicht erfüllen konnte, und an Klassenkameraden, die gegen sie intrigierten. Anna ist verheiratet, sie hat Kinder und einen guten Job. Ihre Komfortzone verlässt sie nur selten. Neues ausprobieren? Lieber nicht. Bei der Arbeit ist sie selbstkritisch. „Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein könnte nicht schaden.“

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Für Psychologin Tomuschat ist Reflektieren die wichtigste Erkenntnis, um sich selbst besser annehmen zu können. Über Anna, Tom und Gregor sagt sie: „Trotz allen Haderns sehe ich hier auch drei Erfolgsgeschichten. Drei Menschen, die bereit sind, sich mit ihrem Gewordensein zu beschäftigen.“ Der nächste Schritt könne sein: für sich entscheiden und zu formulieren, was anstelle des „Alten“ treten soll. „Ein weiterer Schritt wäre zu sortieren, welche Überzeugungen von außen übernommen wurden. Vielleicht hat Anna gehört: Du bist zu doof/unbegabt/langsam. Diese Sätze gehören dahin, wo sie hergekommen sind: zum strengen Lehrer.“ Weitere Fragen könnten sein: Was ist die positive Absicht meines Schattens, wenn er mich einholt? Wo in meinem Leben ist die Qualität, die ich mir wünsche, schon vorhanden? Wo bin ich schon selbstbewusst, gelassen oder durchsetzungsfähig? „Oft ist das, was wir uns wünschen, in manchen Momenten bereits vorhanden. Das kann man ausbauen“, erklärt Tomuschat. Sie rät, unbedingt auch einen Blick auf die Sonnenseite der Teeniejahre zu werfen. Die Erinnerung an ungezügelte Lachattacken, an Mut, Fantasie und das Gefühl von Aufbruch.

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In ihrem Buch erläutert die Therapeutin, wie der Blick zurück dabei hilft, eine Brücke in die Zukunft zu bauen. Eine Therapie kann der Ratgeber freilich nicht ersetzen. Wer sich von Ängsten und Schatten nicht lösen könne, für den sei der Besuch beim Psychologen sicher richtig, stimmt Tomuschat zu. „Das hängt viel mit den eigenen Resilienzen zusammen. Manche haben Schlimmes erlebt und schaffen das alleine.“