Julio César fängt Bälle mit Reusch-Handschuhen. Klicken Sie sich durch unsere Modellgalerie! Foto: Ulmer

Der Countdown läuft. Am 12. Juni beginnt in Brasilien die Fußball-Weltmeisterschaft. In unserer Serie stellen wir bis zum Anpfiff eine ganz besondere Elf vor. Heute: der Torwart.

Reutlingen - Um die Ausstattung der Torhüter tobt ein Konkurrenzkampf – die Firma Reusch setzt auf Betreuung.

Natürlich hat Martin Hannemann eine klare Vorstellung davon, wie die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien laufen sollte. Der Gastgeber steht im Endspiel und trifft auf den Erzrivalen aus Deutschland. In einer dramatischen Partie gewinnen schließlich die Brasilianer knapp. Der Jubel ist grenzenlos. Torhüter Julio César, der zuvor einen Elfmeter gehalten hat und zum Held des Abends geworden ist, reckt den Pokal in die Höhe. Milliarden Menschen vor den Bildschirmen sehen: Dieser Supertorwart trägt Handschuhe von Reusch.

Bei dem Gedanken muss Martin Hannemann (44) schmunzeln. Er ist einer von zwei Geschäftsführern von Reusch Deutschland mit Sitz in Reutlingen. Die einst in Metzingen gegründete Firma ist seit Jahrzehnten spezialisiert auf Torwart- und Skihandschuhe. Hinter ihm an der Wand hängt die aktuelle Kollektion. Links die Skihandschuhe, meist in dunklen Tönen, rechts die Torwartausrüstung in knalligen Farben.

Je besser das Turnier, desto besser das Geschäft

Je nach Saisonverlauf erwirtschaftet Reusch etwa 60 Prozent des Umsatzes mit den Wintersportprodukten, 40 Prozent mit der Ausstattung für Torhüter. Verläuft die Weltmeisterschaft gut, könnte das Pendel ein wenig mehr in die eine Richtung ausschlagen. „Natürlich versprechen wir uns auch Geschäft durch das Turnier, vor allem aber geht es um die Wahrnehmung der Marke“, sagt Hannemann. Er bezweifelt ohnehin, dass einzelne Namen die Verkaufszahlen entscheidend nach oben treiben können. „Das war vielleicht bei Oliver Kahn so, mit Abstrichen bei Manuel Neuer, aber dann hört es schon auf.“

Für die Reutlinger geht es in erster Linie darum, sich gegen die übermächtige Konkurrenz von Nike, Adidas oder Puma zu behaupten. Julio César ist dabei nicht der einzige Torwart der WM, der von Reusch ausgestattet wird. Fernando Muslera etwa steht für Uruguay im Kasten, Moisés Munoz für Mexiko, Mariano Andújar für Argentinien, Alexander Domínguez für Ecuador.

„In Lateinamerika sind wir traditionell stark vertreten“, sagt Hannemann. „Dort spielt noch nicht das ganz große Geld die Rolle, sondern die Qualität.“ Reusch rühmt sich außerdem einer familiären Betreuung der Vertragsspieler, die es bei den großen Mitbewerbern so nicht gebe und die von den Torhütern sehr geschätzt werde. So hat jeder von ihnen einen persönlichen Ansprechpartner. „Die Jungs wissen das zu würdigen“, sagt Hannemann. Für die WM hat bereits jeder sein persönliches Paket mit Handschuhen erhalten. Dafür darf dann auch ein medienwirksamer Jubel erwartet werden.

Puma legte siebenstellige Summe auf den Tisch

Viel häufiger als die Qualität der Betreuung oder der Handschuhe entscheidet aber das Geld. So erzählt Hannemann, dass das italienische Torwart-Urgestein Gianluigi Buffon einst Reusch-Handschuhe getragen habe, bis Puma die Mannschaft unter Vertrag nahm und eine siebenstellige Summe auf den Tisch legte. „Da können und wollen wir nicht mithalten“, sagt Hannemann. Inzwischen sei es üblich, dass in den europäischen Top-Ligen Sponsoren sechsstellige Summen pro Saison für die Torhüter-Ausstattung hinblättern.

Bis hinunter in die dritte Liga zahlt kein Keeper für sein Arbeitsgerät. Während Reusch in den 80er und 90er Jahren zwölf der 18 Torhüter in der Bundesliga unter Vertrag hatte, sind es heute deutlich weniger. Reusch setzt auf Individualisten wie Ralf Fährmann vom FC Schalke oder Jaroslav Drobny vom HSV und besetzt die Nische hochwertiger Produkte. „Wir erzielen im Laden den höchsten Verkaufspreis aller Hersteller“, sagt Hannemann. Das Topmodell kostet rund 150 Euro.

Die Entwicklung der Technologie wird dabei entscheidend von den Torhütern selbst vorangetrieben. Sepp Maier und der einstige Firmenbesitzer Gebhard Reusch etwa tüftelten in den 1970er Jahren den ersten professionellen Torwarthandschuh mit Schaumstoffbelag gemeinsam aus. Heute ist der Handschuh ein High-Tech-Gerät. Eine Vorspreizung der Finger erhöht die Fläche und unterstützt die natürliche Fanghaltung. Spezielle Silikonaufdrucke an den Fingerspitzen sorgen für mehr Griffigkeit. Das Polster auf der Oberhand soll den Aufprall möglichst gut dämpfen. Selbst die Innenseite des kleinen Fingers ist mit Latex verkleidet, um das Abwerfen zu erleichtern.

Bundesligatorhüter benötigt etwa 30 bis 50 Paar pro Saison

Während sich manche Torhüter mit dem Spitzenmodell aus dem Ladenregal zufriedengeben, bestehen andere auf Änderungen am Schnitt oder der Bandage um das Handgelenk. Ex-HSV-Keeper Frank Rost wiederum bestellte wahre Riesenpatscher, auf den Belag legte er dagegen weniger Wert. Der Verbrauch der personalisierten Handschuhe ist dabei beachtlich.

Ein Bundesligatorhüter benötigt etwa 30 bis 50 Paar pro Saison, ein Drittligakeeper etwa 15 bis 20. Selbstverständlich gibt es je nach Witterung und je nach Ball und Platz unterschiedliche Modelle. „Alle Beläge werden in Deutschland hergestellt“, betont Hannemann. Genäht werden die Handschuhe dann in China – nicht nur wegen der günstigeren Lohnkosten, sondern auch wegen des über Jahre aufgebauten Wissens.

Wenn am 12. Juni im WM-Auftaktspiel Brasilien auf Kroatien trifft, fiebert Hannemann vor dem Bildschirm mit. Er erinnert sich noch genau an den letzten WM-Erfolg für Reusch. Das war im Jahr 2002 beim Turnier in Japan und Südkorea, als Marcos Reis für Brasilien zwischen den Pfosten stand. Der Finalgegner hieß Deutschland. Am Ende unterlag Deutschland mit 0:2, und Marcos Reis durfte den Pokal in die Höhe recken. Seine Handschuhe behielt er dabei selbstverständlich an.

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