Witzerzähler Oliver Gimber „Steht ein Mann auf dem Balkon . . .“

Von Tom Hörner 

Nach einem guten Witz, sagte Oliver Gimber, fühlst du dich schwerelos wie bei einem Parabelflug Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Nach einem guten Witz, sagte Oliver Gimber, fühlst du dich schwerelos wie bei einem Parabelflug Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Seine „Witz vom Olli“-Videos wurden auf Youtube schon über eine Million Mal geklickt. Über Witze zu lachen, sagt der Pforzheimer Malermeister OIiver Gimber, habe eben eine befreiende Wirkung. Aber ein Witz im Netz kam den Unternehmer teuer zu stehen. Er kostete ihn seinen besten Kunden.

Stuttgart - Herr Gimber, bei Ihre Videos bekommt man den Eindruck, dass Sie gern lachen.
Das ist bei uns eine Familienkrankheit. Das letzte, was ich mit meinen Vater gemacht ­habe, als er im Sterben lag: Wir haben uns am Abend davor Witze erzählt.
Lachen hilft auch in tieftraurigen Situationen?
Manchmal schon. Ich vergleiche das Lachen mit einem Parabelflug. In dem Moment, in dem du so richtig herzhaft lachst, bist du schwerelos und vergisst alles andere. Lachen hat eine befreiende Wirkung. Auch wenn es meinen Vater mal dreckig ging, einen Grund zum Lachen gab es immer.
Ihre Youtube-Videos sind vermutlich auch deshalb so erfolgreich, weil Sie selbst über Ihre Witze lachen müssen.
Ich muss darüber lachen, weil ich sie mir beim Erzählen bildlich vorstelle. Als Unternehmer habe ich schon allerlei rhetorische und kaufmännische Schulungen genossen. Aber was wirklich zum Erfolg führt, ist, wenn du authentisch bist. Witzerzählen gehört einfach zu mir. Wenn ich im Betrieb mal zwei Tage lang keinen Witz erzähle, sagen meine Mitarbeiter „Chef, was ist mit Ihnen los? Müssen wir uns Sorgen machen?“
Ein Witz ist Sie teuer zu stehen gekommen.
Stimmt, das war vor einem Jahr und hat mich hart getroffen. Damals habe ich wegen eines Witzes meinen besten Kunden verloren, nach über 20 Jahren. Der hat mir in einer E-Mail die Freundschaft gekündigt, alle Aufträge entzogen, mir Hausverbot erteilt und mich als Rassist bezeichnet. Obwohl er wusste, dass meine Mitarbeiter aus zehn ­Nationen kommen und ich soziale Projekte unterstütze. Und alles nur wegen des Witzes vom schwarzen Rettich. Meine Mitarbeiter sagten: „Chef, ist es das wert?“
Eigentlich wollten wir ja keine Witze erzählen. Aber jetzt müssen sie doch.
Steht ein Mann auf dem Balkon. Auf dem Balkon gegenüber steht ein Schwarzer und raucht. Da sieht der Mann, dass im Wohnzimmer des Schwarzen der Christbaum brennt. Der Mann ruft: „Neger, dein Christbaum brennt!“ Aber der kann ihn nicht ­hören, da er einen Kopfhörer aufhat. Die Frau des Mannes kommt auf den Balkon und fragt, warum er so brüllt. „Bei dem Neger brennt der Christbaum, aber er kann mich nicht hören“, sagt der Mann, rennt in die Wohnung und kommt mit einem Rettich und einer Sprühpistole zurück, mit der er den Rettich schwarz lackiert. Was das soll, fragt die Frau. „Ich versuch’s mit Zeichensprache“, sagt der Mann. „Schwarzer, Rettich!“

Abgesehen von dem politisch nicht korrekten Neger, was soll an dem Witz rassistisch sein?
Nichts. Im Gegenteil, es geht darum, dass ein Mitteleuropäer mit heller Haut einem Menschen mit schwarzer Haut das Leben retten will. Das habe ich meinem Kunden auch geschrieben – immerhin brach mir von jetzt auf nachher 20 Prozent meines Jahresumsatzes weg. Es ging grob um eine viertel Million Euro. Aber da war nichts zu machen. Inzwischen glaube ich, der Kunde hatte mit mir noch ein anderes Problem. Ich habe mit ­guter Laune und Authentizität Erfolg. Mein ehemaliger Kunde ist wohl eher der Ansicht, der Weg zum Erfolg führe über Selbstkasteiung und müsse schmerzhaft sein.
Wann ging das mit dem Witzerzählen auf Youtube los?
Meinen ersten Witz habe ich am 17. 9. 2015 ins Netz gestellt. Angefangen aber hat alles viel früher, vor fünf Jahren, als ein paar alte Männer Whatsapp für sich entdeckten. Damals gründete ich mit Freunden, die auf der Welt verteilt sind, einen virtuellen Stammtisch. Irgendwann schrieb mir ein Freund, der für einen deutschen Konzern in Neuseeland arbeitet: „Olli, erzähl mal einen deutschen Witz. Das kann hier keiner.“ So ging’s los. Irgendeiner stellte dann die Witze auf Youtube. Dass die dort eifrig gesehen werden, habe ich erst gemerkt, als mein Kunde mir den Stuhl vor die Tür gestellt hat.
Warum erzählen Sie die Witze im Auto?
Weil ich viel mit dem Wagen unterwegs bin. Ich habe Kunden in ganz Süddeutschland.
Meist steht der Wagen. Einmal erzählen Sie einen Witz beim Fahren. Gab es da keinen Protest von Obersheriffs im Netz?
Im Netz nicht, aber in der echten Welt. Ich stand an der Ampel, wollte abbiegen und dachte: Okay, das reicht für einen Witz. Da taucht auf der Beifahrerseite ein Streifenwagen aus. Die Polizei winkte mich rechts ran, ein älterer Beamter stieg aus und sagte: „Sie wissen ja, ein Punkt und 60 Euro.“ Ich sagte: „Dann nehm ich das Geld.“ Der ­Polizist konnte nicht lachen. Ich musste ­aussteigen, sein junger Kollege kam dazu, sah mich und rief: „Ha, du bisch doch der ­Olli!“ Dann sagt er zu seinem Kollegen: „Jetzt drücken wir beide mal alle vier Augen zu, und der Olli macht das nie wieder.“ Ich durfte weiterfahren. Seither nehme ich beim Fahren keine Witze mehr auf.
Wie viele Witze haben Sie im Repertoire?
Aus dem Stegreif wohl so 500. Ich kann mir Witze einfach merken. Dafür habe ich ein fürchterliches Namensgedächtnis. Das ist schwierig, wenn ich in der Stadt einen ­Kunden treffe. Ich weiß dann genau, was wir bei dem gemacht haben, was für ein Auto der fährt, kenne sogar die Autonummer des Wagens. Aber der Name fällt mir ums Verrecken nicht ein.
Inzwischen treten Sie, obwohl Sie ein viel beschäftigter Unternehmer sind, mit Ihren Witzen sogar auf.
Stimmt. Die meisten Kontakte kommen über Youtube zustande. Ich mache das nicht wegen des Geldes, sondern, weil ich dabei Leute kennenlerne, die mein Leben bereichern – und wir gemeinsam was zu lachen haben. Vor einiger Zeit trat ich in der  Gegend von Bruchsal vor 500 Rockern auf. Ich hatte keine Ahnung, was mich da erwartet, ich musste zwischen zwei Heavy-Metal-Bands auf die Bühne. Der Chef der Rocker ist einer meiner größten Fans ist. Hinterher hatte ich 200 Selfies mit Männern in schwarzer ­Lederkluft auf meinem Smartphone und war heiser.
Planen Sie eine späte Karriere als Comedian?
Quatsch. Ich weiß, dass der Hype im Netz ­irgendwann vorbei ist – aber solange er anhält, will ich ihn nutzen. Ich habe vier Firmen, stehe um halb fünf auf, arbeite 17 bis 18 Stunden am Tag. So was kannst Du nicht bis zur Rente machen. Bei einem Marketing­seminar habe ich mal gehört: Ein Unternehmer muss sich als Marke etablieren. Inzwischen weiß ich, was damit gemeint ist. Ich bin dabei, mich als Marke Oliver Gimber zu positionieren. Ich könnte mir vorstellen, ­irgendwann nur noch Vorträge zu halten. Außerdem habe ich ein Buch im Angebot. Es heißt: „Meine Kunden lieben mich.“
Können Sie die Lebensphilosophie des Oliver Gimber in einem Satz zusammenfassen?
Man sollte versuchen, seine Arbeit mit guter Laune zu erledigen. Natürlich geht das nicht immer. Ich habe auch Tage, da geht‘s mir schlecht. Aber dann lese ich abends meine ­E-Mails. Und wenn da ein Witz dabei ist, bei dem ich eine viertel Stunde Schnappatmung bekomme, ist alles gut. Dann bin ich wieder schwerelos wie beim Parabelflug.

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