Oliver Maria Schmitt (52) kommt aus Heilbronn, lebt aber in Frankfurt. Foto: Rowohlt/Ulla Kühnle

Oliver Maria Schmitt ist Schriftsteller und Satiriker. Ein Gespräch über Humor, Tabus und Stress mit dem ehemaligen Papst.

Stuttgart - Immer wieder ein viel zu beliebtes Reizthema: Wenn „Haha“ zu „Hoho“ wird – oder die Frage aufkommt, worüber man eigentlich Witze machen darf. Oliver Maria Schmitt, Satiriker, Autor, Schriftsteller und Teil der „Titanic“-Boygroup kennt sich in diesem Metier bestens aus. Vor sieben Jahren wurde sogar mit dem damals noch amtierenden Papst zum Thema gestritten. Oliver Maria Schmitt ist immer noch aktiv.

Sie waren von 1995 bis 2000 Chefredakteur von „Titanic“. Inwiefern hat sich die Arbeit für Satiriker oder Humoristen seitdem geändert?

Oliver Maria Schmitt: Die hat sich für Satiriker nicht wesentlich geändert. Noch immer geht es um die „Knochenarbeit im Scherzbergwerk“, wie Robert Gernhardt das mal nannte, um Satire, Ironie und schiefere Bedeutung, um ein klares Ja zum Nein.

Wie zuträglich ist es Ihrer Arbeit, dass sich mittlerweile auf jeden Fall jemand an einem Witz stören wird?

Da man ohnehin nicht allen gefallen kann, macht man es besser gleich keinem recht. Dann sind wenigstens alle gleichermaßen unzufrieden – außer vielleicht die Leser der „Titanic“.

Existieren für Sie in Ihrer Arbeit Tabus? Wo ziehen Sie Ihre Grenzen?

Es gibt nur ein einziges Tabu: sich selbst oder die geneigten Leser zu langweilen. Bei Grenzverläufen folgen wir bei „Titanic“ allenfalls denen von 1941, weiter sollte deutscher Qualitätshumor besser nicht gehen, das ist nicht gut für den Weltfrieden.

Inwiefern sind die Tabuthemen an­derer Leute interessant? Reizt Sie der Tabubruch?

Was mögen Tabuthemen anderer Leute sein? Wir wissen es nicht. Würde man darüber nachdenken wollen, käme man zu gar nichts. Die einzige Frage, die man sich beim Witzemachen stellt, ist die, ob etwas komisch ist. Das kann man nur alleine oder im Team entscheiden. Die Meinungen Außenstehender spielen da keine Rolle.

Provokation ist heute einfach: Kennzeichnen sich gute Satire und guter Humor durch die Art der Provokation?

Es geht nicht um die Art der Provokation, es geht immer nur um den Witz. Wenn ich etwas zum Lachen finde, dann ist das schon mal eine gute Basis. Und wenn man auf der Seite der Opfer, der Schwächeren steht, ist das bestimmt nicht falsch. Man kann aber nicht strategisch rangehen im Sinne von: Versuche ich’s jetzt mal plump herabwürdigend oder doch lieber mit spitzer Feder und ätzendem Spott? Oder wäre vielleicht die hintersinnige Sottise, garniert mit einem süffisanten Augenzwinkern, der richtige Weg?

Haben Sie schon Pointen verworfen, um auf die Gefühle anderer Rücksicht zu nehmen?

Pointen habe ich allenfalls verworfen, um auf meine eigenen Gefühle Rücksicht zu nehmen. Weil ich das Gefühl hatte: Na ja, witzig ist das nicht. Noch nicht so richtig. Da sollte ich vielleicht besser noch mal den Pointenverstärker anwerfen.

Wenn Humor ein Mittel ist, was ist der Zweck?

Humor ist eher eine Haltung, aus der heraus ich Komik generiere und einsetze. Mit ihr versuche ich, wenn ich meinen Satirikerhut aufhabe, Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu üben, am Scheiß der Zeit. Wobei der Zweck aller dieser Bemühungen immer gleich ist – das Lachen.

Würde der Papst auch 2019 noch Juristen bemühen wegen der „undichten Stelle im Vatikan“? Oder sind seine „Follower“ eh viel problematischer?

Schwer zu sagen. Ratzingers Follower müssen heute wohl mehr denn je darauf achten, dass der abgedankte Gottesstellvertreter nicht einfach umfällt oder irgendwo die feuchte Folge einer undichten Stelle hinterlässt. Aber darüber sollte man nicht spotten, das haben wir im Übrigen auch nie getan. Wir haben mit dem angesprochenen Papsttitel der „Titanic“ im Sommer 2012 auf den Pressezirkus reagiert, der pausenlos eine „undichte Stelle im Vatikan“ herbeibetete, um sich die Vorgänge im katholischen Intrigantenstadl irgendwie erklären zu können. Wer heute wann und gegen wen klagt oder klagen würde – das weiß nur Gott allein. Und vielleicht noch sein amtierender Stellvertreter.

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