Britischen Forschern ist ein wichtiger Schritt zum Corona-Impfstoff gelungen – der Weg ist aber noch weit.
London - Die britische Regierung glaubt, dass an der Universität Oxford jetzt ein „größerer Durchbruch“ bei der Suche nach einem Coronavirus-Impfstoff erzielt worden ist. Premierminister Boris Johnson gratulierte den Forschern der Elite-Uni zu ihrer „brillanten“ Arbeit im Kampf gegen die Seuche, auch wenn es „noch keine Garantie“ gebe für die letztendliche Wirkung des entwickelten Stoffs. Das „Corona-Team“ der Uni Oxford arbeitet seit acht Wochen mit rund 1000 Testpersonen an der Entwicklung des Impfstoffs gegen Covid-19. Der Teamleiter, Professor Andrew Pollard, meldete am Montagabend, man habe „starke Immunreaktionen“ des in Oxford hergestellten Impfstoffs festgestellt, was ein „echter Meilenstein“ sei. Freilich werde sich erst im Laufe ausführlicher weiterer Test erweisen, ob man „mit diesen starken Immunreaktionen der Seuche in der Bevölkerung auch wirklich beikommen kann“.
Bedenkliche Nebeneffekte wurden nicht registriert
Der bisherige Erfolg des Impfstoffs bemisst sich am Grad der Antikörper und T-Zellen, die er im Blut der Testpersonen hervorzurufen vermag und von denen man hofft, dass sie das Virus attackieren können, wenn es zu einer Infektion kommt. Die bisherigen Ergebnisse seien jedenfalls „äußerst vielversprechend“, sagte Professor Pollard. Bedenkliche Nebeneffekte habe man nicht registriert. Für die erste, nun abgeschlossene Forschungsstufe war vor allem die Frage wichtig, ob der Impfstoff den Testpersonen sicher verabreicht werden könne. Damit ist noch nicht geklärt, ob der Stoff generell Covid-19-Erkrankungen verhindern und auch Symptome mildern wird. Der Test soll nun im Vereinigten Königreich mit 10 000 Freiwilligen weitergeführt werden.
Auch das chinesische Unternehmen Cansino Biologics hat laut der Medizin-Zeitschrift „The Lancet“ vielversprechende Ergebnisse bei der Erprobung von Corona-Impfstoffkandidaten erzielt. Der Impfstoff habe eine sehr starke Immunreaktion ausgelöst, berichtete „Lancet“. Mehr als 90 Prozent der Teilnehmer hätten in einem Zeitraum zwischen 14 und 28 Tagen nach der Impfung entweder Antikörper oder T-Zellen gebildet.
England verzeichnet die höchste Zahl an Corona-Opfern in Europa
Allerdings dämpfen die britischen Wissenschaftler auch gleich die Erwartungen, wonach vor dem nächsten Jahr ein entsprechender Impfstoff verfügbar sein wird. Regierungschef Johnson versicherte seinen „Weltspitzen-Forschern“, dass er „die Daumen drücke“, sich aber bewusst sei, dass „wir noch nicht da sind“. Johnson hofft umso mehr auf einen Impfstoff, als sein Land die höchste Zahl an Corona-Opfern in Europa verzeichnet und seine Regierung bis jetzt noch mit einem mangelhaften System zum Testen und Aufspüren von Infizierten arbeitet. In der Erwartung weiterer guter Forschungsresultate in Oxford hat sich die britische Regierung bereits 100 Millionen Dosen des noch gar nicht existierenden Impfstoffs gesichert. Sollte sich der Wirkstoff als wirksam erweisen, sei dies laut der an dem Oxford-Projekt beteiligten Forscherin Sarah Gilbert eine „vielversprechende Option“, da sich diese Art von Impfstoffen leicht in großem Maßstab herstellen lasse.
Zugleich hat London, wie am Montag bekannt wurde, auch 90 Millionen Dosen potenzieller Impfstoffe aus Deutschland, Frankreich und den USA gekauft. „Ein sicherer und wirksamer Impfstoff“, sagte dazu Gesundheitsminister Matt Hancock, „ist unsere beste Chance dafür, das Coronavirus zu besiegen und zu einem normalen Leben zurückzukehren.“
Die Weltgesundheitsorganisation ist von den „guten Nachrichten“ aus den ersten Tests der zwei möglichen Impfstoffe gegen das Coronavirus ermutigt. Der Leiter der Notfallabteilung, Michael Ryan, betonte aber auch, dass noch ein langer Weg zu gehen sei. Jetzt müssten große Tests unter realen Bedingungen folgen, sagte er. „Aber es ist gut zu sehen, dass mehr Daten und mehr Produkte in diese sehr wichtige Phase der Impfstoff-Entdeckung gehen.“ Ryan sagte, derzeit seien 23 mögliche Covid-19-Impfstoffe weltweit in der klinischen Entwicklung.