Michael Weinfurter, Dennis Eismann, Philipp Bofinger und Sandra Nippert in der New Work Area. Foto: Ines Rudel

Viele Erwerbstätige wünschen sich mehr Flexibilität bei der Arbeit. Wie kann es gelingen, die unterschiedlichen Bedürfnisse in einem Unternehmen unter einen Hut zu bringen? Das testet derzeit Balluff gemeinsam mit Forschungseinrichtungen.

Vor kurzem wollte Sandra Nipperts kleine Tochter gerne auf den Spielplatz – morgens an einem Werktag. Ihre Mutter, Pressesprecherin beim Neuhausener Sensorspezialisten Balluff, überlegte zwar kurz und prüfte ihren Terminkalender, packte dann aber doch etwas zum Frühstücken ein und fuhr mit ihrem Mädchen zum Spielplatz. Im Anschluss ging es dann in die Kita und zur Arbeit. „Vor zwei Jahren hätte ich das nicht einmal in Erwägung gezogen“, sagt Nippert. Doch Balluff gibt mittlerweile die Möglichkeit, die Arbeitszeit flexibel auf verschiedene Arbeitsorte und Tageszeiten aufzuteilen. Für Unternehmen und Beschäftigte birgt das Vorteile – aber auch Herausforderungen.

 

Diese Regelung erleichtere ihr nicht nur den Alltag als arbeitende Mutter, es bereichere ihr Leben auch, schildert Nippert ihre Sicht als Arbeitnehmerin. Sie sitzt an diesem Vormittag im Konferenzraum der sogenannten New Work Area. Vor einem Jahr hat das Unternehmen in einem Gebäude bei der Firmenzentrale ein Modellbüro eingerichtet: Hier wird das hybride und flexible Arbeiten auf der Büroseite getestet, in das Balluff spätestens mit Bezug seines im Bau befindlichen Bürogebäudes nebenan voll einsteigen will. Darüber hinaus nimmt das Unternehmen an einem gemeinsamen Forschungsprojekt teil mit Teams der Zeppelin Universität Friedrichshafen, des Karlsruher Instituts für Technologie und der Universität Stuttgart: Venamo – kurz für Verkehrsentlastung durch neue Arbeitsformen und Mobilitätstechnologien. Balluff ist das Reallabor, die Forschenden unterstützen das Unternehmen bei Mitarbeiterbefragungen und Workshops für die Beschäftigten.

Beitrag zur Verkehrsentlastung

Möglichkeiten der mobilen Arbeit gibt es bei Balluff seit einigen Jahren, das Modellbüro und das Forschungsprojekt wurden ab 2019 in die Wege geleitet. „Wir sind vor Beginn der Pandemie gestartet, Corona gibt dem allem aber Speed“, erklärt Michael Weinfurter, der Personalleiter des Unternehmens. Man wolle einen Beitrag zur Verkehrsentlastung leisten, ergänzt Philipp Bofinger, Personalreferent und Koordinator des Venamo-Projektes auf Balluff-Seite. Aber auch Balluff als attraktiven Arbeitgeber positionieren in Zeiten des Fachkräftemangels. In der Pandemie arbeiteten die Mitarbeitenden in Neuhausen laut Weinfurter zu 85 Prozent mobil. Und eine Mehrheit wolle das auch weiterhin für zwei bis drei Tage pro Woche so halten, das zeigten Umfragen.

Doch mobiles Arbeiten birgt auch Herausforderungen. Führung aus der Distanz erfordere neue Instrumente, sagt Bofinger. Außerdem sei mehr Eigenverantwortung vonseiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefordert bei der Organisation ihrer Arbeit, aber auch beim Stressmanagement. Je nachdem, wie die familiäre und räumliche Situation des einzelnen ist, fällt es manchem schwerer, Feierabend zu machen und abzuschalten, als anderen. „Man muss auch achtsam sein als Mitarbeiter“, sagt der Betriebsratschef Dennis Eismann. Balluff versucht das mit Kursen für Führungskräfte und Mitarbeiter zu unterstützen. Die neuen Bedürfnisse, die das flexible Arbeiten mit sich bringt, sollen sich in der Ausstattung niederschlagen. „Das Büro konkurriert im Moment mit dem Arbeitsplatz zuhause“, erklärt Eismann und blickt auf den Konferenztisch. Dieser ist aus Massivholz – ähnlich wie sein Esstisch zuhause.

Keine persönlichen Arbeitsplätze mehr

Ein Büroraum müsse heutzutage wohnlicher sein. Weniger gilt das für die einzelnen Schreibtische in der New Work Area: Sie sind leer, bis auf Bildschirm und Dockingstation, an der sich die Mitarbeitenden mit ihrem Laptop anschließen können. Es soll keine persönlichen Büroarbeitsplätze mehr geben. In den vergangenen Monaten haben alle Abteilungen das Modellbüro getestet und bewertet.

Ein Ergebnis: „Viele Mitarbeiter wollen einen eigenen Arbeitsplatz haben“, räumt Bofinger ein. Der Betriebsratsvorsitzende Eismann ist aber überzeugt, dass das an Bedeutung verliere, wenn die Atmosphäre stimme. Der in der Umfrage meist kommentierte Ort ist die Kaffeeküche. Hier finde die Begegnung mit den Kollegen statt, der kreative Teil der Arbeit – und für viele Hauptgrund, überhaupt ins Büro zu kommen.

Nach den Zeiten des coronabedingt stark ausgeweiteten mobilen Arbeitens will Balluff wieder zu mehr persönlichen Begegnungen kommen. „Viele möchten wieder mehr Kontakt zu den Kollegen haben“, sagt Weinfurter. Der Mix aus der Arbeit im Büro und zuhause stellt indes auch eine Herausforderung dar, wie die Projektbeteiligten konstatieren. Neben der Infrastruktur, ist eine abgestimmte Planung wichtig – was bringe es, gemeinsam mit den Kollegen im Büro zu sein, wenn man den ganzen Tag in Videokonferenzen hänge, sagt Betriebsrat Eismann. „Die Frage müssen wir für uns klären: Wie sieht Zusammenarbeit aus?“ Jetzt gelte es, ins hybride Arbeiten erst einzusteigen.

Das Forschungsprojekt und Balluff

Thema Verkehr
Ziel des vom Bund geförderten Projektes Venamo ist, Auswirkungen neuer Arbeits- und Mobilitätsformen auf den Verkehr zu untersuchen – die staureichen Straßen in und um Stuttgart sind stark durch Berufsverkehr belastet. Teil des Projekts ist eine Simulation von Verkehrsströmen. Einige Balluff-Mitarbeiter haben freiwillig eine App der beteiligten Forschungsteams installiert, die ihre Verkehrswege dokumentiert. Die meisten Mitarbeiter, schätzt Personalchef Weinfurter, kommen mit dem Auto ins Büro, weil Neuhausen noch keinen S-Bahnanschluss hat. Allerdings unterstützt das Unternehmen auch das Leasing eines Jobrads und bietet E-Lademöglichkeiten.

Arbeit bei Balluff
Die flexible Arbeitsweise soll künftig am Campus in Neuhausen mit seinen 1000 Mitarbeitern umgesetzt werden. Hier werden die derzeit an mehreren Standorten verteilte Büroflächen gebündelt und ein neues Gebäude mit mehr als 530 Arbeitsplätzen gebaut. Es soll im Sommer 2023 fertig sein. Balluff investiert 60 Millionen Euro. Das neue Arbeitsplatzkonzept dient Balluff zufolge auch als Blaupause für weitere Standorte weltweit. Mittlerweile gibt es bei Balluff in Neuhausen keine Produktion mehr, sie wurde bis Ende 2021 nach Ungarn und China verlagert.