Der verkaufsoffene Sonntag beim Möhringer (Bild) und beim Vaihinger Herbst standen 2016 zunächst auf der Kippe. Foto: Archiv A. Kratz

Der Verbund Vaihinger Fachgeschäfte (VVF) und der Gewerbe- und Handelsverein Möhringen (GHV) blicken auf das Jahr 2016 zurück.

Möhringen/Vaihingen - Im Sommer standen die verkaufsoffenen Sonntage plötzlich auf der Kippe. Christian Dempf, dem Vorsitzenden des Möhringer GHV, und Ingo Vögele, dem Vorsitzenden des VVF, hat diese Nachricht zunächst einen Schreck versetzt. Wie es damit im Jahr 2017 weitergeht und was die beiden Vereine im vergangenen Jahr sonst noch beschäftigt hat, darüber sprechen die Vorsitzenden im Interview.

Herr Dempf, Herr Vögele, wie steht es um die Wirtschaftsstandorte Möhringen und Vaihingen?
Ingo Vögele: Das Stimmungsbild ist positiv. 2016 haben sich mehrere neue Händler und Restaurants in Vaihingen angesiedelt. Gerade am Vaihinger Markt hatten wir in den letzten Jahren einige Geschäfte verloren. Durch das italienische Feinkostgeschäft Buongusto und das Restaurant Marcellino ist wieder Leben in die Fußgängerzone gekommen. Es tut sich wieder was im Vaihinger Zentrum.
Christian Dempf: In Möhringen hat sich in diesem Jahr etwa Armin Malmquist mit seinem Isotec-Fachbetrieb für Abdichtungssysteme angesiedelt. Und direkt im Zentrum hat das Eiscafé Aurelia eröffnet. Es bietet auch einen Mittagstisch an und wird von den Bürgern gut angenommen. In die leer stehende Filiale des Drogeriemarkts Müller ist im November Matratzen Concord eingezogen.
Letzteres kam nicht bei jedem Möhringer gut an. Wie wirkt sich das Matratzengeschäft auf die Kaufkraft aus?
Christian Dempf Foto: Sandra Hintermayr
Christian Dempf: Es ist eine große Herausforderung. Der Drogeriemarkt hatte viel Laufkundschaft, die zu Fuß kam, Kleinigkeiten kaufte und auf dem Weg auch die anderen Geschäfte in Möhringen besuchte. Das nun eingezogene Matratzengeschäft Concord hat auch seine Kunden, aber es lockt allgemein weniger Laufkundschaft an als ein Drogeriemarkt. Wir bräuchten wieder einen Publikumsmagneten wie Müller.
Werden die Ansiedlungen 2017 weitergehen?
Ingo Vögele: Wir blicken zuversichtlich ins neue Jahr. Zwar haben wir noch einige Leerstände, mit denen wir nicht glücklich sind, aber wir hoffen, dass im Zuge der Sanierung des Ortszentrums weitere Interessenten nach Vaihingen kommen. Die Aufwertung ist dringend nötig. Der marode Bodenbelag am Vaihinger Markt ist wirklich unschön anzusehen.
Der Vaihinger Markt ist ja nicht nur Fußgängerzone, sondern auch Veranstaltungsort.
Ingo Vögele: Richtig. Und deshalb sind wir auch daran, etwa die Stromversorgung auszubauen. Beim Weihnachtsmarkt hatten wir 120 Stände, die alle Strom brauchten, um etwa Glühwein zu kochen. Früher ging das weitgehend über Gasbehälter, aber heute greift man nicht zuletzt der strengen Sicherheitsvorschriften wegen auf Strom zurück. Dafür brauchen wir mehr Kapazitäten. Wir möchten uns dafür einsetzen, dass mehr Anschlüsse für unsere Veranstaltungen verlegt werden.
Apropos Veranstaltungen. 2016 standen ja schlagartig die verkaufsoffenen Sonntage in den Stadtbezirken auf der Kippe. Wie wird es damit 2017 weitergehen?
Ingo Vögele: Wir sind im Sommer tatsächlich aus allen Wolken gefallen, als es hieß, der Vaihinger Herbst könnte eventuell nicht in Verbindung mit einem verkaufsoffenen Sonntag stattfinden. Unsere Mitglieder riefen täglich an und fragten, was Sache ist. Und wir konnten zunächst keine Antwort geben. Glücklicherweise konnte der Herbst dann doch wie gewohnt stattfinden. Dazu haben wir kurzfristig gemeinsam mit unserer Leistungsgemeinschaft aktive Stuttgarter und der Wirtschaftsförderung der Stadt Stuttgart umfangreiche Argumente entwickelt und mit der Gewerkschaft intensiv auf verschiedenen Ebenen gesprochen. Und auch für das nächste Jahr haben wir Planungssicherheit. Die Stadt hat nach dem positiven Anhörungsverfahren, an dem wir über die aktiven Stuttgartern auch beteiligt sind, unsere beiden verkaufsoffenen Sonntage im Jahr genehmigt, und Verdi und die Kirchen wollen dagegen keinen Einspruch einlegen. Es herrscht also zunächst vorsichtige Zuversicht für die Zukunft.
Christian Dempf: Wir konnten den Gewerkschaften klarmachen, dass unsere Veranstaltungen nicht nur umsatzorientiert sind. Sie haben einen Mehrwert für die Bürger. Und die meisten unserer Geschäfte sind inhabergeführt, das sind ganz andere Voraussetzungen als in der Innenstadt. Die Inhaber entscheiden selbst, ob sie am Sonntag ihre Läden öffnen wollen oder nicht.
Welche Bedeutung haben die verkaufsoffenen Sonntage für die Händler?
Christian Dempf: Im Rahmen solcher Stadtteilfeste kommen ganz andere Kunden in die Läden als von Montag bis Samstag. Für die Geschäftsinhaber ist das wichtig. Für sie ist es eine Plattform, für sich und die Qualität, die wir vor Ort haben, zu werben und neue Kunden zu gewinnen.
Ingo Vögele: Einige der Geschäfte brauchen den Umsatz der verkaufsoffenen Sonntage, um übers Jahr zu kommen. Diese Tage bieten ganz andere Einnahmemöglichkeiten als das Tagesgeschäft, weil auch Menschen in die Läden gehen, die sonst nicht vorbeischauen.
Wie wirkt sich das Internet auf die Kaufbereitschaft vor Ort aus?
Christian Dempf: Das Internet ist ein Problem, mit dem alle Geschäfte zu kämpfen haben. Wir in den Randbezirken ebenso wie in der Innenstadt. Die Geschäfte leiden darunter, wenn die Menschen ihre Einkäufe nur noch am PC tätigen.
Ingo Vögele: Wir müssen uns Konzepte überlegen, wie wir das Internet für die örtlichen Geschäfte nutzen und davon profitieren können.
Wie könnten solche Konzepte aussehen?
Christian Dempf: Mit unserer Möhringen-App funktioniert das schon ganz gut. Im November hatten wir wieder mehr als 27 000 Klicks. Die Menschen haben dabei die Möglichkeit, über ihr Handy von Angeboten in den Geschäften zu erfahren und sie dann vor Ort zu nutzen. Teilnehmende Gastronomen können über die App ihre Mittagstische bewerben. Wir sind natürlich weiterhin darauf bedacht, die App auszubauen, etwa indem wir direkte Verlinkungen zu Onlineshops unserer Mitglieder anbieten.
Könnte so eine App auch in Vaihingen kommen?
Ingo Vögele: Wir denken eher über eine professionelle gemeinsame E-Commerce-Lösung verschiedener Stadtbezirke und Handels- und Gewerbevereine nach. Über die aktiven Stuttgarter prüfen wir hier derzeit verschiedene Lösungen. Hier im Stadtbezirk sind wir über unsere VVF-Homepage und über unsere Facebook-Seite bereits gut im Internet aufgestellt. Unsere Kommunikation, sowohl mit unseren Mitgliedern als auch mit den Bürgern, ist immer aktuell.
Trotz allem Internet: das meiste Geld verdienen die Händler mit ihrem Laden vor Ort. Welche Vorteile bieten sie gegenüber dem Online-Einkauf?
Ingo Vögele Foto: Rebecca Stahlberg
Ingo Vögele: Bei vielen Produkten, etwa bei Kleidung, ist doch die haptische Erfahrung wichtig. Das kann ich nicht im Internet. Es ist doch ein schönes Erlebnis, sich die Schaufenster anzuschauen und sich inspirieren zu lassen. Wäre doch schade, nur noch online Dinge zu bestellen und stattdessen an leeren und zugeklebten Schaufenstern im Bezirk vorbeizuspazieren, weil alle Läden schließen mussten.
Christian Dempf: Wir haben hier oben so viel Qualität zu bieten. Die Händler vor Ort punkten mit fachlicher Beratung und persönlichem Service. Das kann das Internet nicht leisten. Für die Werbung braucht es wiederum die Stadtteilfeste und verkaufsoffenen Sonntage, damit sich die Händler präsentieren können. Wir haben wirklich super Unternehmen, die teilweise weltweit agieren. Und das betrifft nicht nur den Stadtteil Möhringen, sondern ebenso Sonnenberg und Fasanenhof.
Ingo Vögele: Das gleiche gilt für Vaihingen. Dürrlewang, Rohr und Büsnau haben ebenso „Hidden Champions“, Unternehmen, die man vielleicht weniger wahrnimmt, die aber dennoch Großes leisten. Und auch Kaltental zählen wir da dazu, weil einige unserer Mitglieder dort ansässig sind.
Wie sehen Sie die Aufsiedlung des Synergieparks mit mindestens 8000 neuen Arbeitsplätzen? Welche Auswirkungen kann das auf die Wirtschaft haben?
Ingo Vögele: Ich glaube, es wird schwierig, die Beschäftigten ins Zentrum nach Vaihingen oder Möhringen zu holen, um sie dort zum Einkaufen zu bewegen. Morgens zu Arbeitsbeginn haben die Geschäfte noch geschlossen, in der Mittagspause ist die Zeit zu knapp, und nach Feierabend fährt man doch lieber wieder nach Hause, als bei uns einzukaufen.
Christian Dempf: Man müsste den Menschen verdeutlichen, welche Qualität wir links und rechts der Nord-Süd-Straße bieten können. Allerdings wird durch die Neuansiedlungen der Verkehr in Möhringen und Vaihingen nur noch schlimmer werden. Das macht das Einkaufen bei uns wenig attraktiv. Auch der ÖPNV ist diesbezüglich nicht optimal.
An dieser Stelle möchten die Fahrradlieferdienste wie Velo-Carrier ansetzen. Wäre so etwas auch für Vaihingen und Möhringen denkbar?
Ingo Vögele: Klar, unser Mitglied Schiller-Buchhandlung arbeitet bereits mit Velo-Carrier zusammen. Derzeit läuft für unsere Mitglieder eine Kennlernaktion mit tollen Sonderkonditionen von Velo-Carrier. Es ist auf jeden Fall gut möglich, dass wir in den nächsten Jahren noch mehr der Fahrräder auf unseren Straßen sehen.
Christian Dempf: Das Thema ist sicherlich auch für uns attraktiv. Wir sind bereits in Gesprächen mit den Dienstleistern. Man müsste schauen, wo man einen geeigneten Umschlagplatz schaffen kann. Dann sind die Fahrradlieferdienste eine gute Möglichkeit für unsere Händler vor Ort.
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