Die Aktienmärkte in Asien haben als erste nach dem Wahlsieg Macrons geöffnet und positiv auf die Nachrichten aus Frankreich reagiert. Foto: AFP

Vertreter der deutschen Wirtschaft begrüßen den Wahlsieg Emmanuel Macrons bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Die Chefvolkswirte der Banken und Versicherungen waren jedoch vor übertriebenen Erwartungen.

Stuttgart - Die deutsche Wirtschaft hofft nach dem Sieg von Emmanuel Macron bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich auf Reformen. „Wenn sich der Reformstau in Frankreich in den kommenden Jahren auflösen würde, wäre das ein ermutigendes Signal für die wirtschaftliche Entwicklung Europas“, erklärte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer. „Damit könnte sich Europa weiter aus der Krise arbeiten und die EZB zu einem normalen Zinsniveau zurückkehren.“ Ein wettbewerbsfähiges und stabiles Frankreich sei zudem ein wichtiger Partner, um international für Offenheit zu werben. Das Nachbarland ist nach China der wichtigste deutsche Handelspartner.

Ähnlich äußerten sich die Familienunternehmer. „Ich wünsche unserem Nachbarland, dass es unter dem neuen Präsidenten zu alter Stärke zurückkehrt“, sagte Verbandschef Lutz Goebel. „Die Europäische Union braucht ein wirtschaftlich starkes Frankreich, aber keine neuen Ideen zu einer Euro-Transferunion, wie sie Macron im Wahlkampf geäußert hat.“ Impulse benötige vor allem der Arbeitsmarkt. Das Thema Arbeitslosigkeit könne nur durch mutige Reformen gelöst werden. Was der künftige Präsident als Wirtschaftsminister mit dem „Macron-Gesetz“ angestoßen habe, müsse nun fortgeführt werden. „Ohne Arbeitsmarktreformen wird Macron enden wie Hollande, und Frau Le Pen würde dadurch noch stärker“, sagte Goebel.

Guter Tag für Frankreich, Deutschland und Europa

DIW-Chef Marcel Fratzscher hat die Wahl von Macron zum französischen Staatspräsidenten als einen guten Tag für Frankreich, Deutschland und Europa begrüßt. „Frankreich hat nun einen Präsidenten, der die besten Voraussetzungen mitbringt, um die Wirtschaft Frankreichs zu erneuern und Europa zu reformieren“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). „Vorausgesetzt, Macron kann in der bevorstehenden Abgeordnetenwahl eine solide Mehrheit hinter sich versammeln, hat die Bundesregierung nun endlich wieder einen starken Partner.“ Zugleich forderte Fratzscher: „Die Bundesregierung muss sich offener gegenüber gerechtfertigter Kritik aus Europa und Frankreich zeigen.“ Macron hat unter anderem den Handelsüberschuss Deutschlands und die restriktive Finanzpolitik kritisiert.

Der Sieg Macrons hat aus Sicht von Ifo-Chef Clemens Fuest die Gefahr einer tiefen politischen und ökonomischen Krise für Frankreich und die EU abgewendet. Wenn es Macron gelinge das Land zu reformieren, werde ganz Europa davon profitieren, sagte der Ökonom. „Für Deutschland wird Macron ein herausfordernder, aber konstruktiver Partner sein.“ Der 39-jährigen Ex-Wirtschaftsministers hatte vorgeschlagen, die Eurozone solle einen eigenen Haushalt, ein Parlament und einen Finanzminister bekommen. „Es ist wichtig, dass Deutschland eigene Konzepte zur Weiterentwicklung der Eurozone entwickelt, um für die anstehenden Gespräche vorbereitet zu sein“, forderte Fuest.

Euroraum kommt nicht zur Ruhe

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer warnt vor übertriebenen Hoffnungen. Zwar sei eine existenzgefährdende Krise für die Währungsunion abgewendet. „Aber nach der Wahl ist vor der Wahl“, sagte Krämer am Montag. Bei den Parlamentswahlen im Juni dürfte Macron schwerlich eine absolute Mehrheit erringen, „was zusammen mit seinem zögerlichen Programm gegen eine beherzte Reformpolitik in Frankreich spricht.“ Zudem stünden spätestens im Mai 2018 Parlamentswahlen in Italien an, wo das Lager der Links- und Rechtspopulisten ähnlich stark sei wie in Frankreich. „Der Euroraum kommt nicht zur Ruhe, die EZB dürfte nicht bereits in diesem oder im nächsten Jahr ihre Leitzinsen erhöhen.“

Auch der Chefvolkswirt der Munich Re, Michael Menhart, dämpft die Euphorie: „Abzuwarten bleibt nun das Ergebnis der Parlamentswahlen im Juni. Macron kann nicht wie andere Präsidentschaftskandidaten auf die Unterstützung einer etablierten Partei zurückgreifen, auch wenn seine ‚En Marche’-Bewegung in der letzten Zeit Unterstützer dazugewonnen hat. Im schlimmsten Fall droht Macron die ‚Cohabitation’ – das heißt, er müsste ohne eigene Mehrheit im Parlament regieren. Ernstzunehmende Reformen wären dann schwer umsetzbar.“

Strukturreformen dringend notwendig

Achim Wambach, der Präsident des Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sagte: „Entscheidend für die zukünftige Entwicklung in Europa wird vor allem sein, inwiefern es Emmanuel Macron gelingt, die Wirtschaft in Frankreich wieder in Gang zu bringen. In den vergangenen Jahren ist die wirtschaftliche Entwicklung in Frankreich der in Europa hinterhergelaufen. Hier kann Macron ansetzen, indem er die dringend notwendigen Strukturreformen in Frankreich voranbringt. Sein Programm sieht vor, die Staatsquote zu reduzieren, Unternehmenssteuern zu senken und die Arbeitsmärkte flexibler zu gestalten.

Von der wirtschaftlichen Erholung Frankreichs und einem starken Partner können Deutschland und Europa nur profitieren. Ausschlaggebend dafür wird aber sein, wie die Wahl zur französischen Nationalversammlung im Juni ausgehen wird und ob Emmanuel Macron eine stabile Mehrheit für seine Pläne findet.“

Anton Börner, der Präsident des Außenhandelsverbands (BGA), spricht von einer „Schicksalswahl für Europa“: „Die Franzosen haben für Europa und die Vernunft gestimmt. Es gibt keine bessere Nachricht für Deutschland: Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Emmanuel Macron. Wir haben die große Hoffnung, dass er die nötigen Reformen macht und die Weichen stellt für eine positive Entwicklung: für die Menschen, für die Wirtschaft und für Europa.“ Für Europa heiße das, dass man sich jetzt an die Arbeit machen müsse. Dass die rechtsextreme Marine Le Pen in die Stichwahl gelangt ist, sei ein Warnsignal gewesen. „Wir können nicht weitermachen wie bisher. Der Wahlausgang ist ein klarer Auftrag, die europäische Zusammenarbeit zu erneuern und zu vertiefen“, so Börner.

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