Entschleunigt durchs Winterwunderland: Endlich Schnee unter den Schuhen auf dem Weg zur Elsbethenkapelle in Hopfgarten an der Hohen Salve. Foto: Bettina /d

Für schneearme Winter, umweltbewusste Gäste und sparsame Urlauber suchen Wintersportorte nach Alternativen zum klassischen Skizirkus. In den Kitzbüheler Alpen hat man das Thema Winterweitwandern entdeckt. Das geht mit wenig Schnee und ohne teuren Skipass.

Vom stillen, weißen Winterwunderland fehlt erst mal jede Spur. Auf dem ersten Stück des gut 60 Kilometer langen Winterweitwanderwegs von Hopfgarten nach St. Ulrich am Pillersee dominiert Asphalt pur, zum Glück wenigstens auf kleinen Nebenstraßen, die nur ab und zu ein SUV auf dem Weg in die Natur beschlagnahmt. „Wandern im Winter ist anders. Mit Schnee, Eis, Lawinen, Wechten kann man klassische Wanderwege in Höhenlage nicht einfach in den Winter verlagern“, sagt Wanderführerin Elke Henke.

 

Endlich knirscht es unter den Füßen, als die Gruppe querfeldein zur hoch gelegenen Elsbethenkapelle in Hopfgarten stapft und dort andächtig der Legende ihrer Erbauung im Jahr 1494 lauscht. Hier soll ein böser Junker zum netten Zeitgenossen mutiert sein, als die heilige Elisabeth in seinem Kerker eine Quelle entspringen ließ, von deren Wasser er trank. Über den Gruberberg nach Westendorf wechseln sich Asphaltpassagen ab, auf denen die Wanderstöcke klacken, mit festgefrorenem Schnee, auf dem die Stöcke perfekt sind als Stabilisatoren.

Schnitzel, größer als der Teller

Auf der nächsten Etappe von Westendorf nach Reith begleiten nicht nur Bergführer Franz Hetzenauer, sondern auch die Aussicht auf das markante Kitzbüheler Horn die Wanderer. Als Belohnung am Ende eines schmalen Pfades durch eine nun wirklich schöne Winterlandschaft wartet der Gasthof Obergaisberg. Hier treffen sich Wanderer, Rodler und Skifahrer und alle schwelgen in den Tiroler Köstlichkeiten, die frisch auf den Tisch kommen: Käseknödel, Kaiserschmarrn und Schnitzel, größer als der Teller.

Nach einem letzten Blick auf die Bergwelt ringsum geht es hinab ins Tal, erst über weitläufige Almwiesen, dann durch den Wald. „Die Berge hier sind nicht sehr hoch, deshalb endet die Baumgrenze oft erst auf halber Höhe“, sagt Hetzenauer. Zurück im Tal führt ein Holzsteg an der gurgelnden Tiroler Ache nach Reith. Dass die Gemeinde nahe dem Nobelort Kitzbühel liegt, verraten Anwesen in Glas- und Betonarchitektur, die wie Fremdkörper die dörfliche Struktur aufmischen.

Jedes Zimmer mit eigenem Scheisshäuserl

In Reith nimmt am nächsten Tag Stefan Trixl die Gruppe in seine Obhut und führt im Wandergebiet Bichlach zu natürlichen Weihern – manche beliebte Badeplätze, andere fischreiche Biotope. Trixl erzählt, dass hier bis heute Schiefer abgebaut und zu Gesteinsmehl gemahlen wird und man im erzreichen Oberndorf Kupfer und Silber abbaute. Am Weg zeugt ein riesiger Granitblock im Vorgarten eines Hofes von der letzten Eiszeit.

Vorbei an Kapellchen, mit denen sich die Spender für die Heimkehr des Vaters vom Krieg oder für eine überstandene schwere Krankheit bedankten, geht es über den Römerweg nach Oberndorf. Hier findet man gelebte Heimatverbundenheit im Penzinghof, einem Familienunternehmen mit Hotel, Bauernhof, Käserei, Kneipe, Skiverleih und Apartments an der Skipiste. Barbara Buter-Lindner, eine der ersten Sommelièren Österreichs und Schwester des Hotelgründers, erzählt von den Anfängen, als der Nachbar seinen Hof beim Pokern verspielte und Stefan Lindner zugriff. „Wir haben angefangen mit deutschen Italienurlaubern, die unterwegs eine Übernachtung brauchten“, berichtet sie, „und als wir 1970 den Penzinghof bauten, wurde im Dorf gelästert, dass bei uns jedes Zimmer ein eigenes Scheißhäuserl hat.“

Mausbann gegen Nager im Lager

Die Lindners gehören zu „KochArt“, einer Vereinigung, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, nur Köstliches aus der Region auf den Teller zu bringen – Almschwein, Alpenwein, Biohendl und eigenen Käse. Derart gestärkt gehen die Winterwanderer auf dem Römerweg bis zum Etappenziel St. Johann. Trixl weist auf bunt bemalte Vorbauten am Obergeschoss eines Bauernhauses hin: „Das ist der Mausbann, damit Mäuse nicht ins Dach klettern konnten, wo früher das Kornlager war“, erklärt er. Die alten Häuser sind allesamt schmuck instand gesetzt. Einige tragen noch den Glockenturm auf dem Dach, mit dem man das Gesinde zum Mittagessen rief und in Notfällen das Dorf alarmierte.

Ins „Tal der märchenhaften Ausblicke“ führt die nächste Etappe in Richtung St. Jakob in Haus. Hier hat man das monumentale Massiv Wilder Kaiser im Rücken und schaut auf die Gipfel von Karstein, Wildseeloder und Spielberg. In St. Jakob – das natürlich an einem Jakobsweg liegt – findet man den Inbegriff eines Dorfgasthauses. Im Gasthaus zur Post isst man fangfrischen Fisch aus dem Pillersee und das zu zivilen Preisen. „So etwas findet man nicht, wenn man im mondänen Kitzbühel sitzen bleibt“, sagt Wanderführerin Lisa Flatscher.

Selfie-Jäger am Kreuz

Schon von Weitem sieht man das 30 Meter hohe begehbare Doppelkreuz oben auf der 1492 Meter hohen Buchensteinwand, auf die ein Sessellift führt. „Es war sehr umstritten, lockt aber viele Touristen an“, berichtet Lisa Flatscher. Nach dem kurzen Zwischenstopp in Gesellschaft von zahllosen Selfie-Jägern am Kreuz wartet wieder Wintereinsamkeit. Über einen Weiler mit dem hübschen Namen „Flecken“ zieht sich der Winterweitwanderweg durch lichten Auwald zum bildschönen Pillersee – ohne einen einzigen Meter Asphalt.

Info: Kitzbüheler Alpen

Anreise
Mit dem Zug via München nach Wörgel, von dort weiter mit S-Bahn oder Regionalexpress, www.bahn.de, www.oebb.at

Unterkunft
Das Hohe Salve Sportresort in Hopfgarten überzeugt mit großzügigen Zimmern. DZ/F ab 127 Euro, www.dashohesalve.at. Der Penzinghof in Oberndorf glänzt mit Speisen aus heimischer Produktion. DZ/HP ab 224 Euro, www.penzinghof.at. Das Pillersee in St. Ulrich bietet süße Sünden im eigenen Café. DZ/F ab 126 Euro, www.daspillersee.at.

Essen und Trinken
Der Gasthof Obergaisberg ist eine urige Berghütte, www.obergaisberg.at. Dorfleben pur gibt’s beim Hauserwirt im Gasthof zur Post, www.hauserwirt.at

Winterweitwanderweg
Von Hopfgarten nach St. Ulrich am Pillersee, 63 Kilometer in vier Tagesetappen. Wanderführer findet man in den Regionen Hohe Salve, Brixental und Pillerseetal, www.hohesalve.com, www.brixental.com, www.pillerseetal.at

Allgemeine Informationen
Österreich Tourismus, www.austria.info; Kitzbüheler Alpen, www.kitzalps.com.