Banbo zappt sich durchs Fernsehprogramm. Foto: dpa

Im Menschenaffenhaus der Wilhelma verfügen die Bonobos über ein eigenes Fernsehprogramm. Die amerikanische Forscherin Amy Parish betreut die Primaten wissenschaftlich bei einer Art TV-Therapie. Laut Wilhelma einzigartig: Die Affen dürfen weiterzappen, wenn sie das Programm langweilt.

Im Menschenaffenhaus der Wilhelma verfügen die Bonobos über ein eigenes Fernsehprogramm. Die amerikanische Forscherin Amy Parish betreut die Primaten wissenschaftlich bei einer Art TV-Therapie. Laut Wilhelma einzigartig: Die Affen dürfen weiterzappen, wenn sie das Programm langweilt.

Stuttgart - Die Glotze läuft, und keiner schaut hin, nicht mal die Kleinen. Wo gibt’s denn so was? Bei den Bonobos in der ­Wilhelma, die doch eigentlich genau das tun sollen, was Eltern ihren Kindern so gerne verbieten – fernsehen. Dafür hat man den Primaten im neuen Menschenaffenhaus des Stuttgarter Zoos eigens einen Flachbildfernseher installiert. Über den Bildschirm flimmert eine Sendung, in der ein paar Artgenossen munter herumtollen. Doch was machen Banbo und Co.? Pflegerin Christin Zeltner hat zum Pantoffelkino Popcorn ­gereicht. Das stopfen die Affen erst mal in sich hinein, als wär es eine Henkersmahlzeit, anatatt fernzuschauen.

Dann dreht sich Banbo um und tapst mit Baby Alima im Arm zum Fernseher. Die Bonobo-Dame tippt auf einen der fünf Knöpfe, zappt weiter. Alles klar: Das Programm war langweilig. „Banbo ist die Einzige, die das Gerät bis jetzt auch selbstständig bedient, die anderen schauen bisher nur zu“, sagt Amy Parish.

Die blonde Frau stammt aus San Diego in den Vereinigten Staaten und ist Primatologin und Anthropologin. Sie erforscht das Verhalten von Menschenaffen, zum Beispiel dann, wenn die Tiere fernsehen. In Stuttgart betreut sie, wie sie sagt, ein Pilotprojekt. Forschung am fernsehenden Affen habe in der Zoologie bisher noch nirgends so stattgefunden wie in der Wilhelma. Einzigartig sei, dass die Tiere in Stuttgart die Möglichkeit haben, die Tasten selbst zu drücken.

Etwas über Intelligenz der Bonobos lernen

Ein erstes Ergebnis: Banbo zappt mit ihrem Daumen. Das sei ein Unterschied zu den Menschen, „wir drücken Schalter in der Regel mit unseren Zeigefingern“. Amy Parish erklärt auf Deutsch, wie ähnlich wir Menschen den Bonobos und ihren nahen Verwandten, den Schimpansen, sind. „Die genetische Übereinstimmung liegt bei 98,5 Prozent.“ Beruhigend, dass sich die gerade mal eineinhalb Prozent Andersartigkeit immerhin noch am Umgang mit moderner Telekommunikation festmachen lässt.

Was müssen jetzt auch noch die Affen glotzen, werden manche argwöhnen. Das sei ­wider die Natur, werden Tierschützer als Argument ins Feld führen. Natürlich, im Dschungel hängen keine Fernseher an den Bäumen. Und doch hilft die Glotze dabei, mehr über Bonobos zu erfahren, erklärt Amy Parish. „Über das Fernsehen können wir Genaueres über den Grad der Intelligenz der Bonobos lernen. In einem der Filme werde aggressives Verhalten gezeigt. „Wir erhoffen uns dadurch auch Erkenntnisse, wie die Tiere Aggressionen begegnen.“

Die Wilhelma-Bonobos wirken durch die Berieselung von der Mattscheibe eher belustigt, auf keinen Fall gequält. TV-Versuche im Twycross Zoo in Mittelengland, der früheren Heimat Banbos, haben ergeben, dass Bonobos Actionfilme mögen, sich bei Politiksendungen dafür eher langweilen. Fernsehen scheint für sie mit großem Spaß verbunden zu sein. Einem Fernsehmechaniker applaudierten die dortigen Primaten einmal im Stehen, als er ein defektes Gerät repariert zurückbrachte.

Kombote traut sich nicht umzuschalten

Erforschen will Amy Parish auch die unterschiedlichen Vorlieben von Männchen und Weibchen, was insofern besonders ist, als – anders als bei Schimpansen – bei Bonobos die Frauen das Sagen haben. Über das Fernsehen, so glaubt die Forscherin, lassen sich die Verhaltensweisen in einer weiblich dominierten sozialen Struktur erforschen.

Womöglich ist es kein Zufall, dass sich mit Banbo eine Äffin dem Gerät am meisten nähert. Auch Artgenossin Kombote zeigt Interesse an der Flimmerkiste, traut sich aber offenbar noch nicht, selbst umzuschalten. Liboso, eine weitere Frau aus dem Bonobo-Clan, „hat mal mit ihrem Fuß den Bildschirm betatscht – wie bei einem Touch-Screen“. Ein Kalauer, der auf keinen Fall fehlen darf. Zwei Wochen hatte es gedauert, bis Banbo von sich aus die Tasten berührte, berichtet Amy Parish. Bonobo-Männer halten sich bisher noch zurück.

Amy Parish kann genau beobachten, worauf die Tiere wie reagieren. Im für Besucher unzugänglichen Bereich des Affenhauses stehen zwei Monitore, einer zeigt den Film, den auch die Affen sehen, auf den anderen werden die Reaktionen der Bonobos übertragen, die eine im Gehege installierte Kamera aufnimmt. Den Affen der Wilhelma stehen derzeit fünf Filme zur Auswahl: ­Neben einer Naturdokumentation gibt es Videos, in denen Bonobos aggressiv sind, spielen, fressen und Sex haben. Tatsächlich läuft im Affenhaus eine Art Affenporno – was nicht verwunderlich ist.

Neben Fressen zählt Kopulieren zu den Hauptbeschäftigungen der Bonobos. Statt sich gegenseitig zu verletzten, schlichten sie auf diese Weise Streitigkeiten untereinander. Ob ihnen Wilhelma-Besucher dabei zusehen, ist ihnen einerlei. Gegen Sex hat die Glotze bei den Bonobos noch keine Chance.

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