Die Elefantenwelt, die in der Wilhelma gebaut wird, soll weltweit einzigartig werden. Die Tiere können sich begegnen und separieren, wie es ihnen gefällt. Der Neubau wird deshalb teilbar sein und fördert das Sozialverhalten der Tiere.
Stuttgart - Die Zucht von Elefanten in europäischen Zoos wird sich grundlegend verändern. Das kündigt Thomas Kölpin an, Direktor der Wilhelma und Dickhäuter-Spezialist. An den neuen Maßstäben muss sich die geplante Elefantenwelt messen. Am höchsten und nördlichsten Ende des zoologisch-botanischen Gartens, wo ehemals Ziegen dem Futter aus Kinderhand nachjagten, entsteht ein ehrgeiziges Projekt. Auf dem 1,5 Hektar großen Gelände entsteht eine Anlage, die sich dreiteilen und bei Bedarf wieder zusammenlegen lässt. „Elefanten sind sehr soziale Wesen“, sagt Thomas Kölpin. „Dass man ihre sozialen Bedürfnisse befriedigt, ist ein ganz wichtiger Schlüssel zum Wohlbefinden von Tieren.“
Jeder sucht mal Anschluss
In freier Wildnis lebten Elefantenkühe ihr Leben lang in einer Mutterherde mit sämtlichen weiblichen Verwandten und Jungtieren. Sobald Jungbullen aus der Mutterherde ausgeschlossen werden, schließen sie sich zu Junggesellenherden zusammen, suchen gelegentlich aber den Kontakt zur Mutterherde und zu Bullen und lernen dabei von den erwachsenen Tieren, wie man sich verhält. „Man hat in Zoos lange die Jungbullen separiert mit dem Ergebnis, dass sie soziale Defizite entwickelt haben und auch aggressiv gegenüber Kühen und Jungtieren wurden“, sagt der Zoo-Chef.
Elefanten entwickelten sich vergleichbar mit Menschen: „Sie werden ohne jedes Wissen geboren und müssen alles lernen, ein Leben lang, während andere Tiere alles über den Instinkt machen. Wir müssen ihnen in Menschenobhut also die Möglichkeit geben, zu lernen und ein komplexes Sozialverhalten zu entwickeln“, sagt Thomas Kölpin.
Badebecken und Dschungel für die Tiere
Für maximal sechs Mutterkühe samt ihrer Jungtiere, einen erwachsenen Zuchtbullen und drei halbwüchsige Bullen ist Platz im Elefantenhaus. Es soll innen unterteilt sein in große Laufstallflächen und große Boxen, die mittels Toren und Schiebern getrennt werden können, die aber auch geöffnet werden sollen, wenn es dem Bedürfnis der Elefanten nach Zusammenkunft entspricht. Fission & Fusion nennt sich das Prinzip, Teilen & Zusammenführen. Die Absperrungen seien „groß und wahrnehmbar“, weil Elefanten ja „gewisse Anpralllasten“ hätten, aber man werde mit Natursteinen, Holz und Kunstfelsen das Gehege natürlich gestalten – inklusive Badebecken und die Nachbildung eines Dschungels.
Das Dach ist jetzt „reduzierter“
Das Außengehege wird ebenfalls dreiteilbar sein. In zweien der Gehege haben die Elefanten eine Bademöglichkeit, im dritten eine Dusche, die sie selbst betätigen können. Der Boden ist innen wie außen sandig, und für die tägliche Hautreinigung sind Schlammsuhlen geplant. Die Freilauffläche soll von einer frei tragenden Kuppel überwölbt werden, reduzierter als ein früherer Entwurf, aber „weiterhin eine sehr attraktive Konstruktion“, sagt Kölpin. Angrenzend sei Gastronomie vorgesehen: „Die Leute können vom Restaurant aus, das olfaktorisch und akustisch geschlossen ist, durch eine Glasscheibe in die Elefantenhalle gucken.“
Den Kostenrahmen für den Neubau des Elefantenhauses hat Finanzminister Danyal Bayaz bei seinem Antrittsbesuch in der Wilhelma mit 50 Millionen Euro beziffert, die Summe soll in den Doppelhaushalt des Landes für die Jahre 2023/24 aufgenommen werden, eine Planungsrate von elf Millionen Euro ist im aktuellen Haushalt eingestellt. Der Förderverein der Wilhelma hat eine Mitfinanzierung in Höhe von zehn Millionen Euro zugesagt. Dessen Vorsitzender, Georg Fundel, hat diese Zusage jüngst erneuert.
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Die interdisziplinäre Bietergemeinschaft Mikolajczyk Kessler Kirsten mit Hermann+Bosch Architekten (Gebäudeplanung und Freianlagen), Knippers Helbig Advanced Engineering (Tragwerksplanung), Bantec GmbH (Technische Gebäudeausrüstung) hatte sich im Vergabewettbewerb durchgesetzt und eine Holzgitternetzschale mit einer Spannweite bis zu 100 Metern als Bedachung vorgeschlagen. Weil damit der Kostenrahmen erheblich überschritten wurde, „mussten die Pläne korrigiert worden“, so das Finanzministerium.
Wie Elefanten leben
Dessen ungeachtet soll das Elefantenhaus etwas Einzigartiges werden: „Es wird aus sozialen Gesichtspunkten die modernste Elefantenanlage der Welt“, sagt Kölpin, und erfülle künftig die von 2030 an für europäische Zoos verpflichtende Haltungsform des Geschützten Kontakts zwischen Elefant und Pfleger: eine Barriere zwischen den beiden verhindere die Dominanz des Tierpflegers und ermögliche den Tieren, ihre eigene Hierarchie zu entwickeln. „Wir wollen ja zeigen, wie Elefanten leben und interagieren und nicht, wie durch Menschen dominierte Tiere funktionieren“, sagt Kölpin. Wie unter diesen Voraussetzungen Tierpflege funktioniert, wie man trotzdem Blut nehmen oder Fußpflege machen kann, lernen die Tierpfleger schon jetzt, unter anderem im Züricher Zoo.
Info
Artenschutz
Die Wilhelma und der WWF haben gemeinsam das Team Elefant Stuttgart gegründet – eine Artenschutzkooperation, bei der Spenden für stark bedrohte Dickhäuter eingesetzt werden. Im Kui Buri-Nationalpark in Thailand unterstützt der WWF die Ausbildung, Ausstattung und Bezahlung von Rangern, die zum Schutz der rund 250 asiatischen Waldelefanten gegen Wilderei vorgehen. Damit die Tiere keinen Grund haben, die Schutzgebiete zur Nahrungssuche zu verlassen, pflegt der WWF Graslandschaften und schafft Salzleck- und Wasserstellen. Das soll Konflikte mit Bauern minimieren.
Chronik
2012 macht sich Wilhelma-Direktor Dieter Jauch stark für ein neues Elefantenhaus und rechnet mit einem Baubeginn 2015. Thomas Kölpin folgt als Direktor 2013 auf Jauch und hofft, auf dem Rohbau des Rosensteintunnels im Jahr 2017 mit dem Projekt beginnen zu können. 2018 ist klar, dass auch der Baustart 2020 nicht mehr haltbar ist. Die konkreten Planungen beginnen Anfang 2018, eine interdisziplinäre Bietergemeinschaft setzt sich beim Vergabeverfahren durch. Weil der vorgegebene Kostenrahmen erheblich überschritten ist, verfügt das Finanzministerium 2020 die Überarbeitung der Vorentwurfsplanung. Jetzt wird mit dem Baustart im Jahr 2024 gerechnet.