Handarbeit mit Lupe: Ein Jahr braucht Wilhelm Rieber für eine Uhr. Foto: Gottfried Stoppel

Mit seinen Tourbillons lotet Wilhelm Rieber die Grenzen der Feinmechanik aus. Sie zählen zu den geheimnisvollsten und teuersten Uhren der Welt.

Tiefenbronn - Newman trug sie gern an einem Military-Armband. Doch die „Paul Newman Daytona“ – weißes Zifferblatt, Zahlen im Art-déco-Stil, roter „Daytona“-Schriftzug über der Zeigerachse – wollte Ende der 60er keiner haben. Heute ist die Rennfahrer-Rolex eine Legende. Wer Glück hat, kriegt noch eine für 100 000 Euro.

Steve McQueen machte die Heuer Monaco in den 70er Jahren zum Kultobjekt. Wenn der King of Cool im Film „Le Mans“ seinen Gulf-Porsche 917 über die Strecke jagt, sieht man bei Naheinstellungen den Automatik-Chronografen mit dem eigenwillig rechteckigen Gehäuse und dem atlantikblauen Zifferblatt am Handgelenk blitzen.

Auch das „Michael Schumacher Tourbillon“ von Wilhelm Rieber gehört in die Liste sagenhafter Chronometer. Der siebenfache Formel-1-Weltmeister ließ sie sich 2006 fertigen: das Gehäuse aus Weißgold, das Werk aus Neusilber, auf der Rückseite die Initialen M.S. Ein paar Jahre später bremste ihn dann ein Skiunfall vom High­speedleben auf Tempo null herunter.

In seinem weißen Kittel sieht Wilhelm Rieber, Jahrgang 1958, aus wie ein Arzt – beim genauen Blick auf die extravagante Knopfleiste dann doch eher wie ein Künstler. Sein Atelier ist in einem Wohngebiet von Tiefenbronn. Nicht sehr groß, hell, aufgeräumt. Ein Meer aus Feilen auf der Werkbank. Nichts Digitales weit und breit.

Aus der Zeit gefallen

Hier sitzt er, die Lupe vors Auge geklemmt, die Arbeitsplatte auf Schulterhöhe, wie ein Kind am Erwachsenentisch. Stundenlang. Ein Uhrwerk, das irgendwo in der Werkstatt liegt, gibt der Stille einen Takt. Alle Stunde unterbrochen vom samtenen Schlag einer Standuhr im Nebenraum. Hier entstehen die rätselhaftesten und kostbarsten Uhren der Welt: Tourbillons. Ein Jahr braucht der Großmeister für ein Exemplar. Mit jeder Uhr trotzt er der Schwerkraft – wie sein Idol Breguet.

Im Juni 1801 wurden Abraham Louis Breguet die Patentrechte für sein Tourbillon (Wirbelwind) zugesprochen. Er hatte eine Lösung für das Problem gefunden, dass sich die Uhren damals fett und behäbig in den Westentaschen der Leute fläzten und so die Schwerkraft in immer gleicher Weise an den empfindlichen Bauteilen zerren konnte – was zu Ungenauigkeiten im Gang führte.

Abraham Breguet befreite Unruh und Feder, Anker und Ankerrad aus ihrer Starre und montierte sie in ein Drehgestell auf die Welle des ­Sekundenrades. In diesem filigranen Käfig rotierte das Herz der Uhr in nie gekannter Leichtigkeit, änderte fortwährend seine Lage und entzog sich so dem Klammergriff der Gravitation. Genial einfache Idee, extrem schwierig umzusetzen.

Heute bedarf es eigentlich keiner solcher Raffinessen mehr, schon gar nicht bei Armbanduhren. Tourbillons sind aus der Zeit gefallen. Und doch gelten sie immer noch als die Königinnen der ­Uhren. Wer sich an ein Tourbillon wagt, der ­betritt die Grenzbereiche der Feinmechanik.

Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir. Wie viel es geschlagen habe, genau seh ich an ihr. Es ist ein großer Meister, der künstlich ihr Werk gefügt. Wenngleich ihr Gang nicht immer dem törichten Wunsche genügt . . .

Wilhelm Rieber legt seine Uhren, alles Unikate, bis zum Innersten frei: Man kann dem munteren Schaukeln des Tourbillons zusehen. Wie ein Tanz zum sturen Tick-Tick des Uhrwerks, wenn sich mit jeder neuen Sekunde die Unruh in den Anker krallt. Meditative Mechanik. Für Rieber hat eine Tourbillon-Uhr etwas Magisches. Sie heißt ja auch nicht zufällig so. Ihr Erfinder Breguet spielte auf René Descartes’ Bestimmung der Kometenbahnen an: Der Philosoph und Mathematiker sah das Universum als einen endlosen, turbulenten Äther, in dem alle Sterne, Planeten, Kometen von Wirbelsystemen auf ihren Bahnen gehalten werden.

Breguet übertrug die Himmelsmechanik auf seine Uhren. „Sie müssen bedenken, mit welchen Werkzeugen, unter welchen äußeren Bedingungen er damals arbeitete. Trotzdem erreichte er eine solche Vollendung.“ Wilhelm Rieber hatte schon ein Breguet-Tourbillon bei sich zur Reparatur – „da bekam ich Gänsehaut“.

Das mechanische System des alten Meisters ist derart kompliziert und aufwendig, dass nur echte Virtuosen der Uhrmacherzunft überhaupt in der Lage waren, Breguets Erbe fortzuführen. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden gerade einmal 600 Tourbillons gefertigt. Bis heute beherrschen nur die besten Manufakturen die Herstellung von Tourbillons. Und weil jeder gerne zeigt, was er kann, hat jede Marke von Rang mindestens ein solches High-End-Maschinchen in seinem Katalog. Die „Classique Grande Complication“ der Breguet-Manufaktur zum Beispiel, die jetzt zur Swatch Group gehört. Preis: 210 000 Euro. Die „Master Grande Tradition Gyrotourbillon 3 Jubilee“ von Jaeger-LeCoultre: 400 000 Euro. Die „Quadruple Tourbillon à différentiel“ von Greubel Forsey: eine Million Euro. Die Audemars Piguet „Royal Oak Tourbillon Chronograph“: 180 000 Euro. Die A. Lange & Söhne „Lange Tourbillon Perpetual Calendar“: 220 000 Euro. Die Patek Philippe „Grand Complications“: 660 000 Euro.

Das vielstimmige Tickkonzert

Wilhelm Rieber nennt keine Preise. Aber wer eine seiner Uhren besitzt, hat die Alterssicherung sozusagen schon in der Tasche – oder am Handgelenk. Rieber ist der einzige Uhrmacher der Welt, der alle Teile (bis zu 170) von Hand fertigt. Ohne Computer, ohne CAD-Technik, ohne CNC-Fräsmaschine, ohne Funkenerosion, sogar ohne Zeichenbrett. Selbst die kleinsten Schräubchen sind maßgefertigt, passen nur zu einer einzigen Uhr.

Noch hat Wilhelm Rieber eine ruhige Hand, ­sehen seine Augen klar durch die Lupe. „Wenn ich in meinem Berufsleben auf 40 Uhren kommen will, muss ich noch lange gesund bleiben.“ Seit 1793, so besagt es eine Urkunde, die Johann Jakob Georg Rieber als Uhrenschmied und Spielmann ausweist, ticken seine Ahnen gleich. Wilhelm Rieber lebt die Tradition in der sechsten Generation. Er hat nie einen Gedanken daran verschwendet, nicht Uhrmacher zu werden. In der Familie erzählt man sich die Geschichte, wie sein Großvater den einjährigen Enkel auf den Schoß nahm und er in der Art, wie der kleine Wilhelm die Fingerchen bewegte, gleich erkannte: „Der hat Geschick. Der wird ein Uhrmacher.“

Seine Kindheit und Jugend, das sind in der Rückschau Eindrücke aus der Werkstatt in Winterlingen auf der Schwäbischen Alb: sein Vater, wie er Uhren von Junghans, Kienzle, Certina, Dugena, Alpina, Zentra und wie sie alle hießen reparierte. Die lustigen Kuckucksuhren. Das vielstimmige Tickkonzert. Der Chor der Pendeluhren zu jeder vollen Stunde. Bereits als achtjähriger Junge nahm Wilhelm eine Uhr komplett auseinander – was noch nichts Besonderes gewesen wäre, ­hätte er sie danach nicht wieder Stück für Stück zusammengebaut und zum Laufen gebracht.

Ich wollte, sie wäre rascher gegangen an manchem Tag. Ich wollte, sie hätte manchmal verzögert den raschen Schlag. In meinen Leiden und Freuden, in Sturm und in der Ruh. Was immer geschah imLeben, sie pochte den Takt dazu . . .

Die Uhrmacherlehre schloss er als Bester in ganz Deutschland ab. Bei der Bundeswehr blieb er einfach Uhrmacher, bekam sogar in einem Fünf-Tonner eine Werkstatt eingerichtet, damit war er auch bei Manövern immer einsatzbereit. Nach der Meisterprüfung spezialisierte er sich auf die ­Reparatur alter Uhren. Das macht er heute noch nebenbei, um sich nicht in seinen Tourbillons zu verlieren. Diesen Uhren kann man verfallen. „Das ist das Komplizierteste auf der Welt. Wie der Mount Everest für einen Bergsteiger“, sagt Rieber. 1984 begann er seine erste Tourbillon-Expedition, vier Jahre später war sie vollendet.

Um ein Tourbillon zu erschaffen, muss man fit sein, sagt Wilhelm Rieber. Nach drei, vier Stunden am Stück muss er sich der Uhr entziehen. Dann nagt die Erschöpfung an der Konzentration. Als er vor ein paar Jahren sein Haus umbaute, war es ihm nicht möglich, während dieser Zeit parallel weiter an seinem Tourbillon zu arbeiten. Er fand keinen Fokus. Und mit Trainingsrückstand kommt man nur sehr schwer wieder rein, das musste er auch lernen. Diese Uhr will uneingeschränkte Aufmerksamkeit.

Besonders heikle Schritte brütet Rieber über Tage, manchmal Wochen aus: „Plötzlich, das kann abends beim Fernsehen oder tagsüber bei einer Routinearbeit sein, bin ich bereit und setze mich sofort dran. Ich spüre, wenn der Moment da ist.“

Riebers Uhren sind weit verstreut

Die Uhr verlangt Gefühl. „Das Drehgestell ist so leicht wie sechs Reiskörner. Wenn ich da zu zart mit der Feile rangehe, wird es unpräzise. Aber nur einen Hauch zu fest, schon ist alles verbogen und hinüber.“ Die Gangfeder schleift er an ihrer schwächsten Stelle auf 0,02 Millimeter runter, er bohrt Gewinde mit 0,4 Millimeter Durchmesser, verbaut 0,12 Millimeter dicke Zapfen.

Wilhelm Rieber ist spezialisiert auf sogenannte Fliegende Tourbillons. „Alfred Helwig, Fachlehrer an der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte, hat sie im Jahr 1920 erfunden. Fliegende Drehgestelle können noch zarter und leichter konstruiert werden, weil sie nur einseitig gelagert sind“, referiert Rieber. Ihm ist es inzwischen gelungen, eine Chronometerhemmung mit Feder so weit zu verfeinern, dass sie in das fliegende Tourbillon einer Armbanduhr passt. Und die Art, wie Rieber das sagt, lässt einen vermuten: Das muss was ziemlich Besonderes sein.

Sie schlug am Sarge des Vaters, sie schlug an des Freundes Bahr. Sie schlug am Morgen der Liebe, sie schlug am Traualtar. Sie schlug an der Wiege des Kindes, sie schlägt, will’s Gott, noch oft. Wenn bessere Tage kommen, wie meine Seele es hofft. 

aus: „Die Uhr“ von Johann Gabriel Seidl (1804–1875), vertont von Carl Loewe (1796–1869)

Riebers Uhren sind weit verstreut: in der Schweiz, auf der Arabischen Halbinsel, in China, Singapur, England, Deutschland. Eine lag mal 15 Jahre in einem Tresor. Als der Kunde sie rausholte und aufziehen wollte, drehte er ins Leere. Feder gerissen, meinte er zu Rieber. Doch nach der langen Zeit hatte der Besitzer nur vergessen, dass man die Uhr linksrum aufzieht. Wie man ein Tourbillon 15 Jahre in ein dunkles Verlies sperren kann, wird Wilhelm Rieber nie begreifen.

Einen Nachfolger aus der Familie wird es nicht geben

Er selbst trägt eine Zenith, eine Automatik mit Hammerrotor aus den 50er Jahren – „damals wurde die besten Uhren gemacht“. Ein Sammler hat sie vor Ewigkeiten gegen die Reparatur einer anderen Uhr getauscht. Rieber sammelt nicht.

Manchmal, sagt er, komme es ihm vor wie eine Fügung, dass er solche Uhren macht. Manchmal, wenn wieder eine fertig ist, fragt er sich, ob er sie überhaupt gemacht hat – oder ob eine unsichtbare Hand ihn dabei führte. Tourbillons bestimmen sein Leben. Doch genauso wichtig ist ihm, dass er nach wie vor für Gebrauchsuhren aller Preisklassen da ist. Diese Alltagsreparaturen haben etwas Befreiendes. Sie erden ihn. „Man kann sich so stark auf Tourbillons fixieren, dass die ganze ­Sache kippt, man an nichts anderes mehr denken kann und für seine Mitmenschen irgendwann nicht mehr auszuhalten ist.“

Einen Nachfolger aus der Familie wird es nicht geben, die Tochter macht was ganz anderes. Einen Lehrling hatte er noch nie. Ein Praktikant war mal da, aber Rieber merkte schnell: „Ich kann hier niemand bei der Arbeit brauchen.“ Vielleicht, dass er später irgendwann Muße für einen Schüler findet, dem er alles weitergeben kann. Mal sehen. Bis jetzt, sagt er, ist ihm noch keiner über den Weg gelaufen, der dieses Blitzen in den Augen hatte.

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