Wild Tales: Jeder dreht mal durch Wenn man nur dürfte

Von Wolfram Hannemann 

Sechs schwarzhumorige Episoden über Menschen, die ausrasten: Jede der sechs ­Geschichten birgt reichlich Identifikationspotenzial. Wollte man sich nicht selbst schon einmal in ähnlichen Situationen gehen lassen und ganz der ohnmächtigen Wut hin­geben?

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "Wild Tales"

Alle Menschen haben sie: jene Schwelle, bis zu der sie oder er noch Mensch bleiben. Doch wehe, sie wird überschritten – dann Gnade Gott! In seinem Episodenfilm präsentiert der argentinische Regisseur Damian Szifron insgesamt sechs solcher Fälle, bei denen es zur Adrenalinexplosion kommt. Mit seinem schwarzhumorigen Thriller-Drama hat Szifron argentinische Filmgeschichte ­geschrieben – dort avancierten die „wilden ­Erzählungen“ zum erfolgreichsten Film aller Zeiten. Grund genug, den Film nun als ­offiziellen Beitrag Argentiniens ins Oscar-Rennen zu schicken.

» Trailer zum Kinofilm "Wild Tales"

Die voneinander unabhängigen Geschichten erzählt Szifron vollkommen nüchtern, ohne Pathos und aufbrausende Filmmusik; leider sind nicht alle gleich gut gelungen. So fühlt sich die Geschichte, in der ein Paar die eigene Hochzeitsfeier ins blanke Chaos stürzt, viel zu lang an. Weit überzeugender und originell dazu ist Szifron der Einstieg in seinen Film gelungen. Darin entpuppen sich alle Passagiere an Bord eines Flugzeugs nach und nach als Weggefährten desselben Mannes, eines gewissen Pasternak, Prototyp eines Losers. Keiner der Gäste hat eine besonders gute Meinung von dem armen Kerl – noch ahnen sie nicht, dass kein Geringerer als Pasternak selbst sich im Flugzeug befindet und einen maliziösen Plan hegt. Gerade diese Episode besticht auch in ihrer visuellen Umsetzung und macht Lust auf mehr.

Andere Geschichten erzählen vom nächtlichen Gast im Restaurant, den die Bedienung als jenen Mann erkennt, der ihre Familie ins Unglück stürzte; vom Sprengmeister, der vom Abschleppdienst drangsaliert wird und schließlich eine bombige Idee hat; von zwei Autofahrern, die sich auf einsamer Landstraße duellieren; und vom Millionär, der seinen Sohn von der Verurteilung freikaufen möchte, sich dadurch aber mit der Gier anderer Menschen konfrontiert sieht.

Das Schöne dabei: Jede der sechs ­Geschichten birgt reichlich Identifikationspotenzial. Wollte man sich nicht selbst schon einmal in ähnlichen Situationen gehen lassen und ganz der ohnmächtigen Wut hin­geben? In unserer zivilisierten Welt mit all ihren Zwängen und Regeln geht das freilich nicht. Umso mehr kann man sich hier ganz hämisch darüber freuen, als stiller Beobachter dabei zu sein, wenn andere genau das tun, was man selbst einmal gerne tun würde, wenn man nur dürfte.

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