Wiese im November 2014 bei einem Wrestling-Event in Frankfurt. Foto: dpa

Wie aus einem Fußball-Torwart eine Wrestling-Maschine wurde: Der ehemalige Nationalkeeper Tim Wiese stellt sich vor seiner zweiten Karriere in Frankfurt vor – mit markigen Worten und in der dritten Person.

Frankfurt - Irgendwann an diesem zweiten November-Nachmittag schien die Sonne dann wohl doch zu heftig in die Rotunde. In jener vollverglasten, exquisiten Räumlichkeit, die zur Frankfurter Festhalle gehört, saß Tim Wiese mittig an einem weißen Tisch – und wollte den Strahlen nicht schutzlos ausgeliefert sein. Also zog sich der 34-Jährige eine überdimensionale, dunkle Brille auf. Ab diesem Zeitpunkt war die Verwandlung komplett. Vom Fußball-Nationaltorwart zur Wrestling-Maschine binnen vier Jahren – bei so einem geht das.

In Frankfurt hatte Wiese einst am 26. Januar 2013 mit der TSG Hoffenheim sein letztes von 269 Bundesligaspielen bestritten. „0:1. Oder?“ fragte der gebürtige Bergisch-Gladbacher noch. Was leider nicht ganz stimmte. „Egal, wir haben alles verloren in der Zeit, wir waren kein gut eingespieltes Team damals“, erklärte Wiese noch. Es war der Anfang vom Ende für einen sechsmal unter Joachim Löw eingesetzten Nationaltorwart, der bei Werder Bremen einer der besten Ballfänger der Bundesliga gewesen war, doch im Kraichgau als Keeper und Kapitän alsbald auf dem Abstellgleis landete. All das hat er längst abgehakt, wie er beteuerte. „Mit dem Fußball habe ich abgeschlossen. Ich werde jetzt 35 und bin im besten Alter für Wrestling.“

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An seiner Seite hockten zwei ungefähr gleichaltrige Genossen unter Obhut der World Wrestling Entertainment (WWE). Rechts ein vollbärtiger Ire, der sich „Sheamus“ nennt. Links ein jovialer Schweizer, der auf „Cesaro“ hört. Beide werden an diesem Donnerstag seine neuen Teamgefährten sein, wenn in der Münchner Olympiahalle ab 19 Uhr die zweite Karriere beginnt. Der viel beachtete Neuling tritt im Rahmen der am Mittwoch in Frankfurt angelaufenen Live-Tour auf, die anschließend noch in Oberhausen und Berlin gastiert.

Sein neuer Künstlername ist Programm: The Machine

Gelüftet wurde am Mittwoch das Geheimnis um Wieses Kampfnamen. „The Machine“ – die Maschine. Der 1,93-Meter-Muskelprotz hat sich das nicht ausgesucht, aber er findet das sehr passend. „Ich habe einige Schlachten geführt in meinem Leben. Es gibt für mich nur ein Ziel: die Zerstörung meines Gegners. Ich fackele nicht lange, ich haue drauf.“ Da beherrscht einer das branchenübliche Getrommel beim moderierten Round-Table-Gespräch bereits perfekt. Der WWE kommt ein Protagonist, der die überdimensionierte Strahlkraft des Fußballs in ihr durchchoreographiertes Gewerbe trägt, wie gerufen. Die, die ihn belächeln, lacht er aus: „Was andere Leute denken, ist mir wurscht. Ich arbeite mit dem gleichen Ehrgeiz wie im Fußball. Der liebe Gott hat mir diesen Willen geschenkt.“ Nicht nur verbal, sondern auch rein äußerlich hat sich Wiese auf das Niveau eingelassen: Der Selbstdarsteller stellt sich der Herausforderung mit tiefengebräunter Haut und an den Schläfen rasierten Haaren. Überall hat er seinen Körper umgeformt: Aus einem Lebendgewicht von knapp 90 Kilo ist mittlerweile ein Kampfgewicht von 117 Kilo geworden. Der 1,93-Meter-Mann verzehrt kiloweise Bisonfleisch: „Ich habe im Monat 100 Euro dafür ausgegeben“. Das Wachsen seiner Muckis konnten seine Fans in den sozialen Netzwerken verfolgen.

Die große Show passt zu einem, der von sich in der dritten Person sprechen kann, ohne sich groß verstellen zu müssen: „Ein Tim Wiese kennt keine Schmerzen.“ Und: „Es kann kommen, wer will: Ich werde durch den Ring fegen wie ein Tornado.“ Er sei aber angespannt, gab er noch mit einem Augenzwinkern zu, „aber ich gehe ohne Angst ins neue Business.“ Beim Wrestling geht es ja vor allem um eines: eine perfekte Inszenierung. Eins-gegen-eins-Duelle wie früher auf dem Rasen bleiben ihm im Ring erspart: Der Novize soll zunächst an der Seite der gestern anwesenden Szene-Größen in einem Sechs-Mann-Match gegen „The Shining Stars“ mit „Bo Dallas“ kämpfen.

Der Familienvater Wiese, der mit Frau Grit Freiberg-Wiese und Tochter Alina in Bremen-Borgfeld lebt, sieht sich bestens gerüstet. „Ich hätte mir das Training nie so hart vorgestellt. Es ist unglaublich, was da an körperlicher Arbeit hintersteckt.“ Sechs bis acht Stunden bei den Tryouts in den USA mitunter täglich. Als der erste Anruf aus dem Wrestling kam, das ihn angeblich seit seiner Kindheit faszinierte, habe er noch an „eine Verarschung“ gedacht. Eine Einladung von Vizepräsident Paul Levesque, als „Triple H“ selbst einer der größten seiner Zunft, zu einem Kurs in Florida verfehlte nicht ihre Wirkung: Der Kurs hinterließ einen bleibenden Eindruck, seit dem Sommer quälte sich Wiese noch mehr. Levesque ist sich sicher: „Tim bringt als Leistungssportler alles mit.“ Sogar die Sonnenbrille für den passenden Moment.

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