Im 19. Jahrhundert zog am Wiener Hof eine Frau die Fäden, der man den Titel „heimliche Kaiserin von Österreich“ gab: Erzherzogin Sophie, die Mutter von Kaiser Franz Joseph. Bis heute ist sie als die böse Schwiegermutter Sissis im Gedächtnis geblieben.
„Leider wird nicht von jenen, die mich kennen, Geschichte gemacht! Und es ist ein böses Gefühl, zu bedenken, dass selbst bis über das Grab hinaus die üble Nachrede dauert.“ Erzherzogin Sophie, die Mutter des österreichischen Kaisers Franz Joseph, muss geahnt haben, dass ihr die Geschichte nicht wohlgesonnen war. Schon von Zeitgenossen als böser Geist und politische Intrigantin am Wiener Hof diffamiert, haftete ihr die Nachwelt noch das Etikett der bösen Schwiegermutter an, besonders prononciert in den „Sissi-Filmen“ der 1950er Jahre.
Neuere Studien zeichnen indes das Bild einer tatkräftigen, zielstrebigen und pflichtbewussten Frau, welcher der Ruf vorauseilte, an einem an Schwächlingen reichen Wiener Hof „der einzige Mann“ zu sein. Dort stieß die intelligente Frau in ein Vakuum, das sie bald ganz mit ihrer starken Persönlichkeit ausfüllen sollte.
Lähmung der Habsburgermonarchie
Prinzessin Sophie von Bayern, 1805 in München geboren, kam im Alter von 19 Jahren nach Wien. Dort herrschte seit 1804 Kaiser Franz I., ein etwas phlegmatischer Monarch, der „regieren wollte, ohne etwas zu verändern“. Dieser Reformunwille führte seit den 1830er Jahren zu einer inneren Lähmung der Habsburgermonarchie. Statt Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit zu geben, saß man in der Wiener Hofburg die Probleme lieber aus. Anders als die männlichen Repräsentanten der Habsburger erkannte die junge Prinzessin aus Bayern schon bald, dass eine Politik des „Weiter so“ eine Gefahr für die Monarchie darstellte.
Ihr Vater Maximilian Joseph I., seit 1806 König von Bayern, hatte Sophie mit Erzherzog Franz Karl, dem zweiten Sohn des Kaisers Franz I. aus dessen zweiter Ehe, verkuppelt. Der zukünftige Gemahl war keine stattliche Erscheinung, aber eine gute Partie mit Aussichten auf den Thron. Denn der erstgeborene Ferdinand, Spross aus einer Ehe zwischen Vetter und Base, war ein typisches Produkt habsburgischer Inzucht und schien wegen seiner Geistesschwäche für die Kaiserwürde ungeeignet.
Politik schert die Erzherzogin wenig
Nach der Hochzeit am 4. November 1824 zog die bayerische Prinzessin in die Hofburg. Die junge Erzherzogin kümmerte Politik zunächst wenig. Sie war damit beschäftigt, ihre dynastische Aufgabe zu erfüllen: Nach zwei Fehlgeburten brachte sie am 18. August 1830 einen gesunden Knaben zur Welt. Eine schwere, aber für Familie und Kaiserreich schicksalhafte Geburt.
Sophie war überzeugt, dass ihr Sohn Franz Joseph das Zeug zum Kaiser hatte, doch sie musste sich in Geduld üben. Kronprinz Ferdinand war zwar debil und nicht zeugungsfähig, doch Staatskanzler Metternich glaubte, dass der Epileptiker regierungsfähig sei – wohl auch, um seine eigene Macht zu stärken. Vorerst fügte sich Sophie in das Unvermeidliche.
Ein Trottel auf dem Thron
Am 2. Mai 1835 starb Franz I. und die Kaiserwürde ging auf den kranken Ferdinand über. Österreich war nun im Grunde eine „Monarchie ohne Kaiser, mit einem Trottel als Repräsentanten der Krone“, wie Sophie verärgert konstatierte. Doch die Erzherzogin konzentrierte sich ganz auf die Ausbildung ihres Erstgeborenen. Als weitsichtige Frau hatte sie früh die politischen Probleme ihrer Epoche erkannt und protegierte ihren Sohn als große Zukunftshoffnung der österreichischen Monarchie.
Als im März 1848 in Wien die Revolution ausbrach, glaubte sie durch den Sturz des verhassten Metternich, an dem sie beteiligt war, das Ärgste verhindern zu können. Ein Trugschluss. Bald schlugen die Wogen des Aufruhrs auch über ihr und ihrer Familie zusammen. Im Mai flüchtete der Hof nach Innsbruck, im Oktober ins mährische Olmütz.
Revolution in Wien
Doch die Erzherzogin ließ sich nicht unterkriegen. Noch bevor kaiserliche Truppen Wien Ende Oktober 1848 zurückeroberten, baute sie im Exil an einer neuen Zukunft. Österreich benötigte in dieser aufgewühlten Zeit einen jungen, unverbrauchten Kaiser. Zusammen mit dem neuen Ministerpräsidenten Fürst Schwarzenberg gelang es Sophie, den Thronwechsel in die Wege zu leiten: Am 2. Dezember 1848 dankte Ferdinand ab und übergab die Regierung an seinen 18-jährigen Neffen, Franz Joseph.
Sophie blieb in den nächsten Jahren die wichtigste Bezugsperson des jungen Kaisers, der seine Mutter liebte und auf ihre Meinung hörte. Von der Mutter politisch beraten, nahm Franz Joseph Schritt für Schritt die Zugeständnisse zurück, die der Hof in den Revolutionstagen hatte machen müssen. Die parlamentarische Ministerverantwortlichkeit wurde aufgehoben, das Ministerium dem Willen des Monarchen unterstellt und durch das kaiserliche „Silvester-Patent“ am 31. Dezember 1851 der Absolutismus wiederhergestellt. Österreich war wieder eine unumschränkt regierte Monarchie, ohne Parlament und Verfassung.
Sophie ist die graue Eminenz
Sophie, eine energische Verfechterin einer Herrschaftsordnung von Gottes Gnaden, galt fortan als das eigentliche Machtzentrum in der Hofburg. Ihre politische Rolle war derart bestimmend, dass sie als „heimliche Kaiserin“ bezeichnet wurde. Was den Wiener Hof in den 1850er Jahren auch umtrieb, Franz Joseph beriet sich mit seiner Mutter. Für Sophie war es auch selbstverständlich, sich der Erziehung ihrer Schwiegertochter Elisabeth zuzuwenden.
Als die junge Kaiserin ihre ersten drei Kinder zur Welt brachte, bestand die resolute Erzherzogin darauf, dass diese unter ihrer Aufsicht groß wurden. Damit lieferte Sophie den Grund für einen Konflikt, der ihr den Ruf der „bösen Schwiegermutter“ einbrachte. Dabei war es noch nicht einmal Bosheit. Sophie war ein typisches Geschöpf des Absolutismus; Gefühle zu zeigen war der an Selbstverleugnung und eiserne Disziplin gewöhnten Frau ein Graus.
Sissi emanzipiert sich
Mit den Jahren wurde Sophies Einfluss schwächer. Der Kaiser emanzipierte sich von ihr auf politischem, die Kaiserin auf erzieherischem Gebiet. In ihren letzten Jahren wurde es um die einst so einflussreiche Frau immer stiller. Nach dem tragischen Tod ihres zweiten Sohnes Maximilian in Mexiko 1867 zog sie sich aus der Politik zurück. Im Mai 1872 erkrankte die Erzherzogin schwer und starb. Der Schweizer Gesandte in Wien schrieb anlässlich ihres Todes nach Bern: „Die Erzherzogin Sophie war ohne Zweifel unter allen Frauen des Kaiserhauses die bedeutendste politische Erscheinung.“