Das ausgebrannte Metallgerippe des Bus auf der A9 bei Münchberg. Foto: AFP

Bei einem tragischen Busunglück in Nordbayern sind 18 Menschen ums Leben gekommen, 30 Insassen wurden zum Teil schwer verletzt. Der Unfall wirft Fragen zur Sicherheit auf.

Stuttgart/Münchberg - Bei dem schweren Busunglück am Montag auf der A9 in Oberfranken sind laut Polizeiangaben 18 Menschen ums Leben gekommen. 30 der 48 Insassen seien verletzt worden – einige von ihnen schwer, teilte die Polizei am Montag mit.

Bei den Businsassen handelt es sich um eine Seniorengruppe aus Sachsen. Ihr Fahrzeug war um kurz nach 7 Uhr nahe Münchberg bei sich stauendem Verkehr auf einen Sattelzug geprallt und sofort in Flammen aufgegangen. Wir zeigen ihnen, wie es um die Sicherheit deutscher Reisebusse bestellt ist.

Der Fernbus-Markt boomt. Wie viele Menschen fahren in Deutschland mit Fernbussen?

Laut Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (BDO) reisten 2016 mehr als 23 Millionen Fahrgäste mit einem Fernbus – 4,3 Prozent mehr als 2015. Im Jahr 2013 waren es noch 8,2 Millionen Passagiere. Nach Angaben des Auto Club Europa (ACE) in Stuttgart wurden 2016 im Fernbusverkehr insgesamt 7,152 Milliarden Personenkilometer in Deutschland zurückgelegt.

Wie sicher sind Fernbusse?

Der Unfallstatistik des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zufolge sind Busse sowohl im innerstädtischen Verkehr wie im Reiseverkehr eines der sichersten Verkehrsmittel. Das Risiko, während einer Busfahrt tödlich verletzt zu werden, ist demnach 14-mal geringer als beim Auto. Für 2004 bis 2014 ermittelte Destatis 0,18 getötete Businsassen auf eine Milliarde Personenkilometer (Pkw: 2,54 Getöteten pro eine Milliarde Personenkilometer). Nur die Eisenbahn ist noch sicherer (0,04 Getötete pro eine Milliarde Personenkilometer).

Was hat sich mit der Liberalisierung des Fernbusverkehrs im Jahr 2013 in puncto Sicherheit auf deutschen Straßen verändert?

„Der Reisebus ist zwar weiterhin nach der Bahn das sicherste Verkehrsmittel in Deutschland, doch steigen die Unfall- und Verunglücktenzahlen an. Auf Autobahnen war binnen der vergangenen zwei Jahre ein Anstieg schwerer Busunfälle um zehn Prozent zu verzeichnen“, heißt es in einer Mitteilung des Auto Club Europa. Demzufolge stieg die Anzahl der verunglückten Businsassen zwischen 2012 und 2014 von 224 auf 408 Personen – eine Steigerung von 82 Prozent. Wurden 2012 noch 30 Fahrgäste schwer verletzt, waren es 2014 schon 103.

Diese rasante Zuahme ist vor allem ein statistisches Problem. Angsichts der – im Verhältnis zu Pkws und Lkws – extrem niedrigen Unfallzahlen bei Fern- und Reisebussen bedeutet jeder Unfall einen hohen prozentualen Zuwachs. Ein Unglück wie jetzt auf der A9 bringt die ganze Statistik völlig aus dem Lot.

Was sind die häufigsten Unfallursachen bei Bussen?

Bei Fernbus-Unfällen auf Landes- und Bundesstraßen sowie Autobahnen sind die häufigsten Ursachen mangelnder Abstand, falsche Straßenbenutzung und Vorfahrtsverstöße. Übermüdung der Fahrer wurde von der Polizei bei nur sechs Unfällen mit Personenschaden protokolliert.

Wie steht es um die technische Sicherheit von Fern- und Reisebussen?

Fern- und Reisebusse müssen alle sechs Monate zur TÜV-Zwischenuntersuchung, jedes Jahr steht eine Hauptuntersuchung an. Die meisten Busse sind nicht älter als zehn Jahre und verfügen serienmäßig über moderne Sicherheitssysteme wie Notbremsassistenten, Abstandshaltungs-Systeme und Scheibenbremsen. Sicherheitsgurte für alle Fahrgäste sind schon seit langem verpflichtend.

Warum bemängelt dann der ADAC die Sicherheit von Fern- und Reisebussen?

Für den ADAC sind die gängigen Sicherheitsstandards bei Fernbussen (und auch Lkws) nicht ausreichend. Vor allem das Notbremssystem weise Mängel auf, auch wenn eine Deaktivierung des Notbremsassistenten im Alltagsbetrieb „sehr unwahrscheinlich“ sei. Die gesetzlichen Vorschriften für den automatischen Notbremsassistenten seien zu „moderat“, warnt der ADAC.

Ein Beispiel: Fährt ein Bus mit 80 Kilometer pro Stunde auf ein stehendes Hindernis auf, so wird die Fahrgeschwindigkeit durch das Bremssystem nur um 20 km/h vermindert. Die Aufprallgeschwindigkeit des tonnenschweren Fahrzeuges beträgt damit immer noch mindestens 60 km/h. Fazit des ADAC: „Die gesetzlichen Anforderungen an das Notbremssystem liegen sehr weit unter den technischen Möglichkeiten.“

Fallen Fern- und Reisebusse bei Polizeikontrollen besonders häufig auf?

Kritik kommt auch vom Verband Mobifair, der vor „zunehmenden Sicherheitsrisiken bei Busfahrten“ warnt. Polizeikontrollen von Reisebussen hätten 2016 „eine erschreckend hohe Zahl von Verstößen“ zutage gebracht. So sind Mobifair zufolge im Weihnachtsverkehr 2016 von 37 Reisebussen nur zwei nicht beanstandet worden. 43 Verstöße seien protokolliert worden.

Laut Bundesamt für Güterverkehr wurden im ersten Halbjahr 2015 bei Polizeikontrollen von Fernbussen 27 Prozent der Fahrzeuge beanstandet – das waren von 217 kontrollierten deutschen Fahrzeugen 61 Busse. 2014 waren es knapp 15 Prozent, wie aus einem Sonderbericht des Bundesamtes hervorgeht.

Wie wird die Sicherheit von Fern- und Reisebussen überwacht?

Laut Internationalem Bustouristik Verband RDA werden die Lenk- und Ruhezeiten der Busfahrer mit Hilfe von sogenannten EG-Kontrollgeräten (auch Tachograf genannt) kontrolliert, die über einen Zeitraum von 31 Tagen aufzeichnen. Die Busunternehmen müssen die gespeicherten Daten für ein Jahr aufbewahren.

Dasselbe gilt für die Fahrerkarte, in der Busfahrer die Reise- und Ruhezeiten eintragen müssen. „Dadurch haben wir eine ganz große Ruhe in das Thema Lenk- und Ruhezeiten reinbekommen. Wir haben keine übermüdeten Fahrer mehr“, sagt RDA-Sicherheitsexperte Johannes T. Hübner. Bei jedem längeren Stop müsse der Busfahrer außerdem das Fahrzeug kontrollieren und eine Sicherheitscheckliste abhaken.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: