Leonardo DiCaprio und Tom Hanks im Gespräch mit Thomas Gottschalk und Steven Spielberg (von links) bei „Wetten, dass..?“ im Jahr 2003 in Böblingen. Foto: ZDF/Sauerbrei

Sechs Mal sendete das ZDF den einstigen Straßenfeger „Wetten, dass...?“ aus der Böblinger Sporthalle auf die Mattscheiben der Nation. Doch was trieben die Stars abseits des Show-Zirkus? Eine Spurensuche.

Dreimal sei er hier gewesen, erinnert sich Alfredo Croce sofort. Genau hier, in dem Separee mit der gemütlichen Holzvertäfelung, sei der bevorzugte Sitzplatz des goldgelockten Entertainers Thomas Gottschalk gewesen. Croce, den in Böblingen jeder nur unter seinem Vornamen Alfredo kennt, sitzt in seinem gleichnamigen Lokal im Böblinger Künstlerviertel genau dort am Tisch und lässt die Zeiten Revue passieren. Im Jahr 2003 wurde „Wetten, dass...?“ zum letzten Mal von Böblingen aus gesendet, mit hochkarätiger Besetzung. Der Schauspieler Tom Hanks saß auf Gottschalks Couch, Regisseur Steven Spielberg, der Schauspieler Leonardo DiCaprio daneben.

 

In wenigen Tagen, am 25. November, wird es ein weiteres letztes Mal bei „Wetten, dass...?“ geben: Thomas Gottschalk verabschiedet sich zum dritten und voraussichtlich allerletzten Mal von der größten Fernsehshow des Kontinents. Der TV-Opa mit Föhnfrisur und lockerer Zunge, der schon lange abgeschrieben war und der trotz beißender Kritik bei seinem zweiten „Wetten, dass...?“-Comeback im Jahr 2021 sage und schreibe 14,46 Millionen Menschen vor die Bildschirme lockte.

Es muss was dran sein am kollektiven Daumendrücken

So eine Quote erreichen sonst nur Endspiele mit deutscher Beteiligung bei Fußball-Weltmeisterschaften. Es muss also etwas dran sein an diesem kollektiven Daumendrücken, bei dem Menschen Dinge tun, die mitunter die Vorstellungskraft sprengen: Beatles-Songs rückwärts erraten (2012), einen VW-Bus allein mit Pustekraft umkippen (1987) oder Kühe am Schmatzgeräusch erkennen (2007).

Dabei versammelte sich die ganze Familie vor dem Fernseher: Kinder im Pyjama, Opa im Pullunder. Neben den haarsträubenden Wetten wartete man gebannt darauf, ob und in welches Fettnäpfchen Gottschalk wohl dieses Mal treten würde? Was er zuverlässig tat. „Wetten dass...?“ war und ist Kult – und Böblingen hat seinen Anteil daran. Sechsmal wurde der Show-Dinosaurier aus der Stadt gesendet. 1981 war die Kongresshalle Produktionsort, dann 1985, 1997, 1999, 2001 und 2003 die Sporthalle.

Strandparty auf dem Marktplatz

Unvergessen, wie die Stadtwetten Böblingen auf die Beine brachte: Im November 2001 gab es eine Strandparty auf dem Marktplatz, 2003 eine Love-Parade. Doch wenn die Sendung abmoderiert, das Show-Sakko abgelegt war und die Föhnfrisur nicht mehr ganz perfekt saß, suchten die Promis Privatheit. „Der Tisch im Separee hatte den Vorteil, dass man ihn vom Gastraum aus nicht so gut einsehen und mit einer Schiebetür verdecken konnte“, sagt der 70-jährige Alfredo. Das sei den Stars lieber gewesen, sie seien ja auch nur Menschen, die ungestört zu Abend essen wollten. Heute geht in seiner Gaststätte noch die Lokalprominenz ein und aus. An die Zeiten, als die Sporthalle am Murkenbach Stars und Sternchen in die Stadt spülte, erinnern nur noch die Fotos an der Wand auf dem Weg zum stillen Örtchen. Hübsch aufgereiht hängen sie dort, die Showgrößen der Achtziger-, Neunziger- und Nullerjahre. „Wetten, dass...?“-Erfinder Frank Elstner ebenso wie Karl Dall, Kurt Felix, Cherno Jobatey, Roland Emmerich, die Kessler-Zwillinge – und natürlich Gottschalk. „Wir haben die immer behandelt wie normale Gäste“, sagt Alfredos Ehefrau Anna, die ihm heute wie damals treu zur Seite steht. „Ich glaube, das mochten die.“

Im Showzirkus des ZDF jedenfalls schien sich das Restaurant da Alfredo als gehobener Italiener herumgesprochen zu haben. Ungestört dinieren, abseits vom Rummel. Wobei, ganz ohne Rummel ging es auch bei Alfredo nicht ab. Einmal gab Eros Ramazotti ein Konzert in der Sporthalle. Klar, dass der Italo-Star hernach bei einem Landsmann seinen Hunger stillte. Croce: „Schon Tage vorher kam sein Manager zu mir, um den Besuch abzuklären.“ Als es soweit war, hatte sich der Aufenthaltsort des Stargasts unter den vorwiegend weiblichen Fans allerdings schon herumgesprochen. „Da standen 200, 300 draußen vor dem Lokal, wir mussten Ramazotti abschirmen“, berichtet er.

Ramazotti entschwand durch die Hintertür

Nur wenige, ganz glühende Verehrerinnen wurden vorgelassen, Ramazotti gab vereinzelt Autogramme. Doch dass der Star das Lokal zur Vordertür hätte verlassen können – undenkbar. „Er ist dann durch die Küche und den Hinterausgang hinausgeschlüpft“, erzählt Croce und schmunzelt. Auf einem der Bilder an der Treppe ist Ramazotti zu sehen, wie er mit der Küchencrew posiert. Dabei wirkt er mehr wie ein Junge von nebenan, nicht wie ein abgehobener Popsänger. Überhaupt können sich Alfredo und Anna nur an wenige Allüren erinnern. „Gottschalk hat mir immer imponiert, weil er so menschlich war“, sagt der Wirt, der seine Wurzeln in einem kleinen Dorf in der Nähe der Ruinenstadt Pompeji hat.

„Bei einem seiner Besuche waren gleichzeitig 24 Musiker vom Südwestrundfunk zu Gast, Gottschalk hat ihre komplette Rechnung übernommen, einfach so“, erinnert er sich. Kulinarisch habe der Entertainer in der schwäbischen Provinz sogar Neuland betreten. „Einmal bestellte er die gegrillten Austernpilze und war vollauf zufrieden. Er sagte, er sei ja kein Vegetarier, aber jetzt denke er darüber nach“, erinnert sich der Wirt mit dem weißen Rauschebart.

Wenn der „Wetten dass...?“-Rummel in die Stadt kam, konnte es vorkommen, dass Stars gleich dreimal an einem Wochenende zum Essen kamen. „Freitags war Generalprobe, Samstags die Show, manche blieben bis Sonntag.“ Rund 300 Mitarbeitende zählte der Tross, der dann die Hotels in der Umgebung bevölkerte. Ein echter Wirtschaftsfaktor also. Bettete Gottschalk einst sogar sein güldenes Haupt auf einem Böblinger Kissen? Wohl eher nicht. „Ich glaube, der war immer in Sindelfingen untergebracht, Marriott vermute ich“, sagt Alfredo, er ist sich aber nicht ganz sicher. Bitter für die Böblinger Seele, dass sie den Entertainer ausgerechnet mit Sindelfingen teilen musste.